FB: Helden leiden länger

 

FB18.

Du bist ein merkwürdiger Mensch

Nachdem ich selbst gegessen hatte klopfte ich an das Zimmer des Grafen. Er rief mich herein und musterte mich dann minutenlang nachdenklich. Schließlich lud er mich ein, mich zu setzen und bot mir Tee an. Immer noch ruhte sein nachdenklicher Blick auf mir. Ich beruhigte meinen Geist und trank den Tee mit derselben Ruhe aus, als wäre ich allein. Dann schließlich schaute ich auf und sah ihn fragend an.

"So sieht also ein Mann aus, der hundsgemeine Heiratskomplotte schmiedet." sagte er und schmunzelte.
Ich schwieg.
"Ich frage mich, warum du das getan hast. Oder wie ein Mensch dazu kommt, seinen König gegen dessen ausdrücklichen Befehl zu verteidigen und dabei seinen Arm zu verlieren. Ist er das wert, daß man so etwas für ihn tut?" fragte er leise.
Ich gab ihm dieselbe Antwort wie seiner Tochter vor dem Ausritt.
"Viele Menschen wollen nicht mehr leben, wenn sie einen Arm verlieren oder eine ähnlich schwere Verletzung zugefügt bekommen." fuhr er fort.

Ich lachte:
"Ihr seid eurer Tochter sehr ähnlich. Sie hat mir dieselben Fragen gestellt, als ich mit ihr gesprochen habe."
"Wie - war sie so unhöflich?" fragte er entrüstet.

"Ich sollte ihr von unserem Gespräch erzählen. Vielleicht fragt sie dann auch entrüstet, ob ihr so unhöflich wart." entgegnete ich trocken.
Er lachte.
"Tatsächlich gefällt mir diese Direktheit. Ich weiß, daß jeder, der mich sieht, sich diese Fragen stellt. Und erst wenn ich sie beantwortet habe, kann man wieder richtig mit den Leuten reden. Es ist halt nur sehr schwierig, eine Frage zu beantworten, die niemand zu stellen wagt." erklärte ich.

"Und warum gerade meine Tochter?"
"Beispielsweise wegen der Art, wie sie ihr Pferd zugeritten hat. Ohne Gewalt, nur mit Konsequenz und Liebe. Wer so mit Tieren umzugehen versteht, hat eine weit größere Liebesfähigkeit als die meisten Menschen. Das weiß ich genau, denn ich mache es genauso. Und er hat Geduld und Ausdauer. Was er anfängt bringt er auch zuende. Denn ein Pferd ist nicht von heute auf Morgen ausgebildet und es erwidert nur Treue mit einer solchen Treue. Dann kommt noch hinzu, daß sie etwas von Politik versteht. Daß sie vernünftige Ansichten vertritt und sich für jeden verantwortlich fühlt, über den sie zu bestimmen hat."
"Aber sie ist überhaupt nicht bereit, sich angemessen zu kleiden."
Ich lachte:
"Na davon habe ich heute beim Essen nichts gemerkt. Im Übrigen ist es überhaupt nicht schlecht, wenn die Königin dem Volk einen bescheideneren Stil vorlebt. Dann ist niemand gezwungen sich besser zu kleiden als sie."

"Du hörst dich an, als wolltest du sie heiraten."
"Ich habe mir auch überlegt, was für ein Mädchen ich heiraten würde. Er hat bei Frauen einen ähnlichen Geschmack wie ich." antwortete ich.
"Nur hat er die besseren Chancen. Wer heiratet schon einen Krüppel."
Ich zuckte zusammen. Kaum zu glauben, wie weh es immer noch tat. Aber trotzdem hatte er Unrecht:
"Deine Tochter zum Beispiel. Für sie ist nicht der Körper sondern der Geist eines Menschen wesentlich. Und ansonsten habe ich als Bürgerlicher einfach die größere Auswahl." antwortete ich.
Und wenn ich bedachte, daß ich tatsächlich in Liranna eine Frau gesehen hatte, die ich gerne geheiratet hätte, war es vielleicht an der Zeit, daß ich eine Frau für mich suchte. Wieder ruhte sein nachdenklicher Blick auf mir:
"Dich hat schon eine Frau wegen des verlorenen Armes verraten." stellte er fest.
Ich nickte.

"Du hast deinen Arm verloren, kannst nicht mehr richtig kämpfen, deine Frau verläßt dich. Dein ganzes Leben fällt über dir zusammen. Aber du gibst nicht auf, sondern du wächst über dich hinaus und stellst Dinge auf die Beine, die sonst keiner zuwegebringt."
"Das stimmt nicht. Wenn ich mit einem Arm nicht richtig kämpfen könnte, hätte ich den Kampf, in dem ich verwundet wurde, nicht überlebt. Die Hälfte der Feinde habe ich getötet, nachdem ich verwundet wurde. Ich habe immer noch dieselbe Stellung wie vorher, wohne immer noch in demselben Haus, bin immer noch für die Kinder meines Bruders verantwortlich. Mein Freund und König ist immer noch da. Die Grundfesten meines Lebens stehen noch. Mein ganzes Leben würde über mir zusammenfallen, wenn mein König sterben würde. Und selbst wenn, würde ich eben wieder aufstehen und mir ein neues Leben aufbauen."

"So verkrüppelt, wie du bist?" fragte er prüfend.
"Ja."
"Wer würde dich schon nehmen?"
"Du zum Beispiel." antwortete ich.
"Das stimmt." antwortete er.
"Oder der Bruder meines Königs." ergänzte ich.
"Der ist doch tot."
"Ich meine den im Kloster. Er würde mich sicher gerne aufnehmen."
"Das glaube ich dir. Du bist ein merkwürdiger Mensch. Ich glaube, jeder, den ich so der Reihe nach auf all seine wunden Punkte angesprochen hätte, hätte das Gespräch nach wenigen Worten abgebrochen und wäre wütend herausgestürmt. Du aber hast jede meiner Fragen ruhig und sachlich beantwortet. Du bist stark, sehr mutig und sehr zuverlässig. Ich würde dich jederzeit gerne bei mir aufnehmen, wenn sich jemals eine Gelegenheit dazu ergeben sollte. Aber das wünsche ich dir nicht. Denn die wird erst sein, wenn der König nicht mehr lebt oder dich verrät und beides würde dich zutiefst verletzen."
Ich nickte schweigend. Ich glaube nicht, daß er andere Menschen so der Reihe nach auf ihre wunden Punkte ansprechen würde. Dazu war er zu feinfühlig. Aber ich wußte aus Erfahrung, daß Menschen, die so direkt sind, die zuverlässigsten sind, denn sie gehen auch ihre eigenen inneren Probleme direkt an und sind deshalb mit sich selbst genug im Reinen, um nicht auf alles mit Wut oder Hinterlist reagieren zu müssen. Er wäre die Art Herr, mit denen ich gut auskäme.
"Ich sehe Gared hat sich einen guten Herrn gewählt." sagte ich.

***

Mein König nahm mich zur Seite und fragte:
"Was ist eigentlich mit dem Mädchen, was du heiraten wolltest? Ich habe sie seit deiner Krankheit nicht mehr gesehen."
Ich sah ihn fragend an. Ich hatte schließlich nie etwas davon erzählt.
"Sie hat dich, als du noch bewußtlos warst besucht. Danach ist sie nicht wiedergekommen."
"Ich habe nachher noch einmal mit ihr geredet. Sie wollte mich nicht mehr." antwortete ich.
Er sah mich schockiert an. Ihm war klar, wie weh mir das getan haben mußte. Er nahm mich schweigend in die Arme. Ich weinte.

Kersti


FB19. Kersti: Fortsetzung: Attentat
FB17. Kersti: Voriges: Ein hundsgemeines Heiratskomplott
FBI. Kersti: Inhaltsübersicht: Helden leiden länger
FB1. Kersti: Zum Anfang: Das Attentat
V4. Kersti: Merkwürdige Erfahrungen
EGI. Kersti: Kurzgeschichten
V231. Kersti: Frühere Leben von mir
Z51. Kersti: Erinnerungen an frühere Leben
V12. Kersti: Hauptfehlerquellen bei Erinnerungen an frühere Leben
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