F1120.

Im Zug erzählte er nämlich von Schiffen, die offensichtlich wie Enten schwimmen konnten und Menschen an einem Ufer fressen, sie dann im Bauch haben, wenn sie zum anderen Ufer schwimmen und sie da dann wieder ausspucken

Vorgeschichte: F1028. Der Arzt: Ich habe keine Ahnung was vorher und nachher passiert ist, aber offensichtlich bin ich in den Zug gestiegen denn ich war in Moskau

C'her'amar erzählt:
Der Arzt hatte Flashbacks von Foltererinnerungen. Begonnen hatte das wohl damit, daß ihm jemand davon erzählt hatte, wie Geron gefoltert worden war. Mir ist auch unklar, warum er damit so schlecht klar kam, schließlich war er nur ein paar Tage gefoltert worden und es war bei ihm noch im wesentlichen alles dran. Er hatte jedenfalls Flashbacks und nahm seine Umgebung im Feinstofflichen immer weniger wahr, weil er völlig in vergangenen Ereignissen gefangen war. Tiuvalin, dieser Masochist, hatte alles noch schlimmer gemacht, indem er dachte, daß der Arzt deshalb von Foltern redet, weil er gefoltert werden will und ihn dann gefragt hat, welche Foltern er denn haben wollte.

Meine Güte, selbst ich weiß, daß nicht jeder dieselben Vorlieben hat wie ich!

Aber wie auch immer, danach war er gar nicht mehr ansprechbar. Ich habe das Geron gemeldet, und auch daß die Menschen besprochen haben, ihn nach Moskau zu schicken und nach jemandem suchten, den sie einerseits entbehren konnten und der andererseits in der Lage war, ihn sicher dorthin zu bringen. Da sie einerseits niemanden entbehren konnten, der ein Mindestmaß an Qualifikation hatte und andererseits niemanden schicken wollten, der das dann wirklich nicht konnte, war der Kompromiß, auf den sie letztlich kamen, eben ein Kompromiß. Sie schickten ein Menschenjungtier das gerade selbstständig genug war, um selber anhand der Anleitung der Erwachsenen den Weg dorthin zu finden. Geron machte sich Sorgen, daß das nicht klappt, weil der Arzt ja Halluzinationen hatte und gar nicht vernünftig handeln konnte und befahl mir daher, für die Reise auf den Körper des Arztes aufzupassen, bis einer Erwachsener die Verantwortung für die Sicherheit des Arztes formal übernimmt.
"Denk daran du erzählst dem Kind gar nichts. Du weißt nicht gut genug was es möglicherweise unheimlich findet, um ein sinnvolles Gespräch zu führen. Hör nur zu und tu ansonsten genau was es sagt." befahl er mir.
Ich hatte schon einmal ein Leben als Mensch gelebt, das war in so einem komischen Haus, wo Menschen die Leute hinbringen, die sie nicht verstehen und ich weiß deshalb, daß Geron recht hat, wenn er meint, daß ich nicht gut genug weiß, wie Menschen denken, um ein normales Gespräch mit ihnen zu führen. Unter den Leuten, wo wir jetzt waren, gab es einige die klüger waren als normale Menschen und mit denen man ein normales Gespräch führen kann, weil sie verstehen, was man ihnen sagt. Die meisten waren aber genauso dumm wie normale Menschen.

Ich versuchte also, genau das zu tun, was der Junge mir sagte und ansonsten nur zuzuhören. Anfangs ging das auch ganz gut. Wir ritten zu einem Platz wo viele Menschen auf etwas warteten und unterwegs konnte ich wirklich nur zuhören, weil Dimitri sich mit dem Menschenjungen unterhielt und ich deshalb nichts zum Gespräch beitragen mußte. Aber schon beim Abschied von Dimitri sage ich etwas falsches. Ich nannte ihn Doktor und er erklärte mir, daß das falsch war. Ich verstand das nicht, denn in dem anderen Leben hatten sie die Leute, die die Befehle gaben, immer Doktor genannt. Er hatte auf dem Ritt zum Bahnhof doch die Befehle gegeben, also war er der Doktor.

Dimitri ritt mit den Pferden weg und nachdem wir ein Weilchen mit den Menschen dort gewartet hatten, kam ein schreiendes fauchendes Monster angerannt. Ich versteckte mich hinter einem Gebäude und wunderte mich, daß die Leute nicht in wilder Flucht davonstoben. Aber andererseits beruhigte mich das auch nicht, denn Menschen sahen oft die offensichtlichsten Dinge nicht. Außerdem konnte ich genau sehen, daß sich an den Seiten des Monsters ganz viele Mäuler öffneten, mit denen es die Leute fraß. Wahrscheinlich hatte es die Leute verzaubert, damit sie nicht merken, daß es sie fressen will.

Ich sah nach, wo der Arzt war, denn ich brauchte jemanden der sich besser auf dieser Welt auskennt und mir sagen kann, was das für ein Monster ist. Ich zog ihn also in den Körper und fragte ihn, was das ist. Er gab mir einen Gedankenkristall mit den Informationen. Nachdem ich das gelesen hatte, kam ich mir dumm vor. Das war kein Monster sondern etwas, was Menschen gebastelt hatten und es rollt, wie ein Stein in einer Rinne den Berg herunterrollen würde, die Schienen entlang. Auf den runden Rollen steht einfach ein Haus und das, was ich für Mäuler gehalten hatte, waren in Wirklichkeit Haustüren. Andererseits - woher hätte ich wissen sollen, daß es so etwas gibt? Menschen kommen manchmal schon auf seltsame Ideen.

Ich stieg in den Zug ein und fuhr zusammen mit dem Jungen nach Moskau.

Das mit dem nur zuhören war auch nicht so unproblematisch, wie es sich anhörte. Im Zug erzählte er nämlich von Schiffen, die offensichtlich wie Enten schwimmen konnten und Menschen an einem Ufer fressen, sie dann im Bauch haben, wenn sie zum anderen Ufer schwimmen und sie da dann wieder ausspucken. Als ich den Jungen fragte, ob sie denn nicht beißen, wenn sie die Leute runterschlucken, fragte er mich:
"Wie kommst du denn immer auf diese gruseligen Ideen? Schiffe haben doch keine Zähne!"
"Woher soll ich denn wissen, daß diese Tiere keine Zähne haben?" fragte ich zurück, worauf er antwortete:
"Du spinnst doch."
Ich bin mir sicher, daß ich wieder etwas falsch gemacht habe, ich weiß nur nicht was. Jedenfalls wandte ich einen Trick an, der fast immer funktioniert und behauptete:
"Das war ein Witz!"
"Komischer Witz." meinte der Junge in einem Tonfall, der mir ganz klar sagte, daß er das gar nicht witzig gefunden hatte.

Nachdem wir in Moskau aus dem Zug gestiegen war, ermahnte mich der Junge, daß ich aber keine dummen Witze machen sollte. Ich hielt es für klüger, gar nichts mehr zu sagen, sondern nur noch zu nicken und mit dem Kopf zu schütteln, bis er vor einem Haus sagte:
"Jetzt sind wir da!"
Das war aber irgendwie auch nicht richtig, denn die Leute fragten ihn unterwegs, warum er sich denn um alles kümmert, woraufhin er log, ich wäre stumm. Ich hielt es für klüger, so zu tun, als wäre das wirklich so, denn offensichtlich kommen ja selbst die harmlosesten Fragen komisch an.

Als wir einem Mann vorgestellt wurden, der der zuständige Doktor genannt wurde, mußte ich aber doch nachfragen, ob er denn wirklich derjenige ist, der jetzt die Verantwortung dafür übernimmt, daß dem Arzt nichts passiert, was er klar bestätigte. Zur Sicherheit sagte ich ihm auch noch, daß der Teufel sehr böse wird, wenn dem Arzt etwas passiert, weil der Arzt nämlich ein guter Engel ist, der allen Dämonen hilft. Der Doktor reagierte darauf aber so komisch, daß ich am liebsten gesagt hätte, daß das nur ein Witz war, nur wäre das hier wirklich unpassend gewesen. Stattdessen bat ich ihm, mir zu versprechen, daß er sich wirklich gut um den Arzt kümmert, dann würde ich auch zurück zum Teufel gehen. Aus völlig unverständlichen Gründen rief der Doktor da plötzlich nach Jesus und sagte ihm, er solle den Doktor vor mir und dem Teufel beschützen. Dabei hatte ich ihn doch gar nicht bedroht! Ehrlich nicht. Da ich mit meinem Latein am Ende war, fragte ich Jesus, was ich denn jetzt sagen solle.
"Sag ihm du müßtest Jesus natürlich gehorchen und er solle Jesus auch gehorchen und sich um den Arzt kümmern, wie der gute Samariter sich um den ausgeraubten Mann gekümmert hat." riet Jesus.
Ich hielt mich an seinen Ratschlag, was irgendwie zu funktionieren schien, zumindest wirkte der Mann plötzlich erleichtert und versprach, das zu tun.

Als ich Geron Bericht erstattete, fand er alles nur lustig und erklärte mir, daß ein Schiff kein Tier sondern eine Maschine ist, genau wie der Zug, den ich ja schon kennengelernt habe. Es wäre letztlich ein schwimmendes Haus und auch wenn man von Schiffbauch redet, wär da kein Magen der einen verdaut, sondern einfach kleine Zimmer drin, in denen man Vorräte unterbringen, essen und schlafen kann. Statt auf den Teufel hätte ich mich lieber gleich auf Jesus berufen sollen, weil die Menschen nicht wissen, was der Teufel wirklich tut.

Er sagte aber, daß ich meine Sache einigermaßen gut gemacht hätte, denn es ist natürlich unmöglich innerhalb von hundert Jahren 50 Millionen Jahre Geschichte nachzuholen, daher ist es völlig normal, wenn ich den ein oder anderen Fehler mache.

Daß er mich ausgesucht hatte, damit ich den Körper vom Arzt sicher nach Moskau bringe, war ganz offensichtlich genau so eine Notlösung, wie daß sie ein eigentlich noch unselbstständiges Menschenjunges, das ständig andere Leute nach dem Weg fragen muß, als Führer mitgeschickt haben. Ehrlich gesagt habe ich mich gewundert, warum wir das überhaupt gefunden haben, wenn das Junge den Weg doch gar nicht wußte.

Kersti

Fortsetzung:
F1029. Der Arzt: W

Quelle

Erinnerung an ein eigenes früheres Leben.
V12. Kersti: Hauptfehlerquellen bei Erinnerungen an frühere Leben