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Fantasywelt Darkover

G22.

Ein Lied der Liebe

In den ersten Jahren und Jahrhunderten der Zeit des Chaos wurden sämtliche Stammhäuser der Türme und Dömänen mehrfach vollkommen zerstört. Es gab in ganz Darkover wohl keine Siedlung die davon verschont geblieben wäre. Nur ein Turm weitab in den Hellers schien dieses Chaos nicht berührt zu haben. Jorim, der Turm der Lieder. Von dort zogen Jahr für Jahr junge Sänger ins Land, und sangen in den Häusern des Landes von der Schönheit, die nur der Frieden leben läßt. Von Saigon, der einer dieser Sänger war, will ich euch nun erzählen und wie er die berühmte Sängerin Vialla fand, die den Frieden bringt.

Das Haus in dem Vialla ihre ersten Jahre verbrachte war ein ehemaliges Wochenendhaus aus der Zeit vor dem Beginn des Chaos, weit abseits jeder Siedlung. Nie verirrte sich ein Fremder dorthin. Schon in der nächsten kleinen Stadt wußte kein Mensch, wo es stand. Sorgfältig hüteten die Bewohner ihr Geheimnis, denn es war ihr einziger Schutz.

Dennoch kam eines Tages ein Reiter mit einem weißen Cherwine den Weg herauf. Ganz deutlich konnte Vialla ihn sehen, wie er neben seinem Reittier den Berg hinaufging. Neugierig sah die Dreijährige dem Fremden entgegen, ein ziemlich kleiner blonder Mann, schlank und an seinem Hals trug er, unbedeckt, eine vollkommen klare Matrix, die in einem sanften, blauen Licht strahlte.

"Hallo Kleine, sag, wo kann ich den Herrn oder die Herrin dieses Hauses finden, um seine Gastfreundschaft zu erbitten?"
"Papa will keine Fremden, die wollen doch sagen wo wir wohnen, damit die Leroni und Laranzi unser Haus kaputtmachen."
"Sagt er das? Aber für einen Sänger wird er doch einen Schlafplatz übrig haben, oder?"
"Was ist ein Sänger?"
"Ein Sänger ist jemand, der sein Essen verdient indem er schöne Lieder vorsingt."
"Und was ist da, auf deinem Rücken?"
"Das ist meine Rryl. Ich spiele dir etwas vor, dann weißt du, was es ist."

Vorsichtig befreite der Sänger das kleine Instrument von seiner Lederhülle und stimmte. Gedankenlos zupfte er einige Akkorde, spielte die Töne, die ihm gerade in den Sinn kamen, dann wurde sein Spiel langsam bestimmter und ging in eine sanfte, traurige Melodie über.

Rote Sonne sinkt hinab,
die Dämmervögel fliegen.
heiser klingt ihr Lied herab,
läßt sich im Winde wiegen.

"Menschenkinder, geht zu Bett,
die Sonne wird versinken,
Nacht ist keine Menschenzeit,
schlaft ein, wenn wir euch singen!"

Liederblatt hierzu: S23. Lied: Dämmervögel, MP3

Wie verzaubert hörte das Kind zu, als der Sänger ein neues Lied begann. Es ist schwer zu sagen, was es an daran am meisten faszinierte. War es der sanfte, ruhige Klang der Männerstimme, die leisen Töne mit der er das Lied auf seiner Rryl begleitete? Oder der friedvolle Gesichtsausdruck des Sängers, wie er vollkommen entspannt auf der kleinen Gartenmauer saß und das kleine Kind voller Liebe betrachtete? Das Kind wußte es nicht. Es hörte nur zu, merkte nicht wie die Sonne hinter den Bergen versank, sah nicht wie die Frauen der Familie leise aus dem Haus kamen, um zuzuhören. Erst als der Sänger den Kopf wendete, bemerkte es seinen Vater. Rumal vom Berghof war ein großer, starker Mann, der gelernt hatte, wie man kämpft. Er stand, ein scharfes Messer in der Hand, hinter dem Sänger und holte aus um ihn zu erstechen. Ruhig sah der Sänger Rumal in die Augen und lächelte. Es war ein leichtes, freunliches Lächeln, das tief aus dem Herzen kam. Rumal hielt inne, als er diesen blick sah. Der Sänger fragte:
"Ich grüße euch, Hausherr. Womit kann ich euch dienen?"
"Damit, daß du möglichst schnell stirbst, Eindringling."
Viallas Vater hielt das Messer hoch erhoben.
"Warum?" fragte der Sänger leise.
Der andere rührte sich nicht.
"Habe ich dir etwas getan?" der kleine Sänger schien die Gefahr, in der er schwebte, nicht wahrzunehmen, so ruhig klang seine Stimme. Rumal schüttelte nur den Kopf.
"Warum willst du mich dann erstechen?"
"Weil du sonst allen Leuten erzählen wirst, wo wir wohnen." sagte Rumal und seine Stimme klang hart und endgültig.
"Wie kommst du darauf?"
"Alle Leute tun das."
"Warum sollten sie?"
"Es gibt überall Verräter."
"Auch hier?"
Viallas Vater starrte den Sänger verwirrt an, dann wurde er wütend.

"Wer hat dir verraten wo unser Haus steht?"
"Ich hatte mich verirrt und mit der Matrix nach einem Haus gesucht, wo ich heute nacht vor dem Sturm Schutz finden kann."
Man konnte dem Hausherrn ansehen, daß er dem Sänger nicht glaubte.

"Komm mit." befahl er.

Der Sänger ließ seinen Blick ruhig über die anderen Männer des Haushalts gleiten, die zusammen mit Viallas Vater von der Jagd zurückgekehrt waren. Sie hatten ihre Jagdbögen gespannt und auf den Sänger gerichtet. Ohne Hast packte der Fremde seine Rryl ein, lächelte dem Mädchen noch einmal zu und folgte Rumal ins Haus. Sie führten ihn in den Keller in einen Raum mit vergittertem Fenster und füllten so viel Raivannin in einen Becher, wie nötig ist, um das Laran vollkommen zu betäuben. Der Fremde trank es wortlos aus. Dann rollte er sich in seinen warmen Mantel und schlief ein. In der Nacht wütete ein großer Sturm.

Am nächsten Tag beim Frühstück fragte die kleine Vialla ihre Mutter:
"Mutti, warum war Papa so böse zum Sänger?"
Die Junge Frau wußte nichts zu antworten, sie schüttelte nur traurig den Kopf.
"Aber er war nicht böse. Er hat ein schönes Lied gesungen. Warum hat Papa ihn in den Keller gesperrt? Jetzt ist er bestimmt traurig."
"Als ich ihm das Frühstück gebracht habe, hat er gesungen."
"Warum singt er, wenn er im Keller ist?"
"Ich weiß nicht, Kind, vielleicht singen Sänger überall, wo sie sind."

Leise schlich sich Vialla hinunter in den Keller.

Es dauerte eine Weile bis Saigon, der Sänger merkte, daß Vialla an der Tür lauschte.
"Was machst denn hier Mädchen?" fragte er lächelnd.
"Zuhören."
"Willst du nicht mitsingen?"
"Aber ich kann das doch nicht. Mutti sagt immer, ich singe so schief."
"Weißt du Kind, singen lernt man nur durch Singen. Sing mit!"
Und das tat sie dann auch den ganzen Tag, mit nur einer kleine Pause für das Mittagessen. Voller Freude lauschte Saigon der noch ungeübten Kinderstimme.
*Das Kind ist ein kleines Juvel*, dachte er.

Niemand kann behaupten, daß Vialla schön sang. Es klang sehr schief. Auch wie die Stimme sich entwickelt, kann man nie vorhersehen, doch das Kind hat etwas viel wertvolleres. Es ist die Fähigkeit Musik mit seinem ganzen Herzen, mit der ganzen Seele zu empfinden, verbunden mit der tiefen, unstillbaren Sehnsucht selber eine Musik zu schaffen, die seine Gefühle so vollkommen ausdrückt, wie nur ein Lied es kann.

Das Laran der Sänger.

Saigon war beinahe vollkommen glücklich, er wünschte nur, er könnte jetzt die Gefühle des Kindes spüren.

Abends, nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatten, besprachen die Erwachsenen, was mit dem Gefangenem zu geschehen habe. Alle setzten sich für den Sänger ein. Sie erinnerten den Hausherrn daran, daß die Leute aus dem Turm der Lieder sich nie an den Kriegen beteiligt hätten, daß sie schon manche Schlacht mit ihren Liedern verhindert hätten, doch vergebens.

"Der Sänger muß sterben." beendete Rumal vom Berghof die Diskussion, "Auch wenn er verspricht, nichts zu verraten, wenn er sich nicht vorstellen kann, daß er dieses Versprechen brechen könnte. Selbst dann können wir nicht sicher sein, ob er uns nicht vielleicht doch verrät. Wir können es uns nicht leisten, ihn am Leben zu lassen. Wir holen den Mann hoch, er hat ein Recht darauf, zu erfahren, was wir mit ihm vorhaben."

Als Rumal konnte den Fremden schon am Kellereingang singen hören, zuerst nur den ruhigen, sanften Klang der Stimme und die traurige Melodie. Als er langsam näher kam, konnte er auch die Worte verstehen.

... doch die Türme sind zerbrochen,
nichts blieb von vergangnem Glanz
tot, die Menschen, sind erstochen,
und vergessen ist der Tanz.

Wem soll ich die Lieder singen,
die ich liebte, die sind tot,
leer und falsch die Lieder klingen
schweigen sie von meiner Not.

Drum sing ich nur Trauerlieder
und kein Lachen blieb zurück.
Was verloren kehrt nie wieder.
Erinnerung ist jetzt mein Glück.

Liederblatt hierzu: S33. Lied: Zerbrochene Türme, MP3

"Was ist das für ein Lied?" fragte der Hausherr heftig. Das Lied hatte die Erinnerung an eine Zeit eweckt, in der er noch einen anderen Namen trug, damals hatte er große Schuld auf sich geladen.

"Du mußt wissen, daß ich auf Aldaran geboren bin und meine Ausbildung in Jorim gemacht hatte. Als ich dann mit 15 volljährig wurde und als Sänger in die Welt zog, wollte ich zuerst meine Eltern besuchen. Ich wanderte einige Tage, bis ich schließlich in das Tal von Aldaran herunterblicken konnte. Es gab nur noch Ruinen, wo vor wenigen Tagen die Häuser Aldarans gestanden hatten. Damals habe ich dann dieses Lied gesungen." antwortete der Sänger in sachlichem Ton und stand ruhig auf, um dem anderen nach oben zu folgen.

*Aldaran ... wieso gerade Aldaran? Weiß der Sänger, wer ich bin? Aber wie ist das möglich? Wenn er damals 15 war, kann er mich nur als Baby gekannt haben. Nein, er kann es nicht wissen, sonst müßte er mich hassen nach dem was ich getan habe. Aldones, warum mußte sich ausgerechnet dieser Sänger hierher verirren? Warum konnte es kein Halsabschneider sein, der den Tod tausendfach verdient hatte? Warum? Wenn wir ihm sagen, daß wir ihn ermorden wollen, dann wird er mich hassen. Und er hat allen Grund dazu.*

"Komm mit." Der Sänger folgte dem Hausherrn die Treppe hinauf in die Halle, und setzte sich mit derselben anmutigen Bewegung auf den Stuhl, wie er es wohl auch in all den anderen Häusern getan hatte, in denen bisher gesungen hatte.
"Darf ich ein Lied singen?"
Ohne einen Antwort abzuwarten begann Saigon zu Spielen.
*Ist er wirklich so ahnungslos?* fragte Rumal sich erstaunt. *Möglich ist es schon, wir ha ben ihm Raivannin gegeben.*

Gehst du durch Städte, gehst du durch Dörfer,
säumen Ruinen deinen Weg.
Suchst du nach Feldern und nach Gehöften,
gehst du durch rauchgeschwärztes Land.
Und die Domänen zerstören die Türme,
Rache bleibt dann auch nicht aus,
Krieg führen Türme gegen Domänen
und nur Asche bleibt zurück
von den Dörfern der Menschen.

Hoch in den Bergen, da herrscht Frieden,
denn dort ist kein Menschenland.
Ganz versteckt steht dort ein Häuschen,
Heimlichkeit sein einzger Schutz.
Was geschieht, wenn ich sage wo?

Geh ich durch Städte, geh ich durch Dörfer,
sage nur einem wo es steht,
wandert die Kunde leicht durch die Lande,
dringt bis an einer Turmherrin Ohr,
wandert die Kunde schnell über Felder,
daß man es in den Domänen erfährt.
Krieg führen Türme und auch Domänen
und nur Asche bleibt zurück,
auch von jenem Häuschen.

Hoch in den Bergen, da herrscht Friede,
denn dort ist kein Menschenland.
Ganz versteckt steht dort ein Häuschen,
Heimlichkeit sein einzger Schutz.
Wer will dort Ruinen sehn?

Darum ziehe ich durch die Lande,
singe nur dieses kleine Lied.
Sage nicht Feinden, auch nicht den Freunden,
wo dieses kleine Häuschen steht.
Weiter ich wandre, weiter ich singe,
für den Frieden gegen Krieg,
damit die Menschen niemals vergessen,
daß es Schönheit und Frieden gab
und immer danach streben.

Hoch in den Bergen, da herrscht Friede,
dort wird das Schöne nicht zerstört,
ganz versteckt steht dort ein Häuschen,
Heimlichkeit sein einzger Schutz.
Ich will das nicht zerstören.

Liederblatt hierzu: S44. Lied: Geheimes Haus, MP3

*Warum singt er dieses Lied?* fragte sich Rumal verwirrt, *Er kann doch nicht meine Gedanken gelesen haben!*
Neugierig fragte eine der jungen Frauen:
"Wo steht denn die Hütte aus dem Lied?"
"Geschichten über Hütten, von denen niemand weiß, wo sie stehen, erzählt man überall. In den Hellers, den Hyaden, den Kilghardbergen und in den Venzabergen. Ich habe nie danach gesucht, denn gewöhnlich richten die Herren solcher Häuser jeden hin, der sie findet. Aber dieses Lied erzählt von eurem Heim, und ich wollte euch hiermit um Erlaubnis bitten es draußen in den Tälern singen zu dürfen."

*Denkt dieser Mensch immer nur ans Singen?* fragte sich Rumal und wußte nicht ob er darüber zornig oder verwundert sein sollte.
Laut sagte er:
"Und wenn wir diese Erlaubnis nicht geben?"
"Dann werde ich ein so gutes Lied hierüber schaffen, daß auch du willst, daß ich es in ganz Darkover singe."
"Das kannst du ja versuchen." Jetzt schmunzelte Rumal. Der Sänger war wirklich unglaublich. Er schwebte in Lebensgefahr und redete vom Singen. Der Sänger lächelte.

"Wenn du mir dein Ehrenwort gibst keinen Fluchtversuch zu unternehmen und jeden Tag das Raivannin zu trinken, das ich dir gebe, kannst du dich hier in der näheren Umgebung frei bewegen und versuchen dein Lied zu machen. Sonst bist du des Todes."
Durch ein Neigen des Kopfes deutete Saigon an, daß er verstanden hatte. Nachdenklich musterte er das Gesicht des Hausherrn.

Rumal konzentrierte sich kurz und stellte sich darauf ein, mit seinem Laran Lüge von Wahrheit zu unterscheiden. Er mußte wissen, ob dem Mann das Versprechen vollkommen ernst war.
"Wie heißt du, Sänger?"
"Saigon Falahai."
"Saigon Falahai, willst du mir versprechen hier bei dieser Hausgemeinschaft zu bleiben?"
"Ich verspreche, zu bleiben, bis ihr oder euer Nachfolger mir die Erlaubnis gibt zu gehen."
"Versprichst du, keinen Kontakt zu Menschen, die nicht zu diesem Haus gehören, aufzunehmen und täglich das Raivannin zu trinken, das wir dir geben?"
"Ich verspreche das zu tun, bis ihr es nicht mehr von mir verlangt." antwortete der Sänger fest. Er schien sehr zu bedauern, dieses Versprechen geben zu müssen. Es schien Rumal, als sei der Mann noch nie auf den Gedanken gekommen, daß man ein solches Versprechen auch brechen könnte.

"Wie meinst du das?" fragte Rumal mißtrauisch.
"Wie würdest du dich ohne dein Laran fühlen?" Der Sänger ließ Rumal einen Augenblick Zeit, darüber nachzudenken, bevor er weitersprach:
"Ich fühle mich jedenfalls nicht ganz vollständig."
"Du willst mich überreden, daß du es nicht mehr nehmen mußt?" fragte Rumal zornig.
"Natürlich."
"Und du glaubst, daß es dir auch gelingt?"
"Ich hoffe es doch!"

Verblüfft durch diese Offenheit, zögerte Rumal einen Augenblick bevor er fortfuhr:
"Versprichst du, niemals gegen unser Haus zu arbeiten und unser Geheimnis zu wahren?"
"Ich verspreche es."
*Ich begreife nicht, warum dieser Mann keinen Groll gegen mich hegt*, dachte Rumal, *ich an seiner Stelle würde ein solches Versprechen nicht ablegen können. Jeder mit nur ein bischen Laran wüßte, daß es mir damit nicht ernst wäre.*

"Dann dann frage ich euch, Männer und Frauen des Berghofes, hat irgendeiner von euch etwas gegen den Sänger Saigon einzuwenden?"
Einer nach dem anderen schüttelten alle Mitglieder der Hausgemeinschaft verneinend ihren Kopf. Nur Vanessa, die Mutter Viallas erhob ihre Stimme:
"Ich kenne den Sänger nicht gut genug, um seine Persönlichkeit zu beurteilen, aber über die Leute aus dem Turm der Lieder habe ich bisher nichts Schlechtes gehört. Sie gelten als Menschen, die ihr Wort halten. Was mir zu denken gibt, ist jedoch etwas ganz anderes. Jeder von uns hat dich heute zu überreden versucht, den Sänger am Leben zu lassen. Wir haben stundenlang auf dich eingeredet, doch es hat alles nichts gebracht. Saigon, der Sänger brauchte nur ein Lied zu singen und schon hat er dich überredet ihn zu verschonen."
"Das ist wahr." stimmte Rumal ihr zu und überlegte wie man ein solches Problem bei einer Gerichtssitzung am besten behandelt.
Vielleicht war es wirklich eine voreilige Entscheidung. Schließlich fragte er einfach:
"Saigon, wie erklärst du dir das?"
"Du wolltest mich beinahe von Anfang an nicht wirklich töten. Deshalb hatte ich eine Chance, mich herauszusingen.
"Das ist wahr. " antwortete Rumal.
Bedrückt sah er den Sänger an.
Saigon fragte:
"Ist dir bewußt, daß Vialla Laran hat? In der alten Zeit wäre ein Kind mit ihrer Begabung gewiß zur Bewahrerin ihres Kreises ausgebildet worden. Wenn sie jemals die Schwellenkrankheit bekommt, wird sie das nicht überleben."
"Woher willst du das wissen?" fragte Rumal, "Bist du ein Laran-Seher?"
"Nein, das nicht. Doch bevor man die heutigen Prüfmethoden für das noch schlafende Laran von Kindern entwickelt hat, nutzte man die Tatsache, daß Lieder eine so ruhige Stimmung erzeugen, daß auch das Laran von Kleinkindern für kurze Zeit erwacht. Dadurch kommt es, daß Kinder mit viel Laran die Musik unheimlich lieben. Natürlich gibt es auch Kinder die kein Laran haben und trotzdem Musik mögen, doch sie können nie dadurch so fasziniert werden, wie beispielsweise ein Mädchen mit der Begabung einer Bewahrerin. Ich habe ganz deutlich Viallas Gedanken gespürt."
Rumal war bestürzt.
*Was soll ich bloß machen? Ich kann das Kind hier nicht ausbilden! Erstens habe ich die Arbeit eines Ausbilders für Kinder nicht gelernt und außerdem würden die Frauen der Türme früher oder später mitkriegen, daß hier ein starker Telepath ausgebildet wird. Herauszufinden um wen es sich handelt, ist dann nur noch eine Kleinigkeit. Die Domänen werden so oft angegriffen. Da kann man kein Kind zur Ausbildung hinschicken. Es wäre besser, sie hätte nichts von diesem Laran geerbt.*
"Weißt du schon, wie du sie ausbilden lassen wirst? Wenn nicht, der Jorim der Turm der Lieder hat für ein Kind mit ihrer Begeisterung für Musik immer einen Platz. Allerdings müßte sie dann bald dort anfangen. Bei uns beginnen wir die Ausbildung schon, wenn die Kinder drei Jahre alt sind."

Dann begann der Sänger wieder zu singen:

Regen fällt wie schimmernde Tränen,
edelsteingleich in grünes Gras.
Ich hebe den Kopf in schweigendem Sehnen
blicke hinüber zum Horizont.

Ravaillin,
Land der Träume, Land der Sehnsucht,
dort hinter dem blauen Berg.

Gerne würde ich dorthin wandern,
wo ich Kind und glücklich war.
Ich wünschte ich könnte zu jenen andern,
in Ravaillin hinterm Horizont.
Ravaillin,
Land der Träume, Land der Sehnsucht,
wo ich nicht alleine wär.

Ravaillin, das ist meine Heimat,
Wunderland aus kristallklarem Stein.
Mir stünden die leuchtenden Tore offen
ließe ich hier mein Haus allein.
Ravaillin,
Land der Träume, Land der Sehnsucht,
dort jehnseits des ewgen Schnees.

Doch was ist mit den kleinen Kindern,
die ich für meinen Manne trug?
Verschlossen ist Ravaillin meinen Kindern,
in ihren Adern fließt Menschenblut.
Ravaillin,
Land der Träume, Land der Sehnsucht,
so bleibt mir nur Menschenland.

Liederblatt hierzu: S26. Lied: Tränen für Ravaillin, MP3

Zwei Tage später verkündete Rumal vom Berghof bei der täglichen Abendrunde, daß es keine bessere Möglichkeit gäbe, als Vialla auf Jorim ausbilden zu lassen.

Kersti

Liederblatt hierzu: S17. Lied: Sag mir, was ist das für eine Zeit?, MP3


Z60. Marion Zimmer Bradley, Freunde von Darkover, Darkover EGI. Kersti: Märchen, Fantasy
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Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, Internetseite: https://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de