FB: Helden leiden länger

 

FB23.

"Worüber lächelst du?"

Mein Bruder schien sich gefangen zu haben. Er kümmerte sich, während ich nicht aufstehen konnte, regelmäßig um mich und machte einen Teil der Hausarbeit. Auch die Kinder erzählten, daß er wieder Interesse an ihnen hatte. Ich freute mich jedesmal daran, wenn ich ihn beobachtete. Er tat die Arbeiten, die er eben noch tun konnte. Dabei fiel mir ein, daß ich dasselbe würde tun müssen. Mir eine Arbeit suchen, die ich noch tun konnte. Denn ich wollte ganz gewiß nicht den Rest meines Lebens damit verbringen, der Vergangenheit nachzutrauern. Ich überlegte, was mir gefallen könnte.

Zuerst wollte mir nichts einfallen. Die weitaus meisten Arbeiten fielen schon deshalb heraus, weil sie mehr Körperkraft erforderten, als ich aufbringen konnte, ohne dabei zu riskieren, daß die Wunde wieder aufreißt. Weiteres kam nicht in Frage, weil ich nicht gerade die Arbeiten zu meiner Hauptbeschäftigung machen wollte, die ich noch nie hatte ausstehen können.

Ich grübelte einige Wochen, ohne daß mir etwas einfiel. Aber ich war nicht bereit, aufzugeben. Bei Gesprächen mit meinem Bruder kam er regelmäßig auf dieses Thema und ich mußte immer wieder zugeben, daß ich noch nichts gefunden hatte. Ich spürte, daß er sich Sorgen um mich machte.

Schließlich dachte ich an den Arzt, der so vielen meiner Kameraden und auch mir das Leben gerettet hatte und wußte, daß ich so würde arbeiten wollen. Es war körperlich keine zu schwere Arbeit. Nur gab es da ein Problem. Der Arzt wäre der Ansicht, daß ich zu alt wäre, sein Handwerk noch zu lernen. Aber es gab ja noch andere Wege. Er bemühte sich ja immer sehr darum, daß niemand sich nutzlos vorkam und das konnte ich ausnutzen. Ja. Der Gedanke gefiel mir.

In dem Augenblick schaute mein Bruder bei der Hausarbeit zu mir herüber und fragte:
"Warum lächelst du?"
"Ich denke über die Zukunft nach." antwortete ich.
"Aber wie kannst du darüber lächeln, wenn deine Zukunft gerade völlig zerstört wurde, durch die Verletzungen?" fragte er geradezu empört.
"Nicht meine Zukunft. Nur die Vorstellungen, die ich davon hatte, wurden zerstört. Aber gerade jetzt sind mir ein paar Gedanken gekommen, was ich mit meinem Leben tun könnte. Und die gefallen mir." antwortete ich.
"Willst du es mir erzählen?" fragte er.
"Nein. Sonst würde es nicht funktionieren." antwortete ich und lächelte weiterhin in mich hinein.

Als der Arzt das nächste mal zu mir hereinschaute, fragte ich ihn, ob er nicht irgendeine Arbeit für mich hätte, um mich von den Schmerzen abzulenken. Dem Arzt gefiel diese Frage, denn in seinen Augen war das ein Zeichen, daß ein Mensch langsam wieder auf die Beine kam. Und er fand eine kleine Arbeit, die ich im Bett erledigen konnte. Ich fragte ihm Löcher in den Bauch, wozu das alles gut sei.

Kersti


FB24. Kersti: Fortsetzung: "Ich habe noch nie etwas so verrücktes getan."
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FBI. Kersti: Inhaltsübersicht: Helden leiden länger
FB1. Kersti: Zum Anfang: Das Attentat
V4. Kersti: Merkwürdige Erfahrungen
EGI. Kersti: Kurzgeschichten
V231. Kersti: Frühere Leben von mir
Z51. Kersti: Erinnerungen an frühere Leben
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