FB: Helden leiden länger

 

FB20.

Lebensgefährliche Hochzeit

Als ich wieder zu mir kam, wäre ich am liebsten wieder umgehend in die Bewußtlosigkeit geflohen, solche Schmerzen hatte ich. Statt dessen nahm ich mich zusammen und lauschte in den Raum. Ich spürte die Nähe eines Anderen an meinem Bett. Irgendwie schien er mir vertraut. Ich öffnete die Augen. Es war mein Bruder. Er hatte sich tatsächlich aufgerafft und etwas Sinnvolles getan. Zum ersten mal, seit seiner Verletzung kümmerte er sich um jemanden anders. Ich lächelte ihn voll Freude und Verwunderung darüber an. Ich hatte geglaubt, ich hätte den lieben fürsorglichen Bruder aus meiner Kindheit endgültig verloren.
"Du hier?" fragte ich.
"Ich habe daran gedacht, daß du gesagt hast, daß ich meine Frau nicht schlagen darf und dann bin ich hierhergekommen, um wenigstens irgendetwas zu tun. Zu viel bin ich ja nicht mehr nütze."
"Sag das nicht. Es gibt genug, das man auch mit nur einem Bein mit dem Leben anfangen kann." widersprach ich.
"Ach und gibt es auch genug, was man mit nur einem Arm und einer Bauchwunde die nie richtig verheilen wird mit dem Leben anfangen kann?" fragte er sarkastisch zurück.
"Bestimmt. Ich habe nur noch nicht darüber nachgedacht. Wann ist eigentlich die Hochzeit?" fragte ich.
"In einer Woche." antwortete er.
"Ich will da mit." sagte ich.
"Der Arzt wird es nicht erlauben." widersprach mein Bruder.
"Der kann mir gar nichts verbieten." wiedersprach ich.
"Bitte. Bring dich nicht um, wie Jarem sich umgebracht hat." flehte mein Bruder.

Ich hörte nicht auf ihn. Ich hörte nicht auf den Arzt, nicht auf den König, auf niemanden. Ich wollte mit zu der Hochzeit, die ich herbeigeführt hatte und ich war einfach nur wütend, daß es nicht gehen sollte. Also bin ich mitgeritten.

Es war vorherzusehen, daß sie mich notfalls mit Gewalt daran hindern wollten. Ich zumindest hätte das an ihrer Stelle getan. Also habe ich fünf Tage vorher aufgehört, darüber zu reden, bin eine halbe Stunde vor den anderen losgeritten und habe mich ihnen an einer Wegbiegung unauffällig angeschlossen. Es dauerte fast einen halbe Stunde, bis ihnen bewußt wurde, daß sie einen zu viel dabei hatten. Es war Kariv, der mich zuerst sah.
"Korith, was machst du hier?" fragte er vorwurfsvoll.
"Ich reite zur Hochzeit meines Königs." antwortete ich, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Ich achtete darauf, daß mein Pferd gleichmäßig weiterging.
"Du gehst sofort zurück!" forderte Kariv.
Ich ritt einfach weiter.
"Sofort!" bellte er in seinem schärfsten Befehlston. Dummerweise hatte mich das noch nie sehr beeindruckt. Ich hatte immer nur gehorcht, weil ich die meisten Befehle vernünftig fand. Jetzt drehten sich auch die anderen um, erfaßten die Situation, kehrten zurück und redeten auf mich ein, daß ich umkehren solle. Ich ritt stur weiter.
"Denk an Jarem." sagte jemand.
Ich tat als hätte ich nichts gehört. Der König fiel dem Pferd in die Zügel, doch es biß auf die Trense und ging starrsinnig weiter.

Vermutlich hatte es die Situation falsch interpretiert. Ganz eindeutig hatte es bemerkt daß ich krank war. Es hatte sich den ganzen Unfug gespart, den es sonst immer anstellte, wenn ich es satteln wollte und war die ganze Zeit im Schritt gegangen, ohne auch nur anzudeuten, das es gerne schneller laufen würde - und ich kannte den Hengst als ein so stürmisches verspieltes Tier. Jetzt war es empört, daß die Menschen seinen sowieso schon kranken Herrn auch noch ärgerten. Wenn es begriffen hätte, daß sie mich zum Umdrehen bewegen wollten, damit ich mich nicht durch diesen viel zu langen Ritt umbrachte, dann hätte er sich zweifellos auf die Seite meiner menschlichen Freunde geschlagen. So dagegen ging er starrsinnig weiter und achtete darauf, keine heftige Bewegung zu machen, die mir wehtun könnten, obwohl er offensichtlich verärgert war und nach den Menschen schnappte, die mich aufzuhalten versuchten und dem Pferd in die Zügel fielen, um nicht meinen verletzten Körper noch mehr zu verletzen. Ich aber kümmerte mich nicht darum, sondern ritt starrsinnig weiter. Nach fast einer halben Stunde gaben sie es schließlich auf. An Karivs verkniffenen Gesicht merkte ich, daß er sich ernsthaft Sorgen um mich machte.

Das Reiten verursachte mir immer schlimmer werdende Schmerzen, die ich zornig über meinen widerspenstigen Körper, der mir immer nur wehtat, ignorierte. Und irgendwann kurz nach der Hälfte des Weges spürte ich, wie irgendetwas in meinem Bauch riß. Da wußte ich, ich hatte einen Fehler gemacht, der wahrscheinlich tötlich enden würde. Doch jetzt war es zu spät, um noch umzukehren. Ich biß die Zähne zusammen und ritt weiter. Denn hier war kein Haus, wo man um Aufnahme und Hilfe bitten konnte. Es wurde mit jeder Minute schlimmer. Als wir schließlich ankamen, wollte ich nur noch ins Bett und schlafen. Ich sagte den Anderen, daß sie recht gehabt hatten.

Der Fürst von Longhold besuchte mich in dem mir zugewiesenen Zimmer und fragte wie es mir ginge.
"Ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte nie mitkommen dürfen und wahrscheinlich werde ich deshalb sterben." antwortete ich.
"Und wenn nicht, machst du einen noch größeren Fehler und reitest wieder zurück?" fragte er zurück.
"Ja. Hier will ich nicht bleiben." antwortete ich.

Ich glaubte aber nicht, daß ich den Rückweg überleben würde. Ich hatte Angst vor den Schmerzen, die er mit sich bringen würde und bezweifelte, daß ich es durchhalten konnte. Und ich ärgerte mich über mich selbst, daß ich so unvernünftig gewesen war, nicht auf meinen Körper zu hören, der mir sehr eindeutig gesagt hatte, daß ich eine solche Strecke nicht würde durchhalten können, ohne mich umzubringen. Ich hatte es besser gewußt und ich bin dennoch geritten. So dumm hatte ich mich in meinem Leben noch nie benommen.

Die Hochzeit habe ich verpaßt. Ich lag die ganze Zeit krank im Bett und konnte nichts essen. Der König blieb einen Monat länger auf Longhold, damit ich mich vor der Abreise so weit erholen konnte, wie das überhaupt möglich war. Und dann ritten wir zurück.

Der Rückweg war schlimmer als der Hinweg. Lange vor der Hälfte des Weges erreichten die Schmerzen das Ausmaß, das sie am Ende des Hinweges erreicht hatten und es wurde danach immer schlimmer. Es gelang mir kaum, bei Bewußtsein zu bleiben. Aber es gab unterwegs keinen Ort, wo ich sinnvollerweise hätte Pause machen und die Wunde auskurieren können. Also mußte ich weiter und ich war überzeugt, ich wäre tot, bevor ich zuhause ankam. Am Ende spürte ich, wie die Bauchwunde nach und nach wieder aufriß und Blut in die Hose sickerte.

Ich ritt direkt bis vor die Haustür, wo der Arzt, von einem Gardisten, der vorausgeritten war, alarmiert, schon auf mich wartete.
"Du hattest recht. Ich hätte nicht reiten dürfen." sagte ich ihm.
"Das ist jetzt nicht wichtig." sagte er und führte mich in mein Bett, wo seine Ausrüstung schon bereitstand.
Während er die offene Wunde reinigte wurde sein Gesicht immer düsterer. Müdigkeit und Schwäche machten es mir unmöglich, die bestialischen Schmerzen still zu ertragen. Ich hörte mich die ganze Zeit leise vor mich hinweinen, während ein Teil von mir das Ganze sachlich und ziemlich unbeteiligt beobachtete. Ich blieb bei Besinnung bis er fertig war. Dann sagte ich:
"Diesmal werde ich sterben, nicht wahr?"
Der Arzt hob den Blick und sah mich prüfend an. Ich erwiderte seinen Blick und wartete auf die Antwort.
"Vermutlich." sagte er.
"Tu dein Bestes. Ich will leben." sagte ich ihm ruhig und sicher.
Ich glaubte nicht daran, daß ich Erfolg haben würde, aber ich wollte es zumindest versuchen, obwohl es wieder monatelange Folter bedeuten würde.
"Meinst du das bringt etwas?" fragte er.
"Vermutlich nicht. Du bist wütend, daß ich einfach mitgeritten bin, nicht wahr?"
"Ja irgendwie schon. Du hättest sterben können."
"Ich ärgere mich über mich selbst, denn ich habe es besser gewußt. Aber ich war ja nicht einmal bereit auf mich selbst zu hören." sagte ich.
"Wenn du es besser wußtest, warum bist du dann geritten?"
"Der reinste Starrsinn, verbunden mit genug Intelligenz, um nicht da zu sein, wo mich jemand zur Vernunft hätte zwingen können. Also genau die Eigenarten, die es mir ermöglicht haben, mich in meinem Alter als Gardehauptmann durchzusetzen. Und niemandem eine Chance zu lassen, mich daran zu hindern. Ich glaube ich bin einfach zu intelligent und zu charakterstark, als daß irgendjemand mich dazu zwingen könnte, vernünftig zu sein, wenn ich es nicht aus eigenem Antrieb will. Gib dir bloß nicht die Schuld daran. Du hattest keine Chance. Aber wer weiß, vielleicht bin ich ja auch zu starrsinnig, um einfach zu sterben." ich lächelte ihm spitzbübisch zu - bezweifelte aber, daß dieses Lächeln so gut aussah, wie es sich anfühlte. Dann schlief ich erschöpft ein.

Kersti


FB21. Kersti: Fortsetzung: Schuldgefühle
FB19. Kersti: Voriges: Attentat
FBI. Kersti: Inhaltsübersicht: Helden leiden länger
FB1. Kersti: Zum Anfang: Das Attentat
V4. Kersti: Merkwürdige Erfahrungen
EGI. Kersti: Kurzgeschichten
V231. Kersti: Frühere Leben von mir
Z51. Kersti: Erinnerungen an frühere Leben
V12. Kersti: Hauptfehlerquellen bei Erinnerungen an frühere Leben
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