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erste Version vor: 26.02.01
letzte Überarbeitung: 9/06

V168.

Meckerrunde

Ich war das erste mal ein ganzes Wochenende zusammen mit der Pfadfinder-Mädchengruppe, der ich angehörte, auf Fahrt. Die Fahrt war wunderschön. Alle waren sie freundlich zu mir. Es war die erste Gemeinschaft seit ich in die dritte Klasse kam, die mich vorbehaltslos aufgenommen hatte.

Und - sicherlich war allein das schon eine Leistung. Ich war sechs Jahre lang von den Gleichaltrigen nahezu vollständig ausgegrenzt worden. Da fehlten sechs wesentliche Jahre des sozialen Lernens. Ich wußte einfach nicht, welches Verhalten sie von mir erwarteten.

Am Ende dieses Wochenendes riefen die beiden Gruppenführerinnen - damals etwa 17 Jahre alt - die Gruppe zu einer Meckerrunde zusammen. Eine von beiden - ich weiß es nicht mehr, ob es Gunda oder Silke war - leitete die Runde ein, indem sie erklärte, daß hier alles ausgesprochen werden sollte, was irgendjemandem am Verhalten der anderen gestört hatte. Insbesondere, wenn sie etwas falsch gemacht hätte, wolle sie das wissen. Da keiner anfangen wollte, ging es die Reihe rund.

Die erste hatte etwas an mir auszusetzen. Zuerst verstand ich nicht einmal, von welcher Situation sie redetete. Also fragte ich nach. Ich bekam zu meinem Erstaunen eine Antwort - sie erzählte die gesamte Begebenheit. Nur wußte ich halt immer noch nicht, was ich falsch gemacht hatte. Also fragte ich nach. Ich konnte es kaum fassen, daß ich wieder eine Antwort bekam. "Das ist meine Chance." dachte ich erfreut. Die zweite hatte auch etwas an mir auszusetzen. Ihr war das schon beinahe peinlich. Sie betonte, daß es nicht persönlich gemeint wäre, aber sie fände es nicht gut, daß ich... Ich fragte, bis ich verstanden hatte.

Jede Einzelne in der Runde kritisierte mich. Bei jeder Einzelnen fragte ich, bis ich wußte, was sie meinte. Und ich merkte mir die Antworten gut. Aus der Schule wußte ich nur zu gut, wie wertvoll Kritik ist. Wie schwierig es ist, Menschen dazu zu bringen, daß sie einem verständlich erklären, welche Fehler man eigentlich macht.
V39. Kersti: Wie wird man zum Außenseiter?

Sie hätten sicherlich irgendwann zwischendurch aufgehört, einfach, weil sie mir nicht so viel zumuten wollten, wenn ich nicht so einfrig und konzentriert nachgefragt hätte. In anderen Fällen haben sie das getan. Für mich aber war es so richtig.

Ich stand nie wieder so im Mittelpunkt einer Meckerrunde. Und im darauffolgenden Sommer bekam ich - zum frühestmöglichen Zeitpunkt, mein Halstuch verliehen - von eben dieser Gruppe.

Kersti

V15. Kersti: Was ist Toleranz?
V86. Kersti: Lerne die Regeln
V111. Kersti: Warum ich "gut" mit "vernünftig" gleichsetzte
V113. Kersti: Aura: Wenn niemand eine Antwort weiß
V114. Kersti: Ausgrenzung: Ich bin zu stolz, um gegen mein Gewissen zu handeln
V143.2 Kersti: Der Zweck heiligt die Mittel? - Ausgrenzung schädigt die Ausgrenzenden
V159. Kersti: Warum ich nicht hasse
V166. Kersti: Außenseiter: Das Opfer ist schuld?
V167. Kersti: 17-jährige Gruppenführer verhindern Ausgrenzung wirksamer als Lehrer
V171. Kersti: Außenseiter: Es tut in der Seele weh, das zu beobachten
V172. Kersti: Ein echt guter Rat
V243. Kersti: Ist die Schulmedizin wirklich so schlecht, wie das hier auf meiner Internetseite erscheint?
V244. Kersti: Warum Vertreter von Außenseitermeinungen besser informiert sind, als Vertreter weit verbreiteter Meinungen
V246. Kersti: Esoterik und Exoterik
V248. Kersti: Spielverderber - oder - Wer sind die Guten?
V277. Kersti: Das Prinzip der Narrenfreiheit
V281. Kersti: Wie man Menschen von außen in eine Sekte sperren kann...
V282. Kersti: Ratschläge für Angehörige von Sektenmitgliedern
V285. Kersti: Keine Liebe ohne "Nein"

Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.