Merkwürdige Erfahrungen

E5.

Zusammengeschlagen

Auf dem Weg von der Schule nach Hause hielten mich vier Zehntklässlerinnen auf. Ich selber muß so etwa zehn Jahre alt gewesen sein - sie 16 oder 17. Sie machten durch ihr Verhalten unmißverständlich klar, daß sie mich verprügeln wollten. Klar war auch, daß sie nichts tun wollten, was wirklich gefährlich war. Höchstens unangenehm. Sie waren Kinder, die sich ein Vergnügen daraus machten Anderen wehzutun, keine Mörder. Eine Charakterschwäche.

Ich bleib stehen und schätzte die Situation ab. Weglaufen war sinnlos, da ich meinen Schulranzen mitnehmen mußte, weil sie sonst ihr Mütchen daran kühlen würden, sie ihre Ranzen aber liegenlassen konnten und mich deshalb einholen würden. Außerdem war der Abstand zu ihnen einfach zu kurz. Ein Erwachsener, den ich um Hilfe bitten könnte, war nicht in erreichbarer Nähe und die anderen Kinder machten keine Anstalten mir zu helfen. Körperlich war ich ihnen sowieso hoffnungslos unterlegen, es blieb halt nur die Frage, ob ich mich wehren sollte oder mir diese Mühe sparen wollte.

Ich überlegte. Wenn ich mich nicht wehren würde, würden sie daraus lernen, daß sie mit Gewalt straflos durchkämen. Das ist falsch, denn in unserer Gesellschaft werden Raufbolde verachtet. Außerdem würden sie so etwas dann immer wieder machen - und auch mit Leuten, die da innerlich weniger mit zurechtkommen als ich. Also würde ich kämpfen und ihnen zeigen, daß es so einfach nun auch wieder nicht ist, zu viert eine Jüngere und Schwächere zu verprügeln. Ich wollte sie nicht verletzen, ihnen nur einen Denkzettel verpassen.

Ich legte den Ranzen ab und griff an.

Den genauen Verlauf des Kampfes habe ich nicht mehr im Kopf. Es lief jedoch so, daß sie versuchten mich festzuhalten, indem sich jeweils eine von ihnen auf meinen Brustkasten setzte oder stellte während die Anderen nach mir schlugen oder traten. Ich wand mich immer wieder aus diesem Griff heraus und wehrte mich nach Leibeskräften. Wie vorausgesehen, hatte das keine für mich sichtbare Wirkung. In einem Kampf, wo es nicht um Leben und Tod geht, sind vier erheblich größere, schwerere und stärkere Gegner ganz einfach zu viel. Ich merkte, wie ich vor Schmerzen die ganze Zeit weinte, schenkte dieser automatischen körperlichen Reaktion jedoch keine Beachtung sondern konzentrierte mich ausschließlich auf das kämpfen.

Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat. Mein Zweitgefühl ist sowieso nicht sehr einheitlich und in einer solchen Ausnahmesituation wie einem aussichtslosen Kampf, weicht die Zeitwahrnehmung noch erheblich stärker vom üblichen ab als sonst. Jedenfalls hörten sie irgendwann dann doch auf und gingen weg.

Ich stand auf und fühlte in meinen Körper hinein, ob dort alles in Ordnung war. Das meiste waren nur blaue Flecken - also unwesentlich. Doch jeder Atemzug wurde in der Mitte durch einen scharfen Schmerz im Bruskorb unterbrochen. Da schien also wirklich etwas kaputt zu sein. Ich betasete die Stelle mit der Hand. Sie fühlte sich normal an, tat nur weh. Also war noch alles an der Stelle, wo es hingehörte. Ich beobachtete meinen Körper. Jeder Atemzug tat weh, aber der Schmerz wurde auch nicht schlimmer.

Ich überlegte, was ein Arzt in einer solchen Situation tun könnte. Und kam zu dem Ergebnis: Nichts als Schonung verschreiben und warten, bis es von allein heilt. Dazu brauchte ich keinen Arzt. (Anmerkung: Es handelte sich offensichtlich um eine gebrochene Rippe, und wie ich bei späterer Gelegenheit erlebt habe, wird da tatsächlich nicht mehr getan als abwarten, bis es von alleine heilt.)

Also beschloß ich, zuhause nichts davon zu erzählen. Es gibt nämlich ein paar Dinge, die ich zum Tod nicht ausstehen kann: Mitleid und nutzlose Ratschläge, die ich schon auswendig kenne. Und das war nach meinen Erfahrungen die einzige Reaktion, die Erwachsene für solche Dinge parat hatten.

Jahre später begegnete ich einem der vier Mädchen wieder. Ich war zusammen mit meiner vier Jahre jüngeren Schwester auf dem Heimweg von einem Töpferkurs, an dem wir teilnahmen. Sie kam hinter uns auf die Straße und drohte uns an, sie würde uns verprügeln. Ich schickte meine Schwester Uta mit den zerbrechlichen Töpfersachen vor und sagte ihr, daß ich das Mädchen aufhalten würde. Zu meinem Erstaunen traute sie sich jedoch nicht an mich heran. Das erschien mir widersinnig, da sie ja erheblich größer und stärker war als ich und ich in einem Kampf keine Chance gegen sie hätte. Es vermittelte mir eine Ahnung, was das Wort Feigheit bedeutet.

Kersti:

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V19. Kersti: Stellt euch vor: es ist Krieg und keiner schießt
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V39. Kersti: Wie wird man zum Außenseiter?
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V83. Kersti: Merkmale des Guten - Merkmale des Bösen?
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V171. Kersti: Außenseiter: Es tut in der Seele weh, das zu beobachten
V173. Kersti: Was ist Gewissen?
V174. Kersti: Warum ich schreibe, wie es war, ausgegrenzt zu sein
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