erste Version: 7/2010

Eigene Erlebnisse in diesem Leben von mir - Wie ich zur Verschwörungstheoretikerin wurde und darüber hinauswuchs

E15.

Wie ich über Verschwörungstheorien hinauswuchs

Inhalt

E13. Kersti: Kindheit: Erste irritierende Erfahrungen
E14. Kersti: Wie ich zum Verschwörungstheoretiker wurde
E15. Kersti: Wie ich über Verschwörungstheorien hinauswuchs
E15.1 Kersti: Das Außenseiterheft von Idee und Bewegung
E15.2 Kersti: Mensa: Die Hochbegabten sind genauso wie ich!
E15.3 Kersti: Studium: Biologie, Physik und Gesellschaftswissenschaften
E15.4 Kersti: Esoterikforen und "Unvorstellbar öde Wikipediadiskussionen"
E15. Kersti: Quellen
E16. Kersti: Wenn das Weltbildverständnis der Autoritäten nicht ausreicht, um die Forderung des Kritikers nach Beweisen zu verstehen

 
Inhalt

1. Das Außenseiterheft von Idee und Bewegung

Eines Tages erklärte ich mich bereit, für Idee und Bewegung - eine Zeitschrift, bei der ich schon seit längerem mitarbeitete - die Redaktion eines Heftthemas "Außenseiter" für das Juniheft 1997 zu übernehmen. Barbara Schlichte-Hiersemenzel trug zu diesem Heft einen Artikel über hochbegabte Kinder - und welche Probleme sie haben können bei. Ich war erstaunt: Das waren genau die Probleme, die ich auch hatte! Könnte es etwa sein daß ich hochbegabt bin - ich, die in der Schule immer mit fünven gekämpft hatte? Ich war nicht so recht überzeugt. Andererseits sprach auch viel dafür - wie kam es schließlich daß ich diesen übermäßigen Lesehunger hatte und ständig nach Leuten suchte, mit denen man ein interessantes Gespräch führen konnte? Und dabei regelmäßig enttäuscht feststellte, daß mein Gesprächspartner nur ein oder zwei Themen hatte, über die er genug wußte, daß man ein Gespräch mit ihm darüber führen konnte. Diese Themen waren normalerweise der Beruf und ein sehr intensiv betriebenes Hobby.

 
Inhalt

2. Mensa: Die Hochbegabten sind genauso wie ich!

Recht kurz, nachdem ich begonnen hatte, meine Internetseite zu schreiben, meldete sich die Leiterin von der Ortstgruppe des Hochbegabtenvereins Mensa Kassel-Göttingen bei mir und meinte, meine Internetseite würde sie zu ver Vermutung bringen, daß ich hochbegabt sei. Ob ich nicht zu ihren Treffen kommen wolle? Ich hatte bereits von dem Verein gelesen und sagte ihr, daß ich mir gar nicht sicher sei, ob ein Intelligenztest bei mir einen IQ über 130 ergeben würde. Ich sei schließlich Legasthenikerin und würde normalerweise sehr viele Flüchtigkeitsfehler machen, so daß ich in Arbeiten in der Schule immer wieder die einfachen Aufgaben falsch und die schweren richtig gehabt hätte. Daraufhin sagte sie, daß es natürlich möglich sei, daß unter solchen Umständen ein IQ-Test die Intelligenz nicht korrekt messen könne. Dieser Verdacht hat sich übrigens bestätigt: Inteligenztests ergeben bei mir ziemlich konstant einen IQ von 120. Ich machte damals keinen Intelligenztests, aber ich blieb trotzdem bei Mensa eingeladen. Und ich besuchte etwa ein Jahr lang regelmäßig den Stammtisch. Das veränderte mein Selbstbild, denn die Menschen dort waren mir sehr ähnlich. Wir spielten Djenga - und ich stellte fest, daß sie alle genau wie ich dazu neigten, mindestens einmal pro Runde die Spielregeln zu ändern, weil es anders interessanter ist. Ich brachte eine von mir selbst gebastelte Variante des Verrückten Labyrinths mit, das etwa vier mal so komplexe Labyrinthe machte als das ursprüngliche Spiel. Meine Familie hätte das nie mit mir gespielt, denn ich war ihnen schon in der Ursprungsvariante zu gut und sie wollten zumindest eine marginale Chance haben, auch mal zu gewinnen. Also hatte ich das Spiel bisher nur mit mir alleine spielen können. Ich fand bei Mensa zwei Mitspieler die mir darin durchaus gewachsen waren - und wie ich den Spaß an der Suche nach dem Weg durch das Labyrinth wichtiger fanden als ob sie gewinnen. Mein Spaß am komplexe Wege suchen war mir immer als ein unbedingt gewinnen wollen ausgelegt worden - und angeblich würde ich die Regeln nur ändern, damit ich immer gewinne. Was nicht stimmte - ich wollte nur meine Intelligenz verwenden dürfen, endlich mal spielen dürfen. Eine andere Frau sagte sie würde grundsätzlich nie Gesellschaftspiele spielen. Das konnte ich mit meinen Gesellschaftspiel-Erfahrungen sehr gut nachvollziehen.

Ich hatte immer gedacht, daß ich Small talk furchtbar finde. Bei Mensa machte es plötzlich Spaß über alles zu reden - ob es nun das Wetter war oder welches Spezialthema auch immer, was irgendjemandem eingefallen war. Und ich begriff, daß ich Small-Talk immer so anstrengend und furchtbar gefunden hatte, weil ich ständig mit höchster Aufmerksamkeit auf jedes Anzeichen von Irritation bei meinem Gegenüber achtete, um auf ein harmlosereres oder seichteres Thema ausweichen zu können, falls ich mein Gegenüber intellektuell überfordert haben könnte. Ich begriff, daß ich mir die Sorgen anderer Leute deshalb so bereitwillig anhörte, weil es dann reichte, einfach nur ihren letzten Satz zu hinterfragen, damit sie weiterredeten und nicht ständig von mir erwarteten, daß ich mich an ihr Niveau anpaßte - und zwar ohne daß sie etwas davon bemerken, denn wenn sie es merken, legen sie mir das als Hochmut aus, egal ob ich zu sehr vereinfacht oder hatte oder zu komplizierte Dinge zu sagen versuchte. Therapieren ist zwar anstrengende Arbeit aber bei weitem nicht so anstrengend wie meine Ideen auf deren Niveau herunterzutransformieren, ohne dabei Fehler machen zu dürfen.

Als ich meiner Mutter erzählte, ich sei zu dem Schluß gekommen, daß ich hochbegabt bin, meinte sie, sie hätte sich damals mit der Grundschullehrerin darüber geredet, daß ich ein sehr aufgewecktes Mädchen sei. Danach hätte sie mich auch auf Hochbegabung testen lassen und überlegt mich auf eine Hochbegabtenschule zu schicken. Sie hatte sich jedoch dagegen entschieden, da das so Lernschulen seien. Ich war empört. Weder die Lehrerin, noch meine Mutter, noch die Psychologin, die mit mir den Test gemacht hatte, hatten mir davon etwas verraten. Sie hatten - wie es zu der Zeit üblich war - angenommen, ein Kind würde davon arrogant, wenn es wüßte, daß es zu den intelligentesten 2% gehört. Aber tatsächlich machte ich die allermeisten sozialen Fehler, die dazu führten, daß mich jemand fälschlicherweise als Arrogant eingeordnet hat, weil ich nicht damit rechnete, daß Fähigkeiten, die ich als einfach einordnete und schon als Grundschulkind beherrschte selbst von Gymnasiallehrern nicht beherrscht werden oder daß ich meinte, Gleichaltrige würden doch mindestens 10% von dem Wissen haben, was ich habe.
O6. 4.2 Was man alles mit Angeberei verwechseln kann...
Aus meiner Sicht hätte ich spätestens als 14-jähige die wissenschaftliche Literatur über Hochbegabung gebraucht.

Mein Leben lang hatte ich regelmäßig unter dem Gefühl gelitten, mein Leben sei sinnlos. Nur manchmal war dieses Gefühl vorübergehend weg. Irgendwann dann stellte ich fest, daß dieses Gefühl nichts damit zu tun hatte, ob ich gerade etwas sinnvolles tat - sondern das Gefühl versschwand immer dann, wenn ich Gesellschaft hatte, die ich als intellektuell anregend empfand. Da wurde mir klar, daß ich dringend intelligentere Gesellschaft brauchte, weil mich das fehlen passender Gesellschaft in Depressionen stürzte, die letztlich zu Selbstmordtendenzen führten - und ich entschied mich, studieren zu wollen, um dieses Problem zu lösen.

Während und nach dem Studium fragte ich alle Leute, um deren Freundschaft ich mich bemühte, weil sie mir so sympathisch vorkamen, ob sie jemals einen Intelligenztest gemacht hätten. Sie waren allermeistens über zehn Jahre älter als ich und hatten einen IQ von mindestens 130. Wenn sich der andere um meine Aufmerksamkeit bemüht hatte und ich ihn unter den besonders sympathischen einordnete, stellte sich heraus, daß er jünger als ich war und einen IQ über 130 hatten. Ich hatte gewußt, daß ich mir Leute aussuche, von denen ich denke, daß man sich gut mit ihnen unterhalten kann. Aber ich hätte nicht gedacht, daß die alle hochbegabt sind!

 
Inhalt

3. Studium: Biologie, Physik und Gesellschaftswissenschaften

Als 30-jährige begann ich deshalb Biologie und Physik auf Lehramt für Gymnasium zu studieren und ein paar Jahre später brach ich das Studium ab, weil ich merkte, daß mein Gesundheitszustand immer schlechter wurde.

Während des Studiums besuchte ich regelmäßig die Unibibliothek, und falls ich mich an ein Regal wagte, war nachher die Tasche fast zu schwer, um sie zu tragen. Und natürlich gab es bald kaum eine Abteilung der Bibliothek, wo ich noch kein Buch ausgeliehen hatte. Nach dem Studium schließlich gewöhnte ich mir an, zum Vergnügen regelmäßig Google Scholar anzuwerfen, weil es solchen Spaß machte die wissenschaftlichen Fachartikel zu durchforsten, die man damit findet. Wikipedia profitierte davon - und dort fand ich auch weitere Hinweise, wo man noch mehr kostenlose wissenschaftliche Artikel herbekommt.

Als ich im Studium Hinweise bekam, woran man wissenschaftliche Literatur erkennt, stellte ich erstaunt fest, daß die Texte, die ich als Jugendliche besonders gut fand, durchweg wissenschaftlichen Ansprüchen genügten. Und die Bücher, die ich in der Unibibliothek fand, hätte ich auch als vierzehnjährige gern lesen mögen. Da es so etwas zwar in der Schülerbücherei des Gymnasiums gab, aber zu selten, um mich vor einem Regal, wo ich mal flüchtig reinschaue festzuhalten, in der Stadtbücherei habe ich in der Schülerbücherei des Gymnasiums diverse Sachbücher ausgeliehen aber nicht in der Stadtbücherei Mündens.

Dabei fand ich ein paar Informationen, die in Bezug auf das Thema Verschwörungstheorien erhellend waren und die ich in Hausarbeiten für das gesellschaftswissenschaftliche Fernstudium verarbeitete.
O2: Kersti: Toleranz als Fähigkeit, OI2.
O3: Kersti: Ist in der Schule das Denken verboten?, OI3.
O4: Kersti: Unterbindet Ausgrenzung in der Schule soziales Lernen?, OI4.
O6: Kersti: Hochbegabung als Verständigungshindernis, OI6.
Die interessanteste Information für diesen Text fanden sich in Kohlbergs Buch über Moralstufen: Nur 20% der erwachsenen Bevölkerung in Industrieländern sind fähig, selbstständig zu denken und sich ihr eigenes Weltbild zu bauen. Und auch nur diese 20% sind fähig ein moralisches Urteil von einer Verkehrsregel oder ähnlichen formalen Regeln zu unterscheiden. In einem anderen wissenschaftlichen Buch fand ich die Behauptung, es sei nachgewiesen, daß Studenten nicht fähig sind, Wissen von einem Wissensbereich in einen anderen zu übertragen - ich war völlig von den Socken. Das war beinahe unvorstellbar für mich. Ich war oft erstaunt gewesen, daß Leute die in der Schule erfolgreicher waren als ich Sachen, die sie in den Arbeiten in der Schule beherrschen, nicht im Alltag anwenden können. Das war die Erklärung. Als Kind war mir ein Mensch, der nicht selbstständig denken kann einfach unvorstellbar. Ich habe doch schon als fünfjährige das Weltbild der Erwachsenen, die ich kannte infragegestellt. Zumindest kann ich mich erinnern, wie ich in dem Alter über das Weltbild von den Eltern meiner besten Freundin, die einer Christlichen Freikirche angehörten, dachte: "Komisch die Erwachsenen scheinen irgendwo gehört zu haben, was gut und was schlecht ist, aber sie wissen nicht warum es gut oder schlecht ist, dabei ist das doch so offensichtlich." Wie soll ich mich in jemanden hereinversetzen der nicht selbstständig denken kann? So weit ich mich zurückerinnern kann, habe ich mir meine eigenen Gedanken gemacht und was ich nicht verstanden habe, habe ich nicht geglaubt.

In Deutschland sind etwa 5% der Bevölkerung Analphabeten. Und noch wesentlich größer ist die Zahl der Menschen, die nur lesen, was sie lesen müssen, also garantiert nie ein ganzes Buch. Und als Kind, etwa bis ich vierzehn war, hatte ich mir eingebildet: "In Deutschland wird man ja gezwungen lesen zu lernen, also lernt jeder, der eine normale Schule besucht, lesen. Wer viel liest, liest jeden zweiten Tag ein Buch durch wie ich, wer wenig liest vielleicht ein Buch im Monat." Die Vielleser und die Wenigleser hätte ich als Kind auf etwa 5% der Bevölkerung geschätzt. Kaum zu fassen, wie weit ich da danebenlag!

 
Inhalt

4. Esoterikforen und "Unvorstellbar öde Wikipediadiskussionen"

Von 2000 bis kurz nach Ende meines Studiums trieb ich mich gelegentlich in Esoterikforen herum. Dabei fiel mir eines auf: Mehrfach kam es in unterschiedlichen Foren vor, daß jemand Sachargumente mit persönlichen Angriffen konterte. Ich erklärte dann jedes mal, daß und warum man in Diskussionen die Diskussionspartner nicht persönlich angreifen darf. Von zehn Diskussionsteilnehmern waren im Schnitt neun unfähig zu verstehen, was ich ihnen erklären wollte und einer stimmte mir zu. Ich war verblüfft, daß so viele Menschen unfähig waren so eine simple Regel zu verstehen.

An Wikipedia beteiligte ich mich erst nach dem Studium ernsthaft. Wikipedia stellt einen höheren intellektuellen Anspruch, als ein Esoterikforum. Dort ist es eine Selbstverständlichkeit, daß persönliche Angriffe verboten sind - es taucht zwar immer wieder einmal jemand auf, der auf diesem Wege versucht, seine Meinung durchzubringen, doch der wird recht bald gesperrt, nur um dann unter anderem Namen weiter zu nerven.

Doch auch bei Wikipedia gibt es etwas, das mich verblüffte: Bei Meinungsbildern gab es immer wieder endlose Diskussionen, bei denen sich für mich sehr deutlich zeigte, daß die Betreffenden nicht verstanden hatten, was die verschiedenen Wahlmöglichkeiten des Meinungsbildes bewirkten würden und warum sie das und nichts anderes zur Folge haben würden. Irgendjemand verteilte deshalb Preise und versah solche Diskussionen, die sich ständig im Kreis drehten, weil ein erheblicher Teil der Diskutanten, die Argumente der anderen nicht verstand mit einem Schildchen, das besagte, er habe sie in seine Liste der unvorstellbar öden Wikipedia-Diskussionen aufgenommen. 1.

Ich stellte fest: Selbst der intelligentere Teil unserer Bevölkerung, diejenigen die nur zu ihrem Vergnügen etwas neues lernen und darüber einen Wikipediaartikel schreiben - selbst die verstehen so manches nicht, von dem ich mir immer eingebildet hatte, jeder müßte das sofort verstehen.

Und damit brauchte ich die Verschwörungstheorien nicht mehr, um mir zu erklären, warum sich Politiker oft so abgrundtief dumm verhalten. Ich hatte die durchschnittliche Intelligenz der Menschen weit überschätzt: Das, was ich fälschlicherweise für abgrundtief dumm hielt, ist schon überdurchschnittliche Intelligenz.

Kein Wunder, daß ich die Menschen nie verstanden habe und ständig das Gefühl hatte, von Aliens umgeben zu sein!

 
Inhalt

Fortsetzung:
E16. Kersti: Wenn das Weltbildverständnis der Autoritäten nicht ausreicht, um die Forderung des Kritikers nach Beweisen zu verstehen

Kersti

 
Inhalt

Quelle

Ich schildere, wann immer möglich, selbst erlebte Beispiele. Das tue ich nicht, weil es keine anderen gäbe, mit denen man dasselbe belegen kann, sondern weil ich die Literatur mit neuen, zusätzlichen Beispielen bereichern will.
VA272. Kersti: Wenn meine Beispiele alle von mir handeln - heißt das etwa, daß ich selbstbezogen bin?
Selbst erlebte Beispiele sind - da sie aus erster Hand sind - genauer beschrieben als Beispiele aus meiner Praxis, wo ich die Erklärungen meiner Patienten mißverstanden haben könnte und sie deshalb möglicherweise falsch wiedergeben könnte.
V175. Kersti: Kriterien zum Bau eines realistischen Weltbildes: Realitätsnähe
Und diese sind genauer und richtiger als aus der Literatur übernommene Beispiele, da ich bei diesen die betroffene Person nicht einmal persönlich kenne und das Beispiel deshalb möglicherweise in einen falschen Kontext einordne.

Weitere Quellen waren:


Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, https://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im Voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.
Werbung ist nicht erwünscht und ich bin nicht damit einverstanden, daß diese Adresse für Werbezwecke gespeichert wird.