Hauptseite  /   Suche und Links  /   Philosophie und Autorin dieser Seite


erste Version zwischen dem 01.05.2000 und dem 07.06.2000
letzte Überarbeitung: 6/06

V85.

Ausgrenzung und zwischenmenschliche Probleme: Was mir wirklich geholfen hat

Es war die schwierigste Zeit meines Lebens: In der Schule ließen mich meine Klassenkameraden keinen Augenblick in Frieden.
V38. Kersti: Ausgeschlossen!
Einerseits bin ich Legastenikerin - andererseits hatte und habe ich einen Wissensdurst und eine Auffassungsgabe, die weit über das übliche Maß hinausgehen, so daß ich auch die Probleme Hochbegabter, die Frau Schlichte-Hiersemenzel so treffend schildert (Idee und Bewegung Heft 38, S.21) aus eigener Erfahrung kenne.
O3: Kersti: Ist in der Schule das Denken verboten?, OI3.
O4: Kersti: Unterbindet Ausgrenzung in der Schule soziales Lernen?, OI4.
O6: Kersti: Hochbegabung als Verständigungshindernis, OI6.
Jetzt kann ich mit meinen Stärken die Schwächen ausgleichen - in der Schule wurde mir dazu jeder Weg verbaut.

Zuhause erlebte ich mit, wie tief es Karola verletzte, von jenen verstoßen zu werden, die getan hatten, als wollten sie ihr Eltern sein. Da sie eine meiner beiden besten Freundinnen war, holten wir sie zu uns. Ihrer Erfahrung nach waren Erwachsene unzuverlässig. Das ist lebensbedrohlich: Kein Kind kann ohne Erwachsene gesund großwerden. Nie wagte sie es eine Schwäche zu zeigen. Mein Problem: Um jede Kleinigkeit kämpfte sie wie ein in die Enge getriebenes Tier in Todesangst. Nachgeben half nichts - es sei denn, ich wäre gerne Fußabtreter geworden. Dazu, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, hätte ich nicht die Überzeugung aufgebracht: So wichtig, daß man sich darum prügeln müßte, bis Blut fließt, ist beispielsweise eine Tüte Gummibärchen nicht. Als Mittel, möglichst viel Friede zu haben, bestand ich unnachgiebig auf Gerechtigkeit: Die Bärchen wurden nach Farben sortiert einzeln ausgeteilt. Doch egal was ich machte, hatte ich jeden Tag mehrfach Streit mit ihr.

Ich durchdachte zum X-ten Male meine Zukunftsprognosen: Umweltverschmutzung wird innerhalb von zehn Jahren den Wald töten. Nahrung und Trinkwasser werden vergiftet. Die Tierhaltung wird immer grausamer. Die Selbstmordraten und die Zahl der Drogentoten steigen - die Menschheit geht vor die Hunde ... und ich gehe daran, wie die anderen mit mir umgehen nach und nach zu Grunde!

Ich hätte aufgeben können - doch entschied ich, wie oft zuvor: Wenn es mit der Welt und meinem Leben so schlecht steht, will ich zumindest nicht mit schuld daran sein. Ich tat ohne Hoffnung, was meiner Ansicht nach am ehesten dazu beitragen könnte, beides zu verbessern.

Heute als Erwachsene muß ich über mein damaliges Weltbild schmunzeln. Was mich zu diesen Prognosen veranlaßte existiert. Doch ist der Wald heute krank - nicht tot. Neben Entwicklungen zum Schlechteren gibt es Gemeinschaften, die bessere Wege suchen und finden. Ich fand Freunde, die mich verstehen. Ich bin glücklich.

Hätte ich nicht alles getan, was in meinen Kräften stand, um meinen Idealen gerecht zu werden - Woher hätte ich meine Selbstachtung beziehen sollen? Aus dem Spott meiner Klassenkameraden? Woher hätte ich den Willen nehmen sollen, irgendetwas zu tun? Aus meiner Hoffnungslosigkeit? Wozu hätte ich leben sollen? Um mich zu prügeln?

Aufgeben, nichts tun und Anderen die Schuld an meinen Problemen geben, wäre einfacher gewesen - aber glücklich wird man so nicht! Solange ein Mensch ein sicheres Leben in geregelten Bahnen lebt, mag er ohne Ideale zurechtkommen. Doch wenn es keine äußeren Sicherheiten mehr gibt, muß ein Mensch in seinem Inneren die Kraft finden, die ihn durch die Wirren des Lebens trägt. Ideale.

Wißt ihr, daß ich trotz aller dieser Probleme damals die meiste Zeit zufrieden und ausgeglichen war? Unrecht macht unglücklich. Manchmal auch den, dem es angetan wird, aber immer, ohne Ausnahme jeden, der Unrecht tut. Daß ich mit mir selbst zufrieden war, konnte mir niemand nehmen.

Kersti

VA2. Kersti: Hoffnungslosigkeit und doch nicht aufgeben
VA34. Kersti: Ist alles Leben Leiden?
VA35. Kersti: Ich kenne keine Langeweile
VA37. Kersti: Die Schuld immer auf den Schwächsten schieben - die beste Methode, um Probleme unlösbar zu machen
VA53. Kersti: Sind Schläge oder nicht Schläge in der Erziehung wirklich so wichtig?
VA60. Kersti: Kriege fallen nicht vom Himmel
VA61. Kersti: Kritikfähigkeit hat zwei Seiten
VA75. Kersti: Das Gefühl, daß die Welt in Ordnung ist
VA101. Kersti: Nicht immer kann man an Gott glauben
VA108. Kersti: Ausgrenzung
VA109. Kersti: Geistige Gesundheit
VA112. Kersti: Geistige Freiheit
VA181. Kersti: Bestandteile des Gewissens
VB26. Kersti: Hamer: Konflikte machen körperlich krank
V17. Kersti: Brief über angemessenen Umgang mit Verleumdungen
V25. Kersti: Sekten, Sucht und Suche
V26. Kersti: Option-Fragen
V57. Kersti: Wie gehe ich mit Macht um?
V105. Kersti: Das Gute wirkt nach anderen Gesetzen
V111. Kersti: Warum ich "gut" mit "vernünftig" gleichsetzte
V114. Kersti: Ich bin zu stolz, um gegen mein Gewissen zu handeln
V146. Kersti: Wahre Weisheit klingt naiv
V153. Kersti: Seelischer Schutz vor Konflikten
V159. Kersti: Warum ich nicht hasse
V166. Kersti: Außenseiter: Das Opfer ist schuld?
V167. Kersti: 17-jährige Gruppenführer verhindern Ausgrenzung wirksamer als Lehrer
V168. Kersti: Meckerrunde
V172. Kersti: Ein echt guter Rat
V173. Kersti: Was ist Gewissen?
V174. Kersti: Warum ich schreibe, wie es war, ausgegrenzt zu sein
V223. Kersti: Option - was mir einmal sehr geholfen hat
V228. Kersti: Für was ist ein Mensch verantwortlich?
V248. Kersti: Spielverderber - oder - Wer sind die Guten?
V277. Kersti: Das Prinzip der Narrenfreiheit
V285. Kersti: Keine Liebe ohne "Nein"
V299. Kersti: Der Unterschied zwischen Elitebewußtsein und Standesdünkel
V300. Kersti: Ohne eigene Erfahrungen keine zutreffende Theorie

Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.