F1236.

Manchmal kam ich mir vor, als wäre ich schon 80, dabei war ich noch nicht einmal volljährig

Vorgeschichte: F1227. Mirko: Manchmal könnte man Khar nach seinen Worten für einen weisen alten Mann von 80 Jahren halten - manchmal erscheint er aber auch wie 14

Khar erzählt:
Ich sah dem Zigeunerwagen nach und wäre am Liebsten mitgefahren. Mirko hatte mir zwar ziemlich wütend vorgeworfen, ich würde ja nur an Abenteuer denken, aber eigentlich war es das gar nicht gewesen. Wirklich nicht. Ich hätte nur so gerne Darion wiedergesehen und das war einfach zu gefährlich. Wenn ich dabei wäre, hätte sofort jeder gedacht, daß das ganz bestimmt wichtig ist. Außerdem hatte ich zu viel um die Ohren gehabt, um daran zu denken, wie Dieter wahrscheinlich auf die Geschichte mit dem Zigeunerwagen reagieren würde.

Überhaupt wurde ich ganz melancholisch, wenn ich den kleinen Dieter sah.

Er erinnerte mich sehr daran, wie ich gewesen war, als ich so jung gewesen war wie er. Sein augenblickliches Projekt war ein Physikstudium, das daraus entstanden war, daß er einer Lehrerin Streiche gespielt hat, weil sie ihm keine Versuche machen lassen wollte. Irgendwie erinnerte sie mich da sehr an Miriam. Jetzt wo Anna seine Arbeit betreute, war er gar nicht mehr so motiviert wie vorher, weil sie ihn bei dem, was er machen wollte, selbstverständlich unterstützte. Das war bei mir auch schon ein Problem gewesen. Zwar war ich in dem Alter weit genug gewesen, um zu studieren, aber mir hatte im Grunde die Ausdauer gefehlt, um so etwas auch wirklich durchzuziehen. Also hatten die Erwachsenen immer etwas getrickst, um mich so weit zu kriegen, daß ich zu dem, was ich lernte, auch tatsächlich die passenden Abschlüsse machte.

Darion hatte keine Sicherheit mehr gekannt, seit ich zwei war und ihm fälschlicherweise unterstellt worden war, er hätte diverse Leute in schwarzmagischen Ritualen zu Tode gefoltert. Ich habe mir in den letzten Jahren seine Akten angesehen, weil ich begreifen wollte, wie all das hatte passieren könnten und seither fragte ich mich, wie mir hatte entgehen können, daß es mindestens einen Mordanschlag pro Monat auf ihn gegeben hatte, von denen er viele nur durch pures Glück überlebt hatte. Und so einige Nebenbemerkungen ließen mich zu dem Schluß kommen, daß er bei weitem nicht alle Versuche ihn umzubringen erwähnt hatte. Wahrscheinlich werden selbst Mordanschläge langweilig, wenn sie zu häufig kommen. Ich fragte mich auch, wie es Darion eigentlich geschafft hatte, immer so ruhig und gelassen zu wirken. Normale Menschen wären da von einem Panikanfall in den nächsten gefallen.

Noch viel verblüffender war, daß diese grundlegende Bedrohtheit gar nicht bei mir angekommen war, bis Darion schließlich spurlos verschwunden war. Dabei hatte ich schon gemerkt, daß er öfter verletzt war. Trotzdem war ich bis dahin immer noch sehr kindlich gewesen und kannte nichts Wichtigeres als meine kindlichen Streits mit der Lehrerin und das reiten auf dem jungen Hengst, den ich so geliebt hatte. Mir war auch gar nicht der Gedanke gekommen, daß es Gefahren geben könnte, die man nicht vermeiden kann.

Meine kindliche Welt schien mir unendlich weit entfernt. Der Hengst, den ich immer geritten hatte, war inzwischen tot. Tharon war eines Morgens einfach nicht mehr aufgewacht. Darion würde ich wahrscheinlich nicht wiedersehen. Michaela und meine beiden Geschwister waren ebenfalls tot. Und ich selbst war inzwischen der Leiter des Ordenskapitels und hatte schlichtweg keine Zeit für kleinliche Streits mit Lehrerinnen. Ich hatte nicht einmal Zeit, Freunde zu besuchen, nur weil sie meine Freunde sind. Wenn Mirko nicht jedes mal kommen würde, wenn ich ihn brauche, hätte ich keine Möglichkeit, ihn zu besuchen, weil ich hier so angebunden bin. Ich vermute, daß ihm gar nicht klar ist, wie sehr ich ihn manchmal um seine Freiheit beneide.

Natürlich gibt es niemanden, der mir sagt, daß ich meine Freunde nicht besuchen darf, aber wenn ich darüber nachdenke, meine persönlichen Wünsche über das zu stellen, was hier gerade notwendig ist, dann weiß ich was das für Folgen für den Orden hätte und lasse es bleiben.

Manchmal kam ich mir vor, als wäre ich schon 80, dabei war ich noch nicht einmal volljährig!

Ich ging in die Schule und ließ mir erzählen, was Dieter sich diesmal hatte einfallen lassen. Kinderstreiche sind doch herrlich erfrischend. Und es ist beruhigend zu sehen, daß Kinder immer noch Kinder sind und immer noch das Gefühl haben, die Welt wäre sicher, jedenfalls sicher genug, um seinen Kopf voller Streiche zu haben. Ich hoffe nur, daß es ihm nicht so ergeht wie mir.

Wenn man Mirko so beobachtet, könnte man meinen, daß es ihn gar nicht stört, daß er im Rollstuhl gelandet ist. Er hat sich charakterlich gar nicht verändert, wenn man mal davon absieht, daß er selbstbewußter geworden ist und öfter mal eine abweichende Meinung mir gegenüber vertritt, als als ich ihn kennen gelernt habe. Mir war natürlich klar gewesen, daß der Eindruck täuschen mußte, aber irgendwie hatte mich doch überrascht, wie leidenschaftlich er Dieter vor so etwas beschützen will. Wahrscheinlich war es noch schwieriger, mit all dem klarzukommen, als ich gedacht hatte.

Kersti

Fortsetzung:
F1238. Anna: Glücklicherweise wußte der Doktorvater einen Trick, um Dieters Interesse lange genug zu wecken. Er führte ihn nämlich in seine Forschungswerkstatt