erste Version: 11/2022
letzte Bearbeitung: 11/2022

Mittelalter und frühe Neuzeit: c

F2394.

Ich suchte also auf dem Palastgelände ein einsames Plätzchen

Vorgeschichte: F2393. Kersti: D

Autor: Hans Hermann von Katte erzählt:
Ich wollte niemanden sehen und hören, überhaupt niemanden. Aber ehrlich gesagt war ich mir gar nicht sicher, ob es daran lag, daß alle wissen wollten, wofür ich bestraft worden war oder ob es daran lag, daß ich einfach nicht mehr daran gewöhnt war, unter Menschen zu sein. Wenn ich darüber nachdachte, hatte niemand sich so verhalten, daß man ihn einen Vorwurf hätte machen können, trotzdem hatte ich ungefähr jedem ausdrücklich sagen müssen, daß ich über den Grund für meine Haft nicht reden darf.

Ich suchte also auf dem Palastgelände ein einsames Plätzchen. Unter den Bäumen hinter der Kaserne meinte ich, würde mich niemand stören. Ich kam um die Ecke und da saß schon jemand. Ich blieb stehen und war völlig genervt. Dann sah ich, daß der junge Mann in der Uniform der Langen Kerls weinte. Ich fragte ihn, was denn los sei und bekam seine halbe Lebensgeschichte erzählt, wie er mit Gewalt von zuhause entführt und hierher verschleppt worden war und der König ihn befohlen hatte mit ihm ins Bett zu steigen und alle möglichen sexuellen Spielchen zu machen, die er einfach nur eklig fand. Ich muß sagen, am liebsten hätte ich dem König einen Besuch abgestattet und ihn einen Kopf kürzer gemacht. Ich war schon wochenlang in der passenden Stimmung dafür. Und dann fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen, sowohl mein Vater als auch mein Vorgesetzter hatten bei ihrem Gespräch mit mir gesagt, ich wäre ja genauso stattlich wie die Langen Kerls und mich hatte gewundert, warum sie das sagten. Außerdem gab es diverse Gerüchte über die Langen Kerls, sie müßten nichts können und wären nur zur Dekoration da oder wahlweise um seinen Nachtschlaf zu bewachen. Sie wären die Lieblinge vom König. Sie wüßten genau, wie sein Schlafzimmer aussieht. Solche Sachen. Ich hatte sie nicht so verstanden, wie sie offensichtlich gemeint gewesen waren, weil ich dazu zu naiv gewesen war. Eigentlich hätte ich spätestens nach der Ohrfeige diese Angelegenheit noch mal überdenken müssen, weil dann ja offensichtlich war, daß der König Sex mit Männern will und daß er es durchaus in Ordnung fände, sie auch mal zu vergewaltigen. Und wenn man das weiß, sollte man darauf kommen! Nun und die Andeutung, daß ich so stattlich wäre wie ein Langer Kerls heißt dann, daß die Menschen, die sich für mich eingesetzt haben, ziemlich genau wissen, was mein Problem ist, ob ich es nun gesagt habe oder nicht. Ich sagte zu dem jungen Mann, daß ich wüßte, daß der König so sein kann und daß ich nur besser geschützt sei, weil mein Vater einflußreiche Freunde hat. Außerdem fragte ich ihn, ob er denn darüber reden dürfte, was er verneinte. Ich sagte ihm, daß er da wirklich sehr vorsichtig sein müßte, wem er was erzählt, denn er hätte keine einflußreichen Freunde, die ihn schützen können.

Danach war ich natürlich noch genervter als vorher und fragte mich zum hundertsten Male, warum mir eigentlich jeder seine Probleme erzählt. Auch die, über die er besser den Mund gehalten hätte, weil ich ihn in Gefahr bringen könnte, indem ich darüber rede. Das habe ich natürlich nie getan, aber ein bißchen Vorsicht wäre schon eine gute Idee, finde ich.

Ich überlegte und mir fiel eine weitere Stelle ein, von der ich hoffte, daß ich da vielleicht allein sein könnte und zog los. Ich bog um die Hausecke mit dem Versteck und da saß ein Kind. Ich hätte es am liebsten sofort erwürgt, tat aber natürlich nichts dergleichen, schließlich dürfen sich auch Kinder mal einen stillen Winkel suchen! Das Kind fragte in einem herrischen Ton, wer ich eigentlich wäre und erst da sah ich, was ich eigentlich sofort hätte merken sollen. Es war der Trohnfolger. Ich stellte mich also vor, wie das von jungen Offizieren erwartet wurde, mit strammstehen, salutieren und dem nennen von Rang und Einheit. Er antwortete formal richtig, indem er mich aufforderte, bequem zu stehen und sich ebenfalls vorstellte. Ich entschuldigte mich dann und sagte, daß ich ihn nicht hätte stören wollen, ich sei nur auf der Suche nach einem einsamen Winkel gewesen. Der Prinz forderte mich auf, mich zu ihm zu setzen und da ich das schlecht ablehnen konnte, schließlich wäre es sowohl unhöflich als auch verletzend gewesen, tat ich, was er gesagt hatte. Danach erzählte mir der Prinz seine halbe Lebensgeschichte, die mir einerseits vor Augen führte, daß Kronprinzen ganz normale Kinder mit ganz normalen Sorgen und Problemen sind und andererseits daß ich froh sein konnte, daß ich einen so lieben Vater habe. Klar als Kind hatte ich ihn auch manchmal gemein und ungerecht gefunden, aber das geht wohl jedem Kind so und was ich erlebt hatte, war immer um einiges liebevoller und fairer gewesen, als das was ich über die Eltern meiner Freunde erzählt bekam. Der König jedenfalls schien nicht in der Lage zu sein, mal sanft mit seinem Sohn zu sein oder ihm ein liebevolles Wort zu gönnen. Stattdessen gab es Schläge und verletzende Bemerkungen. Wenn er seine kindlichen Interessen erwähnte, antwortete ich, indem ich über eigene ähnliche Kindheitserfahrungen redete. Wir redeten über Kinderstreiche, bei denen ich auch ein paar erwähnte, die ich später mitgemacht hatte. Insgesamt kam ich zu dem Ergebnis, daß der Prinz ein sehr lieber kluger Junge mit einem anständigen Charakter war. Und er sagte mir, daß wir uns wieder treffen müßten. Ich versprach ihm das.

Jedenfalls habe ich an dem Abend keinen stillen Winkel gefunden.

Kersti

Fortsetzung:
F2395. Kersti: D

Quelle

Erinnerung an ein eigenes früheres Leben.
V12. Kersti: Hauptfehlerquellen bei Erinnerungen an frühere Leben