FB: Helden leiden länger

 

FB13.

Ich konnte es nicht ertragen, das zu sehen

Nach diesem Gespräch wollte ich mich eigentlich nur zwei Stunden hinlegen, weil ich so müde war. Ich erwachte dann davon, daß der Arzt am nächsten Morgen nach mir schaute.
"Du solltest noch nicht trainieren." sagte er.
"Ich weiß, daß du dieser Ansicht bist. Und ich habe das Training gestern auch nicht durchgehalten. Aber ich habe das Gefühl, daß es mir nicht geschadet hat und ich werde es heute wieder tun."
Ich war der Ansicht, daß man meist ein klein wenig mehr tun kann, als der Arzt erlaubt. Nicht weil Ärzte schlechte Ratschläge geben würden, sondern weil jeder über den Zustand des eigenen Körpers viel mehr weiß, als ein noch so guter Arzt je erfahren kann. Er sah mich skeptisch an, wollte mir zuerst widersprechen und ließ es dann resigniert sein, sagte nur:
"Sei vorsichtig."
"Ich werde heute nicht mehr tun als gestern." sagte ich.
Dann frühstückte ich und nahm am Training teil, das ich wieder nach der Hälfte der Zeit abbrach.

Danach ging ich zum Gasthaus und besuchte dort die Tochter des Hauses, die bei dem Attentat die Bedienung gemacht hatte. Sie war das Mädchen, das ich heiraten wollte. Als ihr Vater sie rief und ihr sagte, daß ich da sei, kam sie nur langsam und zögernd. Nicht so stürmisch wie sonst immer.
"Als ich krank war, hast du mich nicht besucht." sagte ich leise.
Es war kein Vorwurf, es war eine Frage.
"Doch. Einmal. Du hast geschlafen. Ich konnte es einfach nicht ertragen, das da zu sehen."
Sie schaute auf meinen Armstumpf.
"Und jetzt?" fragte ich.
Sie sah mir in die Augen, schämte sich für das, was sie sagte und sagte es doch:
"Ich will nicht mehr."
Ich atmete tief ein, versuchte irgendwie den tiefen inneren Schmerz unter Kontrolle zu bekommen. Ich sah sie an, sparte mir die zornigen Worte, die mir in den Sinn kamen. Ich konnte sie nicht zwingen, mich zu lieben und etwas anderes als Liebe - beispielsweise Mitleid - wollte ich nicht. Ich drehte mich nur schweigend um und ging.

Nach den Erfahrungen von Vortag, wußte ich, daß es jetzt Zeit für mich war, zu Bett zu gehen. Ich weinte mich so leise, daß es keiner hörte, in den Schlaf.

Kersti


FB14. Kersti: Fortsetzung: "Er hat mich geschlagen"
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FB1. Kersti: Zum Anfang: Das Attentat
V4. Kersti: Merkwürdige Erfahrungen
EGI. Kersti: Kurzgeschichten
V231. Kersti: Frühere Leben von mir
Z51. Kersti: Erinnerungen an frühere Leben
V12. Kersti: Hauptfehlerquellen bei Erinnerungen an frühere Leben
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