Hauptseite  /   Suche und Links  /   Philosophie und Autorin dieser Seite

erste Version: 3/2013
letzte Bearbeitung: 1/2016

O11.

Satanistischer ritueller Mißbrauch - Ein komplexes Rätsel

Inhalt

O11. Kersti: Zusammenfassung und Inhalt
O11.1 Kersti: Teil 1: Satanistischer ritueller Mißbrauch - real?
O11.2 Kersti: Teil 2: Falsche Erinnerungen: Die Generationenübergreifenden satanistischen Sekten existieren nicht
O11.3 Kersti: Teil 3: Die wissenschaftliche Debatte: Achtung, es menschelt!
O11.3.1 Kersti: Zielsetzung
O11.3.2 Kersti: Die Protagonisten der Debatte
O11.3.2.1 Kersti: Pro: Gaby Breitenbach: Innenansichten dissoziierter Welten extremer Gewalt: Ware Mensch - die planvolle Spaltung der Persönlichkeit
O11.3.2.2 Kersti: Contra: Elisabeth Loftus
O11.3.2.2.1 Kersti: Elisabeth Loftus: Wissenschaftliche Artikel und andere Kleinveröffentlichungen
O11.3.2.2.1 Kersti: Wurde George Franklin wegen nichts als einer wieder aufgetauchten Erinnerung verhaftet?
O11.3.2.2.2 Kersti: Elisabeth Loftus: Die Therapierte Erinnerung
O11.3.2.3 Kersti: Contra: Lawrence Wright: Erinnerungen an Satan
O11.3.2.4 Kersti: Contra: Ina Schmied-Knittel
O11.3.2.4.1 Kersti: Ina Schmied-Knittel: Satanismus und ritueller Missbrauch
O11.3.2.4.2 Kersti: Ina Schmied-Knittel: Satanismus als Neomythos
O11.3.2.5 Kersti: Neutral: Colin A. Ross: Satanic Ritual Abuse
O11.3.3 Kersti: Therapeuten als Opfer und Täter emotionalen Mißbrauchs
O11.3.3.1 Kersti: Das zum Familientherapeuten erzogene Kind
O11.3.3.2 Kersti: Wie ein Therapeut sich in Überforderungssituationen verhalten sollte
O11.3.3.3 Kersti: Therapeutenfehler als Folge von emotionalem Mißbrauch in der Kindheit
O11.3.4 Kersti: Wissenschaftler als Opfer und Täter sexuellen Mißbrauchs
O11.3. Kersti:
O11.3. Kersti:
O11.4 Kersti: Teil 4: In welchem Verhältnis stehen die False Memories zu satanistischem rituellem Mißbrauch zur Realität?
O11.5 Kersti: Teil 5: Organisierte Kriminalität: eine andere Erklärung für rituellen Mißbrauch
O11.6 Kersti: Teil 6: Spirituelle Deutung der False Memories zu satanistischem rituellem Mißbrauch
O11.Q Kersti: Quellen

Teil 3: Die wissenschaftliche Debatte: Achtung es menschelt!

3.1 Zielsetzung

Mich beschäftigt hier die Frage, was die Wissenschaft daran hindert zu einem fundierten Ergebnis zu kommen.

Im Gegensatz zu der mediensoziologischen Analyse von Autor: Ina Schmied-Knittel beschäftige ich mich nur mit derjenigen Literatur die wissenschaftlich interessant ist, also mit wissenschaftlicher Forschung, Büchern von Therapeuten mit praktischen Erfahrungen zum Thema und ausführlichen Berichten über Einzelfälle, wo der Autor entweder der Betroffene selbst oder eine Person ist, die sich ausführlich persönlich mit dieser beschäftigt hat.

Schon beim ersten Durchlesen einiger Bücher aus dem Themenbereich satanistischer ritueller Mißbrauch fielen mir erhebliche Bildungslücken der Diskutanten und Verfälschungen der Gegenstandpunkte auf. Sofern der Autor eines Buches über Themen, von denen er keine Ahnung hat keine Aussagen macht und die Grenzen seiner Bildung deutlich macht, wo er sich äußert, schaffen Bildungslücken keine ernsthaften Probleme in der Forschung. Wenn jemand jedoch vorspiegelt den gesamten Artikel gelesen zu haben, obwohl er nur Kurzfassungen kennt, die eventuell noch aus Sekundärliteratur stammen und daraus Aussagen ableitet, die man nur bei Kenntnis des vollständigen Artikels machen dürfte, führt das zu massiven Verfälschungen der wissenschaftlichen Forschung. Ebenso wenn man die Inhalte eines wissenschaftlichen Artikels bewußt oder aufgrund von selektiver Wahrnehmung falsch wiedergibt.

Die hier behandelten Quellen sind diejenigen die ich in diesem Artikel verwendet habe, da sie

Es handelt sich also eher um eine Auswahl besonders fundierter Quellen als um eine Zufallsstichprobe. Jedoch kaufe ich mir nur Bücher von Wissenschaftlern und keine einzelnen wissenschaftlichen Artikel, da ich mir derart teure Literatur nicht leisten kann.

 
Inhalt

3.2 Die Protagonisten der Debatte

3.2.1 Pro: Gaby Breitenbach: Innenansichten dissoziierter Welten extremer Gewalt: Ware Mensch - die planvolle Spaltung der Persönlichkeit

Autor: Gaby Breitenbach behauptet der Begriff "False Memory" (falsche Erinnerungen) wäre von der False-Memory-Bewegung erfunden wordenB7.13. Während Loftus tatsächlich in späteren Jahren die Sichtweise der False Memory-Foundation wesentlich mitgeprägt hat und 1994 ein Buch herausbrachte das sich mit der Entstehung von False Memories in Therapien beschäftigt, liegt der Beginn ihrer Forschung zu False Memories in den frühen 70ger JahrenB2.1. Die False Memory Syndrome Foundation wurde aber erst 1992 gegründetB2.5.

Der zweite Punkt, der mich negativ berührt hat, ist die naive einseitige Sicht auf die Täter. Wenn ein Mensch in einer Parallelwelt aufgewachsen ist, in der es nur Täter und Opfer zu geben scheint, entsteht auch das "Täter sein" aus der Angst, man könne sonst Opfer werden. In der Therapie unterstützt man grundsätzlich genau die Person, die man vor der Nase hat darin, einen Weg in ein besseres Leben zu finden und ergreift ihre Partei - aber das heißt nicht, daß es hilfreich wäre, andere Teile der Realität, die ebenfalls unangenehm sind, einfach nicht zu Kenntnis zu nehmen, nur weil man versehentlich Verständnis für die Probleme von Tätern entwickeln könnte. Den Täter zu verstehen, bedeutet immer auch, daß man als Opfer besser weiß, wo man den Hebel ansetzen kann, wenn man sich aus der Opfersituation befreien will. B7.12

 
Inhalt

3.2.2 Contra: Elisabeth Loftus

3.2.2.1 Elisabeth Loftus: Wissenschaftliche Artikel und andere Kleinveröffentlichungen

Autor: Elizabeth F. Loftus hat seit den frühen 70ger Jahren Erfahrung in der wissenschaftlichen Erforschung von False Memories gesunder Menschen und ist in diesem Bereich wohl die unbestritten renommierteste Forscherin. In ihren wissenschaftlichen Veröffentlichungen betont sie öfter, daß auch Erinnerungen an Mißbrauch False Memories sein können und daß man falsche Erinnerungen nicht sicher von echten unterscheiden könne.B2.1, B2.3

Sie äußert in ihrem Nachwort zu "Satanic Ritual Abuse" von Colin A. Ross, daß sie zunächst geglaubt hatte, dieses Angebot sei eine Falle, da das Diskussionsklima derart vergiftet ist. Ihren Worten nach zu urteilen, hat das Buch, zu dem sie dieses Nachwort geschrieben hat, sie sehr nachdenklich gemacht. Sie hatte den Autor des Buches als Vertreter der Gegenseite gekannt und betrachtet seine Darstellung eher überzogen kritisch als ausgewogen, macht sich aber keiner ernsthaften Verdrehungen schuldig.B1.5.N

Eine deutliche Verfälschung von Informationen findet sich in Loftus Artikel

Wurde George Franklin wegen nichts als einer wieder aufgetauchten Erinnerung verhaftet?

Zitat aus Autor: Elizabeth F. Loftus, Autor: Deborah Davis: Recovered Memories.:
"Am 28. Noveber 1989 wurde Autor: George Franklin aufgrund des Mordes an einer Spielkameradin aus der Kindheit seiner Tochter verhaftet - ein Mord der angeblich 20 Jahre zuvor stattgefunden hatte (siehe MacLean 1993). Die Beweise für seine Tat? Nichts als eine wieder aufgetauchte Erinnerung seiner nun 29-jährigen Tochter, die behauptete, daß sie ihre Erinnerung daran, den Mord vor 20 Jahren beobachtet zu haben, verdrängt hatte." B3.25

War es wirklich "nichts als eine wieder aufgetauchte Erinnerung", die zu der Verurteilung von George Franklin führte? Die Geschichte wird von Autor: Lenore Terr, die in diesem Prozess als Gutachterin tätig war, ausführlicher erzählt. Die Tochter, die diese Erinnerung an den Mord hatte, war Autor: Eileen Franklin, verheiratete Lipsker. Sie hatte ihrer Erinnerung nach mitangesehen, wie ihr Vater ihre beste Freundin zuerst vergewaltigt und dann ermordet hatte.

Die Erinnerungen von Eileen Lipsker waren, wie man aus diesen hier nur unvollständig wiedergegebenen Details entnehmen kann, durchaus durch diverse andere Quellen gestützt. Sie lieferten also nur das verbindende Element zwischen den bekannten Fakten und der Tat, so daß vernünftigerweise anzunehmen ist, daß ihre Erinnerungen auf eine echte Erfahrung zurückgehen und daß George Franklin tatsächlich der Mörder war.

 
Inhalt

3.2.2.2 Elisabeth Loftus: Die Therapierte Erinnerung

In ihrem Buch macht sie auf das große Leid aufmerksam, daß es bedeutet, unschuldig für ein Verbrechen angeklagt und verurteilt zu werden. Sie beschreibt, wie vergiftet das zwischenmenschliche Klima in der Diskussion um False Memories ist.

Loftus bezweifelt, daß verdrängen und späteres zutreffendes Wiedererinnern so möglich ist. Textstelle S.22 - ohne ernstzunehmende Belege der Aussage.B2.4 S.22

 
Inhalt

3.2.3 Contra: Lawrence Wright: Erinnerungen an Satan

Autor: Lawrence Wright beschreibt einen Gerichtsfall in dem der Beschuldigte offensichtlich false Memories entwickelt hatte, in denen er seine Kinder mißbrauchte.

In einer Anmerkung wird die Studie "Recall of Childhood Trauma: A Prospective Study of Women's Memories of Child Sexual Abuse" von Linda Meyer Williams erwähnt und behauptet: "Achtunddreißig Prozent vergaßen entweder den Mißbrauch oder entschieden sich, ihn nicht anzugeben. Williams sagt jedoch nicht, welcher Prozentsatz von ihnen zur Zeit, als der Mißbrauch begangen wurde, im Kleinkindalter war."B5.7 S.202f Tatsächlich liefert die Autorin neben der Graphik, die die Fragestellung des Zusammenhangs zwischen Alter und Erinnerung illustrieren soll, in einer Anmerkung sehr genaue Antworten zu dem Thema: "The exact distribution of no recall for each age is: age <1 year, 1 of 1 no recall; age 1 year, 1 of 1 no recall; age 2 years, 3 of 5 no recall; age 3 years, 1 of 5 no recall; age 4 years, 6 of 12 no recall; age 5 years, 9 of 11 no recall; age 6 years, 4 of 7 no recall; age 7 years, 4 of 11 no recall; age 8 years, 4 of 8 no recall; age 9 years, 1 of 9 no recall; age 10 years, 2 of 8 no recall; age 11 years, 6 of 21 no recall; age 12 years, 7 of 30 no recall."B3.1 und diese Zahlen sind so nicht mit der Theorie vereinbar, daß die Verdrängung allein auf das zu junge Alter zurückzuführen sei, genau der Schluß zu dem auch die Autorin des Artikels kam.

Wenn man das Original nicht kennt und nur unaufmerksam liest, könnte folgender - nicht gleichbedeutender - Satz von aus der Sekundärliteratur zu der Studie die Quelle des Irrtums sein: "Williams did not indicate how many of the 12% who reported no abuse history were under 4 years of age when the recorded instance occurred, so we cannot estimate the extent to which infantile amnesia (i.e., the well-established, normal paucity of adulthood recollections of events that occurred before the age of 3 or 4 years) contributed to these cases."B3.13 - Das heißt einige von den 34% die sich weder an das polizeilich gemeldete Ereignis noch an anderen Mißbrauch durch dieselbe Person erinnern konnten, hatte ein Teil - 22% - von allen interviewten Personen, andere Mißbrauchserinnerungen, während 12% keinerlei solche Erinnerungen hatte. Von den 12 Kindern unter vier Jahren erinnerten sich 6 an den gemeldeten Mißbrauch, es ist also für 6 Kinder unklar, ob sie sich nur an Mißbrauch durch andere Täter erinnerten oder an gar keinen. Zu der Frage in welchem Ausmaß "infantile amnesia", das heißt, daß man sich normalerweise nicht an seine Säuglings- und einen Teil der Kleinkindzeit erinnern kann dazu beitrug, ist das aus meiner Sicht irrelevant. Die angenommene Altersgrenze von vier Jahren ist nach den obigen Zahlen offensichtlich falsch, denn schon damals Zweijährige erinnerten sich als Erwachsene an diesen Mißbrauch, von den Dreijährigen konnten sich fast alle erinnernB3.1.

Eine weitere Bemerkung macht Wright über eine 1987 veröffentlichte Forschungsarbeit "Recovery and verification of memories of childhood sexual trauma" von Herman und Schatzow. Er gibt wieder, daß die Teilnemer 53 Personen aus einer Therapiegruppe für Inzestüberlebende waren, Das Original zu dieser Studie habe ich im Internet nicht gelesen, doch Bowman liefert in ihrem Reviewartikel genauere Angaben. Von den Teilnehmern haben 89% versucht Belege für den Mißbrauch zu finden. 6% fanden keine unabhängigen Belege, 74% hatten Erfolg. 40% erhielten Bestätigung durch den Täter oder körperliche Beweise, 34% fanden ein anderes Kind oder einen Verwandten, der ebenfalls von Mißbrauch erzählte. Ein Rechenfehler oder falsch abgeschrieben?B3.12 In einen weiteren Artikel steht: "Of the clients who reported new memories, 74% subsequently reported corroboration of their abuse histories, but the nature of some of the corroboration appears weak (e.g., clients' self-reports that family members in some way supported their beliefs), and it is not clear whether the corroboration referred to newly remembered abuse or to never-forgotten abuse."B3.13

Studien, die anhand dessen, was die Versuchspersonen selbst berichten, untersuchen, wie häufig Erinnerungen an Kindesmißbrauch bestätigt werden konnten, kommen normalerweise zu dem Ergebnis, daß die Hälfte bis drei Viertel der Betroffenen Belege dafür finden, daß sie tatsächlich mißbraucht wurden, unabhängig davon, ob die Erinnerungen durchgehend vorhanden waren, ob sie von alleine wieder ins Bewußtsein gedrungen sind oder ob sie durch Hypnose aufgedeckt wurden. B3.12

 
Inhalt

3.2.4 Contra: Ina Schmied-Knittel

3.2.4.1 Ina Schmied-Knittel: Satanismus und ritueller Missbrauch

Autor: Ina Schmied-Knittel bezieht sich in ihrer Aussage, daß der satanistische rituelle Mißbrauch nicht existiert ausschließlich auf die forensischen Erkenntnisse. Da sie sich nicht damit befaßt hat, warum die Befürworter dieser These daran glauben, tauchen diese Gründe auch nicht in ihrem Buch auf.B5.8

Ernstzunehmende Verfälschungen der von ihr verwendeten Quellen sind mir nicht aufgefallen.

 
Inhalt

3.2.4.2 Ina Schmied-Knittel: Satanismus als Neomythos

Die Aussagen zum satanistischen rituellen Mißbrauch entsprechen denen im Buch. Sie betont den diametralen Gegensatz zwischen dem öffentlichen Satanismusbild und dem realen Satanismus.B5.5

Ernstzunehmende Verfälschungen der von ihr verwendeten Quellen sind mir nicht aufgefallen.

 
Inhalt

3.2.5 Neutral: Colin A. Ross: Satanic Ritual Abuse

Autor: Colin A. Ross hält die meisten Erinnerungen an satanistischen rituellen Mißbrauch für false Memories, betont aber, daß man den emotionalen und psychologischen Gehalt dieser Erinnerungen ernst nehmen und psychologisch bearbeiten müsse. Außerdem müsse man offen bleiben für die Möglichkeit, daß Teile der Erinnerungen oder alle Erinnerungen auf reale Ereignisse zurückgehen, auch wenn eine Erinnerung in das Schema "satanistischer ritueller Mißbrauch" paßt, da es selten auch reale Erfahrungen dieses Typs gibt.

Ernstzunehmende Verzerrungen sind mir in keine Richtung aufgefallen.

 
Inhalt

3.3 Therapeuten als Opfer und Täter emotionalen Mißbrauchs

3.3.1 Das zum Familientherapeuten erzogene Kind

Beispielgeschichte, Kersti:

"Bin ich undankbar?"

Das erste, was mir in dem Gespräch auffiel, war, daß die Frau, die mich angerufen hatte an völlig unpassenden Stellen fragte, ob sie undankbar wäre, wenn sie das was von ihrer Familie verlangt würde nicht täte. Ich fand die Forderungen ihrer Familie durchweg unangemessen: So etwas erwartet ein Kind, bevor es das Jugendalter erreicht, von seinen Eltern und nicht die Eltern von ihren Kindern oder die Geschwister von ihrer kleinen Schwester.

Sie erzählte wie sie Streits in ihrer Herkunftsfamilie schlichtete, eigene Kinder bekam und versorgte, eine Firma gründete, von der diese Familie leben konnte und wie ihre Herkunftsfamilie nichts für sie tat, wenn sie Hilfe gebraucht hätte und ihr ständig an den seltsamsten Stellen unterstellte, sie wäre undankbar.

"Bizarr." dachte ich.

Schließlich kamen wir auf einen Besuch bei ihrem Bruder zu sprechen. Der Bruder wollte von ihr, daß sie in einem Geschäft in seiner Nachbarschaft Kleider verkaufte und dort wartete, bis ein dort lebender Mann kam und sie heiratete, was sie ablehnte. Daraufhin fand er sie undankbar.
Ich fragte ob ihr Bruder denn nicht gewußt hätte, daß sie zu dem Zeitpunkt eine funktionierende eigene Firma hatte von der sie leben konnte.
"Doch, das wußte er."
"Ja und warum wollte er, daß du das machst?"
"Na er dachte vielleicht, daß das praktischer für ihn gewesen wäre."
"Aha - er wollte also etwas von dir und wenn du es ihm nicht gibst, bist du undankbar?"
Sie lachte, als ihr klar wurde wie unsinnig das war und danach flachsten wir nur noch über dieses Thema herum.BE3

Dies ist ein Beispiel für ein Muster, das mir in meiner Arbeit öfter begegnet ist und in dem gewöhnlich die meisten oder alle von den folgenden Punkten zutreffen.BE3 Dieses Muster taucht nur in extrem dysfunktionalen Familien in dieser Form auf, ist aber in abgeschwächter Form in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Das Thema, daß ein Kind in die Therapeutenrolle gedrängt wird, behandelte Autor: Alice Miller schon 1983 ausführlich in ihrem Buch " Buch: Das Drama des begabten Kindes".B7.6

Grundsätzlich kann ein solches Kind später als Erwachsener auf verschiedene Weise damit umgehen.BE3

Das Grundmuster, daß eine Gemeinschaft eine Person nur dann als Mitglied duldet, wenn dieses hart und ohne entsprechende Gegenleistung als Therapeut für die Gemeinschaft arbeitet, gibt es auch außerhalb der eigenen Familie und hat dort ähnliche Auswirkungen, die aber meist schwächer ausgeprägt sind, weil nur die Familie so absolute Macht über ein Kind hat, während andere Einflüsse meist weniger überwältigend sind.

Beispielgeschichte, Kersti:

Wir akzeptieren dich nur, wenn du uns therapierst

Direkt nach dem Abitur beschäftigte ich mich mit Option, einer Methode der Gesprächstherapie. Einerseits lernte ich in diesem Zusammenhang mich innerlich wesentlich besser gegen die Bedürfnisse anderer abzugrenzen, indem ich mir klar machte, daß es nicht meine Aufgabe ist, die Probleme anderer zu lösen.

Andererseits stellte ich fest, daß die Option-Dialogtechnik Gespräche mit Mitmenschen, mit denen ich mich eigentlich nicht richtig unterhalten konnte, weil sie nichts für mich interessantes zu einem Gespräch beizutragen hatten, sehr viel einfacher und entspannter machte, weil ich systematisch gelernt hatte mit wenigen Worten zu zeigen, daß ich zuhöre, ohne selber inhaltliche Beiträge zu leisten, die meiner Erfahrung nach nie willkommen waren, da die Leute sich für all die Dinge, die ich meist in wissenschaftlicher Literatur gelesen hatte, einfach nicht interessierten, sondern nur sauer sind, weil ich alles besser weiß. Gespräche mit mir wurden also viel einfacher und bei meinen Mitmenschen willkommener. Aber letztlich gab ich ihnen eine kostenlose Therapie, damit sie nicht ärgerlich auf mich sind, weil ich nicht weiß, wie ich mich an ihrem niveaulosen Small-Talk beteiligen soll. Interessanterweise führte das die nächsten zehn Jahre dazu, daß es in allen kleineren sozialen Gruppen - beim Wochenendkurs der Heilpraktikerschule, in Internetforen, beim Sport, an der Arbeit - an denen ich teilhatte besonders freundlich und herzlich zuging.

Zehn Jahre nach dem Abitur begann ich zu studieren und dadurch hatte ich nicht mehr die Reserven übrig, jeden in meiner Umgebung kostenlos zu therapieren. Ich fuhr das also mit der Begründung zurück, daß ich dazu nicht genug Zeit hätte. Und ich stellte fest, daß diverse Leute plötzlich bösartig wurden und mich ohne zu begründen, warum sie verärgert waren, ständig persönlich angriffen.

Danach unterzog ich mein Leben einer Revue und kam zu dem Schluß, daß das ich von den meisten nur akzeptiert werde, wenn ich ihnen eine kostenlose Therapie anbiete. Und viele davon sind nicht bereit, diese Tatsache vor sich selbst zuzugeben und bestehen darauf die Therapie Freundschaft zu nennen.

Ich gewöhnte mir danach an, bei jedem, den ich kennenlerne, zu prüfen, wie er reagiert, wenn ich ihm ein harmloses Problem von mir präsentiere. Wer das als unangemessene Zumutung behandelte, wurde dann von mir als Patient eingeordnet, der sich selber melden muß, wenn er etwas will. Nur bei denen, die darauf freundlich reagierten und eine Hilfe waren, überlegte ich mir, ob ich die Beziehung aktiv pflegen will, weil er für mich als möglicher Freund interessant ist.

Nach und nach wurde mir klar, daß ich mit Option diese Methode zwar optimiert hatte, daß ich aber schon als Kleinkind meinen Freundinnen verständnisvoll zugehört hatte, wenn sie mir ihre persönlichen Probleme erzählten, daß ich meine Probleme und Sorgen aber für mich behalten hatte, weil die anderen Kinder bei weitem nicht so verständnisvoll reagierten und manchmal gemeine Dinge sagten.

Daß ich in den letzten beiden Jahren der Grundschulzeit gemobbt wurde, hatte dazu geführt, daß das nicht mehr für mich funktionierte, weil ich überfordert war.

 
Inhalt

3.2 Wie ein Therapeut sich in Überforderungssituationen verhalten sollte

Psychotherapeuten gleich welcher Couleur, Ärzte, Heilpraktiker und Geistheiler kommen alle immer wieder in Situationen, die schwierig sind. Die wichtigsten Gründe sind
  1. Der Therapeut leidet sehr mit, da er einen Patienten hat, dem es sehr schlecht geht, und dem er nicht so sehr helfen kann, daß für diesen das Leben auch nur erträglich wird. Es kann dabei um körperliche Schmerzen gehen, gegen die kein Schmerzmittel ausreichend hilft, um soziale Probleme, wie daß der Patient sieht, wie ein Familienmitglied sich selbst zugrunderichtet und er nichts gegen tun kann, um unerträgliche Angstzustände. In jedem dieser Berufe sieht man viel Leid und kann nicht immer etwas dagegen tun. Er braucht deshalb etwas mehr Abstand vom Patienten und Supervision.
  2. Ein Patient fordert wesentlich mehr Zeit und Aufmerksamkeit, als der Therapeut ihm widmen kann und es ist kaum möglich, ihm klar zu machen, daß auch ein Therapeut Zeit für Essen, zum Schlafen und ein Privatleben braucht, um nicht selber krank zu werden. Der Therapeut muß also seine Grundbedürfnisse gegen Übergriffe des Patienten verteidigen
  3. Persönliche Probleme des Therapeuten drängen sich ständig in den Vordergrund, so daß der Therapeut sich nicht auf den Patienten konzentrieren kann. Der Therapeut ist deshalb nicht in der Lage seine Arbeit zu tun.
In so einem Fall ist es die Aufgabe des Therapeuten sich vorbildlich zu verhalten. Aber nicht vorbildlich im Sinne von "ein Mensch ohne Schwächen und Fehler". Ein solches Wesen gibt es auf der Welt nicht. Sondern vorbildlich in dem Sinne, daß er seine Bedürfnisse verteidigt, ohne dabei verletzend zu werden. Und wenn dem Therapeuten das gelingt, so lehrt er damit etwas, das die meisten seiner Patienten dringend brauchen werden, weil viele von ihnen von ihrer Familie überfordert, mißbraucht wurden und genau das deshalb nicht richtig lernen konnten.

Im Scherz sage ich manchmal: "Um den Satz 'Ich weiß nicht' zu erlernen, braucht es mindestens eine Professorentitel!", denn beim Studium fiel mir auf, daß ich dort diesen Satz weitaus häufiger zu hören bekam als früher in der Schule, und zwar am häufigsten von den Professoren, von deren Fachwissen ich am allermeisten gehalten habe. Grundregel: Wenn man das Gefühl hat, daß ein Patient zehn mal so viel Fachwissen über die eigene Krankheit hat wie man selbst, dann sagt man: "Sie wissen da mehr als ich selbst." Wenn man die Frage nicht beantworten kann, die man gestellt bekommt, sagt man "Das weiß ich auch nicht." Wenn einem das Problem des Patienten zu schwierig vorkommt, man das Gefühl hat, emotional überfordert zu sein, dann sagt man: "Das überfordert mich." Wenn während einer Therapiestunde ein Problem des Therapeuten hochkommt, sagt man als Therapeut: "Tut mir leid, daß ich abgelenkt bin, aber bei dem Thema kommt bei mir ein eigenes Problem hoch." Wenn der Therapeut in solchen Fällen seine eigenen Fehler und Schwächen nicht zugeben kann, richtet er großen Schaden an und verletzt gerade die Patienten immer wieder neu, die sowieso schon die schwierigsten Probleme haben.

Die hier beschriebene Technik wird "Ich Botschaft" genannt und so weit ich weiß hauptsächlich in der Pädagogischen Literatur beschrieben, nämlich in
Buch: B28. Gordon, Thomas / Familienkonferenz
und in dem Buch Lehrer-Schüler-Konferenz desselben Autors.

Kleinere Fehler des Therapeuten wirken sich nur dann schlimm aus, wenn der Patient schwere psychische Probleme hat. Man wird das therapeutische Gespräch meist trotz des kleinen Lapsus des Therapeuten weiterführen können, wenn auch manchmal der Erfolg verzögert wird. Wenn der Patient irritiert reagiert, sollte man den eigenen Fehler erklären. Es ist viel weniger irritierend wenn man beispielsweise sagt:
"Tut mir leid, daß ich plötzlich so reagiert habe, deine Worte haben mich daran erinnert, wie meine Eltern mich immer fertiggemacht haben." (natürlich mit mehr differenzierten Details) oder "Ich bin nicht wütend auf Dich, sondern auf den Täter." oder "Ich habe davon weniger Ahnung als Du." als wenn der Therapeut wütende und verunsicherte Reaktionen seinerseits einfach unerklärt stehen läßt.

Wenn jedoch eigene Probleme so massiv hochkommen, daß der Therapeut nicht mehr in der Lage ist, zu der entspannten und akzeptierenden Haltung zurückzukehren, die ein Therapeut haben sollte, bleibt nichts anderes übrig, als sich zu entschuldigen und den Dialog abzubrechen, um die eigenen Probleme in der Supervision aufzuarbeiten.
V26. Kersti: Die Option-Haltung
VB95.1 Kersti: Die therapeutische Haltung

 
Inhalt

3.3.3 Therapeutenfehler als Folge von emotionalem Mißbrauch in der Kindheit

Da aber viele Therapeuten von ihren Eltern rücksichtslos mißbraucht wurden, um ihre Eltern zu therapieren und ihnen die direkte Verteidigung gegen Überforderung in der Kindheit verboten war, reagieren sie mit den Tricks und krankhaften Mustern, die sie sich in der Not ihrer Kindheit angewöhnt hatten, um nicht ganz unterzugehen.

Der Therapeut macht also gehäuft therapeutische Fehler.

  1. Er betont plötzlich ständig, daß er ja der Therapeut und der Patient krank sei.
    Auch wenn sich der Patient in der geschlossenen Psychiatrie befinden sollte, damit er sich nicht selbst in Gefahr bringt, sollte ein Therapeut ihn weitestgehend behandeln, als wäre er gesund, weil der Patient nur so gesundes gleichberechtigtes Verhalten einüben kann.
  2. Er verlangt, daß der Patient ihm jetzt vertrauen und glauben müsse
    Vertrauen kommt von allein, wenn der Therapeut sich richtig verhält - auch wenn es lange dauert, wenn der Patient viel Schlimmes erlebt hat. Vertrauen zu fordern, unterdrückt die Fähigkeit des Patienten, Fehler von Autoritäten kritisch wahrzunehmen und eine gesunde Vorsicht beim Umgang mit ihnen walten zu lassen.
  3. Er verletzt die Privatsphäre des Patienten und mischt sich in Entscheidungen ein, die der Patient selbst treffen sollte.
  4. Der Therapeut reagiert gekränkt, wenn Lösungsvorschläge für Probleme des Patienten abgelehnt werden.
    Wenn man genau nachfragt, zeigt sich in so einem Fall normalerweise, daß der der den Ratschlag gegeben hatte, etwas nicht wußte, das bewirkt, daß der Ratschlag nicht umsetzbar ist oder daß der geringe Erfolg den Aufwand nicht rechtfertigen würde.
  5. Der Therapeut unterstellt seinem Patienten, er wolle nicht gesund werden.
    Tatsächlich kommt es vor, daß Patienten, so etwas über sich selbst sagen - doch wenn jemand beispielsweise sagt, daß er lieber sterben wolle als sich mit seinem psychischen Problem zu befassen, um gesund zu werden, ist das vor allem eine Aussage, darüber, wie sehr er sich vor diesem Problem fürchtet. Er braucht dann Ermutigung, nicht Vorwürfe, um den Mut zu finden, sich dem Problem zu stellen.
  6. Der Therapeut betont ständig daß er es doch gut meine, tut aber verletzende und eigensüchtige Dinge, die allein seine Bedürfnisse erfüllen.
    Wie er es meint, ist in der Therapie irrelevant, wesentlich ist, ob es jetzt gerade weiterhilft.
    Vergleiche hierzu auch: VA98. Kersti: Tonstufe Mitleid
  7. Er erklärt, der Patient wäre unheilbar.
    Denn wenn jemand unheilbar ist, muß man ihn nicht behandeln.
  8. Er wird wütend, wenn man ihn auf seine Fehler aufmerksam macht.
Diese Fehler sind normalerweise verletzend und sollen bewirken, daß der Patient den Therapeuten nicht mehr mit Problemen konfrontiert, die diesen überlasten. Der Therapeut betreibt also emotionale Mißhandlung um sich vor Überforderung zu schützen. Wenn ein Therapeut solche Fehler regelmäßig macht, führt das dazu, daß er nichts wesentliches mehr erzählt bekommt und daher auch keine wirksame Therapie mehr möglich ist.

Beispielgeschichte, Kersti:

"Nein, meinem Therapeuten erzähle ich das nicht!"

Eine bisher unbekannte Frau rief mich an und erzählte mir beim ersten Gespräch innerhalb weniger Stunden diverse in ihrer Lebensgeschichte wichtige Erfahrungen, von denen einiges von tabubeladenen Themen handelte, wie Abtreibungen und spirituelle Erfahrungen. Ich hörte ihr aufmerksam zu und stellte Rückfragen. Gegen Ende erzählte sie daß sie auch schon eine längere Therapie gemacht hätte. Neugierig fragte ich sie, ob sie das alles denn auch ihrem Therapeuten erzählt hätte.
"Nein, meinem Therapeuten erzähle ich das nicht!" kam wie aus der Pistole geschossen.
"Na wenn sie all diese wichtigen Themen ihrem Therapeuten verschweigt, dann kann bei der Therapie ja nicht allzuviel herausgekommen sein." dachte ich mir und fragte mich, wie der Therapeut es geschafft hatte, in einer jahrelangen therapeutischen Beziehung so oft das Signal zu geben, daß ein Thema nicht akzeptabel ist, daß so viele wichtige Themen ausgeklammert geblieben sind.

 
Inhalt

3.4 Wissenschaftler als Opfer und Täter sexuellen Mißbrauchs

Therapeuten als Täter bei Mißbrauch

10% der Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter und Priester geben in anonymisierten Umfragen zu, abhängige Personen mißbraucht zu habenB1.5 S.35.

Nachrecherchieren, da die Anschuldigung wegen Kindesmißbrauchs von Tätern ausging:
"Als Wormser Prozesse werden drei von 1993 bis 1997 andauernde Strafprozesse vor dem Landgericht Mainz bezeichnet, in denen 25 Personen aus Worms und Umgebung des massenhaften Kindesmissbrauchs im Rahmen eines Pornorings angeklagt wurden und die mit dem Freispruch aller Beschuldigten endeten. Sie gelten als die größten Missbrauchsprozesse der deutschen Rechtsgeschichte."
Welt: Seite „Wormser Prozesse“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 5. November 2013, 14:32 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wormser_Prozesse&oldid=124159909 Welt: (Abgerufen: 4. Januar 2014, 18:30 UTC)

Entwicklungspsychologie und Wissenschaft

VB136. Kersti: Der Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft

 
Inhalt

Ist denn das Therapeutenbild der False Memory Foundation realistisch?

Wenn man sich das buch von

 
Inhalt

Es ist generell falsch, von einem Theraspeuten zu erwarten, er hätte zu wissen, was von dem, was seine Patienten ihm erzählen wahr oder falsch ist

Usage of Memory Techniques

Betrug

Mißachtung des Unterschieds zwischen Betrug und False Memories


Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im Voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.
Werbung - auch in Form spiritueller Newsletter - ist nicht erwünscht und ich bin nicht damit einverstanden, daß diese Adresse für Werbezwecke gespeichert wird.