FB: Helden leiden länger

 

FB8.

Mein Bruder...

Tatsächlich kam in keine der Wunden Brand. Und alle, die der Arzt lebend in die Finger bekam, sind wieder auf die Beine gekommen. Zehn Mann, die sonst gestorben wären. Die meisten wurden abgesehen von ein paar Narben wieder völlig gesund. Nur Jedith hatte eine Hand verloren und Jarem eine schwere Bauchwunde, die nur oberflächlich heilte, so daß er laut Arzt nicht mehr am Training teilnehmen durfte. Ich schloß Jarem nicht völlig aus, ließ ihn aber jeweils nur wenige Grundschläge üben und schickte ihn dann zu Bett. Mich beunruhigte seine verbissene Haltung zu sehr, als daß ich ihn aufgrund seiner Beteuerungen, daß er noch könne, hätte weitermachen lassen. Jedith versuchte ein zwei mal beim Training mitzumachen, dann kam er nicht mehr. Er bekam die Hälfte seines Soldes weiterhin als Gehalt und das reichte zum Leben. Eines Tages kam er zu mir und wollte mich sprechen. Ich fragte war los sei.

"Ich will den Hof verlassen und zu meinen Eltern zurückkehren."
"Bist du wirklich überzeugt, daß du dort glücklicher bist?" fragte ich.
"Ja. Hier habe ich ständig vor Augen, was ich alles verloren habe."
"Wenn du das wirklich willst, kannst du gehen. Die Hälfte des Soldes bekommst du weiterhin, denn du wurdest im Kampf für den König verletzt und mehr kann man von niemandem verlangen. Und du kannst jederzeit zurückkommen, wenn du merkst, daß du hier lieber leben willst. Zumindest ich werde dich immer als einen von uns betrachten. Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft."

Mein Bruder aber verfiel vor meinen Augen. Er begann zu trinken und tat nichts Sinnvolles mehr. Nicht einmal reiten - was er ja immer noch gekonnt hätte - und was ihm früher solche Freude gemacht hatte. Ich kümmerte mich um das Pferd, das er nicht einmal eines Blickes würdigte, versuchte neben meiner schier unendlichen Arbeit als Gardehauptmann noch irgendwie Zeit für seine beiden Kinder - ein Junge und ein Mädchen - zu finden. Früher war es die größte Freude für ihn gewesen, mit dem Jungen kämpfen zu üben oder beiden Kindern das Reiten beizubringen, jetzt beschwerten sie sich darüber, daß er sie keines Blickes mehr würdige.

Ich versuchte ihn ins Gewissen zu reden. Am Ende, nachdem er sich meine Worte mit gesenktem Kopf angehört hatte, meinte er:
"Du weißt doch gar nicht, wie das ist, wenn man sein Bein verloren hat. Du kannst mich nicht verstehen."
"Richtig. Ich weiß nicht, wie das ist. Aber davon ist es immer noch falsch daß du dich so hängen läßt." antwortete ich.
An seiner Miene konnte ich erkennen, daß ich ihn nicht wirklich erreicht hatte.

Und er ging weiterhin ins Wirtshaus und betrank sich den ganzen Tag. Die praktischen Probleme waren lösbar. Ich redete mit dem König und er erhielt offiziell weiterhin die Hälfte seines Soldes, als Invalidenrente. Seine Frau bekam inoffiziell genausoviel - sie sollte sich nicht noch mit ihrem Mann streiten müssen, damit jeden Tag essen auf den Tisch kam. Die Kinder schliefen und frühstückten bei mir und aßen bei ihr zu Abend. Doch es tat mir mehr weh, als ich sagen konnte, daß mein geliebter großer Bruder vor meinen Augen so verfiel und ich nichts dagegen tun konnte.

Kersti


FB9. Kersti: Fortsetzung: Eine Lektion in Respekt
FB7. Kersti: Voriges: "Wir kennen uns doch"
FBI. Kersti: Inhaltsübersicht: Helden leiden länger
FB1. Kersti: Zum Anfang: Das Attentat
V4. Kersti: Merkwürdige Erfahrungen
EGI. Kersti: Kurzgeschichten
V231. Kersti: Frühere Leben von mir
Z51. Kersti: Erinnerungen an frühere Leben
V12. Kersti: Hauptfehlerquellen bei Erinnerungen an frühere Leben
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