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vor 15.2.00

Fantasy, Darkover: Dokiharjon

G19.

Ria Chia

Seit ich nach dem Tod meines Königs, dem ich als Wächter und Freund zur Seite gestanden hatte, aus dem Haus des Trockenlandes in die Domänen geflohen bin, habe ich mich immer nach Liebe und Zärtlichkeit gesehnt, an die ich in meiner Kindheit gewöhnt gewesen war.

So ist es vielleicht nicht verwunderlich, daß ich eine Ria Chia als Bettgefährtin angeboten bekam, als ich einmal bei einem der laranbegabten Adeligen zu Gast war. - Ich nahm an, da man mir versichert hatte, daß diese Wesen keine Gefühle hätten.

Als ich hoch in das prächtig eingerichtete Gästezimmer kam, war sie schon da. Sie hatte mein Kommen nicht bemerkt, da ich mich fast unhörbar bewege. So konnte ich sie eine Weile unbemerkt beobachten, wie sie das Zimmer richtete. Sie arbeitete mit einer fast peniblen Sorgfalt. Als sie zu einem Bild an der Wand kam, hielt sie inne, betrachtete es und strich mit einer zärtlichen Bewegung über eine helle, zart gebaute Gestalt auf diesem Bild.

Keine Gefühle?

Ich ging zu ihr hinüber und trat diesmal bewußt fester auf, damit sie mich bemerken konnte, bevor ich direkt hinter ihr stand. Sie fuhr zu mir herum, als wäre sie erschreckt. Doch das hübsche Gesicht schien nur freundlich zu lächeln. Merkwürdig. Ich versuchte ihre Gefühle zu erspüren und fand eine Barriere. Seltsam. Wenn diese Wesen keine Gefühle hätten, wäre zu erwarten, daß sie auch keine Barriere hätten. Ich wurde neugierig. Aufmerksam betrachtete ich das Bild. Die helle Gestalt hatte gewisse Ähnlichkeit mit der Ria Chia - wirkte aber fremdartiger. Und sie tauschte mit einem rothaarigen Menschenmann eine zärtlichen Blick. Die beiden hielten sich an den Händen.

Keine Gefühle?

Was fand sie dann an diesem Bild? Nach kurzem Überlegen führte ich sie zum Bett und forderte sie mit einigen Gesten auf, sich hinzulegen. Sie gehorchte. Ich versuchte zu erraten, ob und was dieses Wesen fühlen mochte, doch das Gesicht zeigte immer noch dieses blödsinnige Grinsen. Fragen konnte ich nicht, denn sowohl sie, als auch ich waren stumm. Offensichtlich fehlte ihr die Fähigkeit, durch das Gesicht Gefühle auszudrücken. Ich legte die Hand auf ihren Arm und spürte, daß die Muskeln angespannt waren.

Angst?

Ich setzte mich im Schneidersitz neben sie, holte mit der anderen Hand mein Dokir, mein blau leuchtendes Zauberschwert, hervor und legte es quer über mein Knie. Sie spannte sich noch mehr an.

Angst.

Ich hätte dem Wesen gern erklärt, daß ich die Waffe nur benutzen wollte, um meine Gedanken zu konzentrieren. Statt dessen streichelte ich ihr langes Haar und lächelte beruhigend. Dann entspannte, konzentrierte ich mich und baute um sie herum eine zweite Barriere auf, die auch mich mit einschloß. Ich ging in mich und suchte nach all den freundlichen Gefühlen, die ich für dieses Wesen empfand, Liebe, Interesse und Mitgefühl, fügte Frieden und Ruhe hinzu und wartete. Als sie merkte, daß ich nichts weiter tat, als sanft und zärtlich, ihr langes Haar und ihre zarten Hände zu streicheln, wie man es bei kleinen Kindern oder Tieren macht, ließ die Anspannung ihrer Muskeln nach. Jeden Versuch, diese Geste zu erwidern, unterband ich, indem ich sanft, aber bestimmt ihre Hände nahm und festhielt. Erst nach Stunden war zu spüren, daß die Festigkeit ihrer Barriere nachließ. Ich intensivierte die Athmosphäre von Frieden, Sicherheit und Liebe und wartete noch einige Stunden. Als ich merkte, daß nur noch ein Hauch einer Barriere übrig war, ließ ich jeden Rest von Unruhe aus mir verschwinden und öffnete meinen Geist vollständig. Ich nahm sie ganz in mich hinein, ohne sie zu bedrängen. Ich schuf ein ihr vertrautes Bild in meinem Geist. Es war, als stände die Ria Chia in einer großen, leeren Halle, die von warmen, weißen Licht erfüllt ist und sah sich neugierig um. Sie war sich nicht bewußt, wie sie dorthin gelangt war. Neugierig ging sie zu einer der Türen an der Wand, zögerte aber, sie zu öffnen. Stattdessen sah sie durchs Schlüsselloch. Sie sah dort Erinnerungen an Übungskämpfe, die ich mit meinem König und den anderen Dokiharjoni gemacht hatte. Sie traute sich nicht hinein, sondern ging zum nächsten Schlüsselloch und sah hindurch. Sie sah mich mit dem kleinem Mädchen schmusen, das ich erzogen habe. Langsam begann die Ria Chia zu ahnen, daß sie in meinen Erinnerungen stöberte. Ihre Bewegungen wurden zögernder und hatten etwas Verstohlenes an sich, doch sie schaute weiterhin neugierig in die verschiedensten Schlüssellöcher. Schließlich blieb sie stehen, weil sie keine weiteren Türen entdeckte. Ich machte sie darauf aufmerksam, daß ich ihr zusah und mit ihrer Neugier einverstanden war. Sie drehte sich zu mir um und wirkte unsicher. Ich sagte lächelnd:
*Du hast dich in meinen Gedanken umgesehen. Gibt es noch etwas, das du über mich wissen willst?*
Sie sah mich an und an der Oberfläche ihres Geistes bildete sich die Frage, warum ich ihr das erlaubt hatte. Ich zeigte ihr alle Erinnerungen jenes Nachmittags, die etwas mit Riachias zu tun hatten und ließ sie meinen Gefühlen und Gedanken folgen. Ich endete mit dem Wunsch, etwas mehr über sie zu erfahren. Sie antwortete:
*Herr ich mache alles, was du sagst.*
Diese Reaktion erschreckte mich.
*Du hast mich falsch verstanden*, sagte ich, *Ich habe nur gefragt, und eine Frage darf man mit nein - oder ja beantworten.*
Der Gedanke, daß es zwei Möglichkeiten geben könnte, zwischen denen sie wählen durfte, war ihr fremd. Doch schien er ihr zu gefallen. Sorgfältig prüfte sie beide Möglichkeiten. Das Bild, das sie in meinem Geist von sich selbst erschaffen hatte, zeigte einen nachdenklichen Gesichtsausdruck, zu dem ihr irdischer Körper nie fähig gewesen wäre. Dann lächelte sie, von stiller Freude erfüllt.
*Ja.* antwortete sie.

Ich zeigte ihr, wie sie ihren Geist mir so öffnen konnte, wie ich meinen ihr geöffnet hatte und achtete darauf, daß sie auch in ihrem eigenen Geist ein Abbild ihrer selbst erschuf. Dann bat ich sie, mich zu dem zu führen, was sie mir zeigen wollte.

Sie zeigte mir die schönsten Augenblicke ihres Lebens. Jedes freundliche Wort, was je einer der telepatisch begabten Adeligen zu ihr gesagt hatte, hatte sie als großen Schatz in ihrem Herzen gewahrt. Denn unter normalen Umständen wurde sie sachlich behandelt, gefühllos, wie man mit Gegenständen umgeht. Sie konnte ja keine Gefühle zeigen. Es kostete mir große Mühe während der ganzen Zeit ruhig, friedlich und liebevoll zu bleiben, damit mein starker Geist ihr zartes Wesen nicht verletzte.

Erst nachdem wir uns wieder voneinander gelöst hatten, dachte ich so richtig über das nach, was ich erfahren hatte. Als ich am nächsten Morgen die Halle der Burg betrat, in der ich zu Gast war, war ich von Wut erfüllt.

Der telepathisch begabte Burgherr spürte meine Stimmung sofort und fragte mit seinen Gedanken, was denn los sei.
*Ich habe mit der Ria-Chia gesprochen.*
*Ria-Chias können nicht sprechen.* entgegnete der Burgherr in der Gedankensprache.
*Ich auch nicht. Aber bei den Göttern, sie können denken, sie können fühlen und ihr behandelt sie wie Gegenstände. Habt ihr euch keine fünf Minuten Gedanken gemacht, was ihr tatet, als ihr diese Wesen mit euren großartigen Gedankenkräften erschaffen habt?* dachte ich ihm vor Wut bebend zu.
*Glaub mir, sie können nicht fühlen. Das ist wissenschaftlich erwiesen.*

Ich brauchte den ganzen Vormittag, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Aber meine Erinnerungen an die vorhergegangene Nacht waren ein Argument, dessen Realität er sich nicht entziehen konnte.

Danach war er erschüttert und fassungslos, wie er jemals so gefühllos mit diesen Wesen hatte sein können.
*Was soll ich denn jetzt mit den Ria-Chias tun?*
*Du kannst das Ergebnis eurer monströsen Forschungen nicht wieder aus der Welt schaffen. Das wäre Unrecht. Du kannst nur dein Bestes tun, ihren Gefühlen und Gedanken, die sie dir nicht zeigen können, gerecht zu werden, indem du ihnen blind dieselbe Freundlichkeit angedeihen läßt, die du den anderen entgegenbringst, weil du ihre Gefühle spürst.* sagte ich.
*Das geht nicht.* antwortete er.
*Doch das geht. Die ganzen Kopfblinden können es auch.* widersprach ich.
*Aber ich bin doch nicht kopfblind!* meinte er empört.
*Stimmt. Bist du deshalb blöder als die Kopfblinden?*
*Nein.*
Gut. Er würde es wenigstens versuchen. Mehr ist keinem Menschen möglich.

Erst Tage später wurde mir bewußt, warum ich so wütend geworden war:
Zwar hatte ich es mit meiner Stummheit tausend mal leichter als diese Ria-Chias. Ich konnte lesen und schreiben, meine Tochter beherrschte die Gestensprache, die ich in meiner Kindheit gelernt hatte und einige der Adeligen können Gedanken lesen.

Doch im Prinzip waren meine Probleme ähnlicher Art.

Es erfordert manchmal viel Geduld, mit ungebildeten Bauern umzugehen, die sich verhalten, als wäre ich nicht nur stumm sondern auch noch blind, taub und schwachsinnig. Ich habe mir nie erlaubt, diesen einfachen Menschen ihr rücksichtsloses Verhalten in irgendeiner Form heimzuzahlen. Sie wissen es nicht besser. Und normalerweise habe ich mit ihnen nicht genug zu tun, um sie eines Besseren belehren zu können. Es wäre für mich um nichts besser gewesen, wenn sie Angst vor meinem Schwert gehabt hätten, statt mich zu verachten. Also faßte ich mich in Geduld.

Bis dieser ahnungslose Adelige einer Ria-Chia so etwas Ähnliches antat. Da ich mit ihm reden konnte, bekam er meinen ganzen über Jahre hinweg angesammelten Zorn ab.

Ob er das wohl verdient hat?

Nun ja, er hat es offensichtlich schadlos verkraftet. Und vielleicht bringt es den Ria-Chias etwas.


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Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, Internetseite: https://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de