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erste Version vor: 07.06.00
letzte Bearbeitung: 9/2012

V39.

Wie wird man zum Außenseiter?

Beispielgeschichte, Kersti:

Aber Du weißt das doch!

Einmal wollte ein Lehrer mir helfen. Er fragte die anderen, warum sie mich ärgerten. Sie antworteten, daß ich blöd und seltsam sei und daß Ärgern Spaß mache. Seit wann gibt das einem das Recht, andere zugrundezurichten? Auf meine Bitte hin erzählten sie ein Beispiel.

Das erste Beispiel handelte davon, wie ich in Tränen ausgebrochen war, nachdem sie mich so lange geärgert und genervt hatten, bis ich die Tränen nicht mehr unterdrücken konnte. Das Weinen wäre mein Fehler gewesen. - Ich war sprachlos. Ich fand, daß es asozial von ihnen ist, mich so zu behandeln und dann von mir zu verlangen, ich solle gefälligst unverletzlich für solches Verhalten sein. Wußte darauf aber keine angemessene Antwort, die ich ihnen hätte geben können.

Ich fragte nach einem weiteren Beispiel und bekam es. Das nächste Beispiel war mir unverständlich. Da ich mein Verhalten angemessen fand, fragte ich, was ich falsch gemacht hätte.
"Aber das weißt du doch!" behauptete eine Mitschülerin.
"Nein, das weiß ich nicht!" widersprach ich.
So ging es hin und her. Es wäre so einfach gewesen zu antworten!

Dann einigten sich Klasse und Lehrer, ich sei schuld, daß sie mich ärgerten und gaben mir die üblichen Ratschläge. Der Lehrer meinte, ich müsse dankbar sein.

Ich fragte mich wofür. Das Ganze hatte mir nicht geholfen, denn ich wußte immer noch nicht, was ich hätte ändern können, um akzeptiert zu werden. Das ganze hatte mir aber aus mehreren Gründen geschadet. Zum einen hatte der Lehrer die Klasse darin bestätigt, sie würde alles richtig machen. Damit hatte er meine Stellung in der Klasse aktiv verschlechtert. Zweitens hatte er meine seelischen Wunden erneut aufgerissen. Das ganze war also eine zusätzliche psychische Belastung für mich in einer Zeit, wo ich mein Bestes getan hatte, um jede unnötige Belastung zu vermeiden, da mich das ständige Mobbing psychisch überforderte.

Ich wußte nicht, wie ich das hätte erklären können, also schwieg ich.

Daß es auch anders geht, führte mir ein paar Jahre später meine Pfadfindergruppe vor:
V168. Kersti: Meckerrunde

Die Forderung, alle Leute sollen "normal" sein, ist unmoralisch, weil nicht jeder eine normale Mischung an Begabungen, Vorerfahrungen und Erziehung hat. Man darf von niemandem erwarten, daß er Fähigkeiten benutzt, die er nicht hat, seine tiefsten Überzeugungen verrät oder seine grundlegenden Bedürfnisse mißachtet. Kaum ein Mensch sagt, was ihn stört. Andeutungen müssen aber viele Menschen übersetzt bekommen, um sie verstehen zu können! Außenseiter haben zu wenig Möglichkeit, das unter Gleichaltrigen übliche Verhalten zu lernen.
O4: Kersti: Unterbindet Ausgrenzung in der Schule soziales Lernen?, OI4.

Auch bevor er geärgert wurde, hob etwas den Außenseiter heraus: Er war der Neue, der Beste, Schlechteste in der Schule oder verhielt sich ungewöhnlich. Er kann wegen Hautfarbe, Haarfarbe, Kleidung, einer Brille, der Religion ... allem geärgert werden. Doch ist das nur ein Risikofaktor für die Betroffenen, nicht die Ursache. Die Klasse braucht einen Sündenbock, auf den sie ihre schlechte Laune ablädt, weil sie die wirklich Schuldigen nicht zur Rechenschaft ziehen kann: Schulbehörden, Eltern oder Lehrer. Um sich sicher fühlen zu können, nicht selbst der Nächste zu sein, gibt man einer Besonderheit des Opfers Schuld.

Kersti

VA1. Kersti: Sekteneigenschaften als Folge von Ausgrenzung
VA2. Kersti: Hoffnungslosigkeit und doch nicht aufgeben
VA61. Kersti: Kritikfähigkeit hat zwei Seiten
VA63. Kersti: Heißwassertrinken, Knetfiguren - oder woran man Scientology erkennt
VA103. Kersti: Sektenhetze
VA108. Kersti: Ausgrenzung
VA231. Kersti: Anderssein ist Mist - selbst wenns eine Hochbegabung ist
VB3. Kersti: Das darfst du nicht sagen, du mußt wissen, daß es falsch ist!
V4. Kersti: Merkwürdige Erfahrungen
V174. Kersti: Warum ich schreibe, wie es war, ausgegrenzt zu sein
V248. Kersti: Spielverderber - oder - Wer sind die Guten?
V253. Kersti: Manchmal frage ich mich: "Leben wir überhaupt in derselben Welt?"
V294. Kersti: Warum Außenseitermeinungen für Fachleute schwerer zu verstehen sind als für Laien
V301. Kersti: Um Außenseiter zu integrieren, muß man die Gemeinschaft ändern, die ausgrenzt
V308. Kersti: Aussenseiterkarrieren - wie sie entstehen, was sie verhindern kann
V309. Kersti: Gibt es Aussenseitereigenschaften?
V114. Kersti: Ausgrenzung: Ich bin zu stolz, um gegen mein Gewissen zu handeln

Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.