erste Version: 11/2022
letzte Bearbeitung: 11/2022

Mittelalter und frühe Neuzeit: c

F2393.

Wir redeten also in Andeutungen

Vorgeschichte: F2392. Kersti: D

Autor: Hans Hermann von Katte erzählt:
Ich hatte in den Wochen, als ich Arrest in meinem Zimmer gehabt hatte, oft an meinen Vater gedacht und ich hatte zeitweise nicht damit gerechnet, ihn in diesem Leben noch einmal zu sehen. Daher war ich erstaunt und glücklich, als ich nach dieser theatralischen Hinrichtungsszenerie zu ihm geführt wurde. Glücklicherweise hatte ich den vorbereiteten Brief dabei, in dem ich ihm erklärte, was ich erklären konnte und in dem ein kleinerer Umschlag lag, in dem die wirkliche Ursache für das Problem stand, mit der Bitte das Schreiben nur dann zu öffnen, wenn ich sterbe oder etwas ähnlich drastisches passiert. Ich steckte ihm den Brief bei der Begrüßung unauffälllig zu. Leider konnte ich nicht offen mit ihm reden, weil der Lieblings Lange Kerl vom König im Raum blieb. Trotzdem mußte ich natürlich sicherstellen, daß er wußte, wie ich behandelt worden war, besonders, daß es nichts zu essen gegeben hatte, mußte ihm klar sein, damit er die Situation richtig einschätzt. Den Grund für die Ohrfeige hätte ich nicht einmal dann erwähnen dürfen, wenn ich mein Ehrenwort, darüber zu schweigen, nicht so wichtig genommen hätte. Wir redeten also in Andeutungen, trotzdem wurde klar, daß er irgendetwas erfahren haben mußte, das ihn zu der Erkenntnis brachte, daß ich in ernster Gefahr schwebte und daß er offensichtlich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatte, um mir zu helfen. Nun und damit hatte er ja recht gehabt. Ich sagte ihm das auch. Grundsätzlich war ich aber einfach nur froh, da draußen zu sein. Außerdem merkte ich beim essen, wie hungrig ich war. Ich bremste mich trotzdem, weil ich gehört hatte, daß es gefährlich sein konnte, wenn man nach einer langen Hungerzeit zu schnell zu viel ißt. Ich aß natürlich auch nicht wenig, sondern bestellte zwei mal nach, aber ich achtete darauf, mir dabei Zeit zu nehmen und gründlich zu kauen. Nach dem Essen gingen wir nach draußen in den Palastgarten und unterhielten uns, immer von dem Langen Kerl begleitet, weiter und wir aßen auch noch gemeinsam zu Abend. Dann mußte er gehen.

Sobald ich mit dem Langen Kerl allein war, sagte er mir, daß mir bewußt sein müsse, daß der König mich nur deshalb am Leben gelassen hätte, weil viele einflußreiche Leute sich für mich eingesetzt hätten und der König sich etwas anderes nicht hätte leisten können. Ich solle deshalb vorsichtig sein, denn wenn er einen ausreichend plausiblem Vorwand finden würde, würde er mich bei nächster Gelegenheit hinrichten. Außerdem solle ich darauf achten, wenn er selbst anwesend wäre, keine Dinge zu sagen, die der König nicht wissen dürfe. Er müßte dem König davon erzählen und es wäre wichtig, daß auch von Zeit zu Zeit etwas Peinliches darunter wäre, sonst würde auffallen, daß er nicht alles sagt. Ich bedankte mich für die Warnung und sagte, daß ich das im Hinterkopf behalten würde. Ich sagte, es hieße er wäre der Liebling des Königs. Daraufhin sagte er mir, daß er den König mögen würde, aber nicht alles richtig fände, was der tut. Ich dachte mir, daß er, wäre er bei der Geschichte mit der Ohrfeige an meiner Stelle gewesen, zu den Bauernjungen gehört hätte, die spurlos verschwunden wären und von denen man nie wieder etwas gehört hätte. Entsprechend mußte er anders agieren als ich und ich hätte nicht an seiner Stelle sein wollen. Ich fand es jedenfalls anständig, daß er mich gewarnt hat.

Danach sollte ich mich bei dem höchsten Offizier im Palast melden. Ich kannte ihn aus meiner Kindheit auch persönlich, weil mein Vater mit ihm befreundet war. Der sagte mir, daß ich ab dem nächsten Morgen wieder normalen Dienst hatte und hielt mir dann mehr oder weniger denselben Vortrag wie der Lange Kerl, wenn man mal davon absah, daß er sich nicht selbst als der erste Spion benannte sondern mir sagte, ich sollte jedem gegenüber meine Zunge hüten, einerseits, weil ich nie wüßte, wer noch zuhört, anderseits weil ich nicht wüßte, wer sich unbedacht verplappert oder absichtlich Dinge erzählt, um mich anzuschwärzen und selber dadurch Vorteile zu erhalten. Außerdem sagte er mir, daß ich mich immer gut geführt hätte und daß er mich deshalb auch entsprechend befördern würde.

Kersti

Fortsetzung:
F2394. Kersti: D

Quelle

Erinnerung an ein eigenes früheres Leben.
V12. Kersti: Hauptfehlerquellen bei Erinnerungen an frühere Leben