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letzte vollständige Überarbeitung: 1/2020
letzte Bearbeitung: 2/2020

V302.

Strafe dafür, daß man etwas schon vor den anderen kann

Inhalt

Übergeordneter Artikel:
Dieser Text:
V302.1 Kersti: Was idealer Unterricht bewirken könnte
V302.1 Kersti: "Das sind Erstkläßler?" fragte sie und konnte das offensichtlich überhaupt nicht glauben
V302.2 Kersti: Wenn Lehrer weniger gebildet sind als ihre Schüler
V302.2 Kersti: Sachkundeunterricht mit Tücken
V302. Kersti: Text
V302. Kersti: Text
V302. Kersti: Quellen

 
Inhalt

1. Was idealer Unterricht bewirken könnte

Daß unsere Schulen das Potential der Schüler offensichtlich nicht annähernd ausnutzen, kann man an Beispielen wie dem Folgenden lernen.
Beispielgeschichte, Kersti:

"Das sind Erstkläßler?" fragte sie und konnte das offensichtlich überhaupt nicht glauben

Eine Bekannte von mir erzählte von einer Lehrerin, die eine erste Klasse unterrichtet hatte. Es war offensichtlich ihr erstes Jahr als Lehrerin und sie tat was sie im Studium gelernt hatte. Sie schaute sich jeden Schüler einzeln an, um zu sehen, was er schon konnte, was er noch lernen mußte und wie gut er mit den gegebenen Aufgabenstellungen zurechtkam. Dann gab sie jedem Schüler eine Aufgabenstellung, die schwierig genug war um ihn herauszufordern und einfach genug, um sie zu bewältigen. Sie gab häufig vier verschiedene Aufgabenstellungen, um allen Schülern gerecht zu werden.

Es lief auch alles sehr gut: Die schlechteren Schüler bewältigten den Lehrstoff der ersten Klasse in der vorgegebenen Zeit, die besseren Schüler kamen deutlich weiter.

Eines Tage war sie krank und eine Lehrerin vertrat sie in der Schule. Als die Klassenlehrerin zurückkehrte nahm ihre Kollegin zur Seite, nannte die Namen der schlechteren Schüler und meinte mit denen würde irgendwetwas nicht stimmen, die müßten bei der Versetzung durchfallen.
"Nein wieso. Das sind Erstkläßler. Sie haben gelernt, was sie in der ersten Klasse lernen müssen."
Die Kollegin sah die Klassenlehrerin fassungslos an.
"Das sind Erstkläßler?" fragte sie und konnte das offensichtlich überhaupt nicht glauben.
Ich war amusiert beim zuhören. Nun konnte es ja wirklich nicht sein, daß ihr das nicht mitgeteilt wurde, auch auf dem Klassenbuch, wo sie jeden Tag einen Eintrag machen mußte, stand ganz bestimmt so etwas drauf wie "Klasse 1a". Ich habe auch nicht den geringsten Zweifel, daß die Kinder genau so aussahen wie normale Erstkläßler. Trotzdem hatte die Vertretungslehrerin wohl all diese Fakten in den Wind geschlagen, weil die Klasse für Erstkläßler erstaunlich viel vom Schulstoff der höheren Klassen gelernt hatte.

Es wäre natürlich wünschenswert, wenn jeder Lehrer das so machen würde, wie diese junge Lehrerin. Ich glaube aber nicht, daß irgendeine Chance besteht, daß man das hinbekommt. Das scheitert daran, daß - wie ich aus meinem Studium, von dem ich krank geworden bin, weiß, wird das was die Lehrerin da gemacht hat, durchaus an den Universitäten gelehrt, doch der normale angehende Lehrer lernt es dort nicht. Das liegt nicht daran, daß er es nicht hören würde sondern, daß er es nicht verstehen und umsetzen können. Um das hinzukriegen, braucht man eine Begabung, wie sie nur eine Hand voll Lehrer in jeder Generation haben.

Wenn man besseren Unterricht für die Schüler will, muß man also normale Lehrer irgendwie geschickter einsezzen, nicht von ihnen fordern, daß sie gefälligst allesamt so perfekt zu sein hätten wie diese eine Lehrerin.

 
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2. Wenn Lehrer weniger gebildet sind als ihre Schüler

Der normale angehende Grundschullehrer ist fast überfordert, wenn er den Stoff der ersten Klasse sich so zurechtmodeln muß, daß er ihn gut genug verstanden hat und ihn auch lehren kann. Zumindest sagten unsere Physikdidaktikprofessoren, daß sie große Schwierigkeiten hätten, den angehenden Sachkundelehrern das bißchen Physik, das sie unterrichten sollten, so zu vermitteln, daß sie es verstehen und nachher keine Fehler unterrichten. Der normale Grundschullehrer kann nicht parallel den Stoff der zweiten, dritten und vierten Klasse auch noch so bearbeiten, daß er den auch noch parallel unterrichten kann. Keine Chance! Schließlich haben sich viele Grundschullehrer entschlossen, Grundschullehrer zu werden, weil sie sich den Stoff der oberen Klassen nicht zutrauen.

Wenn dem normalen Grundschullehrer dann eine Schülerin begegnet, wie ich sie war, passiert ihm das, was meiner Sachkundelehrerin passiert ist.

Beispielgeschichte, Kersti:

Sachkundeunterricht mit Tücken

Meine Sachkundelehrerin erzählte etwas. Ich dachte mir, daß ich sie nicht verstanden habe, weil das was ich verstanden hatte unlogisch war. Natürlich wollte ich ihr helfen, damit sie mir eine möglichst hilfreiche Antwort geben kann. Ich erzählte ihr das, was sie meiner Ansicht nach wissen mußte, um meinen Fehler zu korrigieren. Ich sagte ihr, was ich bei ihren Worten verstanden hatte, wie es meiner Logik nach eigentlich sein müßte und wollte von ihr wissen, wie es denn nun wirklich war. Statt mir das zu erklären, behauptete sie, ich wolle sie ärgern und sagte lauter komische Sachen wie:
"Das mußt du mir einfach glauben. Das haben Leute herausgefunden, die viel klüger sind als du und ich."
Also erstens besuchen auch spätere Univeritätsprofessoren die Grundschule, dachte ich mir, daher mögen sie zwar klüger gewesen sein als du - aber als ich? Da bin ich mir gar nicht so sicher. Und zweitens verstand ich trotzdem nicht, warum sie sich weigerte, mir das zu erklären. Sie war doch ungefähr so alt wie meine Mutter und hatte studiert. Sonst kann man ja gar nicht Lehrerin werden. Selbst wenn sie nur wenige Bücher liest - was für meine Begriffe ein Buch pro Woche war, während ich grob jeden zweiten Tag ein Buch durch hatte - dann mußte sie doch trotzdem genug Zeit gehabt haben, um sehr viel mehr gelesen zu haben als ich. Ich war ja erst in der dritten Klasse und hatte daher noch nicht viel Zeit gehabt, um zu lesen. Außerdem war es ganz schön schwierig genug Bücher zu finden. Warum weigerte die Lehrerin sich, mir das richtig zu erklären? Ich verstand nicht, warum sie so gemein zu mir war.

Außerdem hatte ich ein Literaturproblem. Die interessanten Bücher im Bücherschrank meiner Eltern hatte ich fast alle schon durch und ich mußte immer warten, bis sie neue kaufen, ehe ich was interressantes finde. Und in der Gemeindebibliothek gab es auch zu wenige gute Bücher. Auch in der evangelischen Gemeindebibliothek, die da war wo ich beim Kinderchor sang, waren gar nicht so viele Bücher, wie ich gern gelesen hätte und in den "Was ist was"-Büchern stand eigentlich gar nicht richtig was drin, die waren langweilig. Die Bände des zwölfbändigen Tierlexikons die ich nach und nach von meinem Großvater gechenkt bekam, las ich durch, sobald ich sie hatte und dann fehlte es mir wieder an Lesestoff!

Als ich längst erwachsen war, erfuhr ich, daß besagte Lehrerin mit meiner Mutter darüber geredet hatte, daß sie mich für ein sehr aufgewecktes Kind hielt.

Ich kam als Grundschülerin überhaupt nicht auf den Gedanken, daß sie mich möglicherweise für intelligent hätte halten können, denn offensichtlich verstand ich ja nicht, was sie erklären wollte. Außerdem wurden meine Hefte immer schlechter bewertet als die meiner Mitschüler, obwohl ich doch beim Abschreiben alle inhaltlichen Fehler korrigiert hatte, die da drin standen. Also einfach abschreiben ging ja gar nicht, unter so etwas konnte ich doch nicht meine Unterschrift setzen! Ich bin Legasthenikerin ich konnte beim Unterricht nicht mitschreiben, denn das schreiben war für mich so anstrengend daß ich nicht gleichzeitig aufpassen konnte. Und in den Arbeiten wußte ich auch nie, was sie hören wollte. Sie stellte da so Fragen, die man mit einem einzelnen Wort oder mit einem ganzen Buch beantworten konnte, aber wo mir überhaupt nicht klar war, was von meinem Wissen ich da eigentlich hinschreiben sollte, damit sie zufrieden war. Und egal was ich hinschrieb, es war nie das, was sie hören wollte.

Ein merkwürdiges Phänomen war, wenn man ein Notenspektrum von 1-4 zugrundelegt, daß die Lehrer mir - außer in den Sprachen - in den meisten Fächern die Noten gegeben haben, die ich ihnen gegeben hätte. Ich verstand die ganze Schulzeit durch nicht, warum das so war. Außerdem mochte ich völlig andere Lehrer als der normale Schüler. Die anderen Schüler beschwerten sich darüber daß meine Lieblingslehrer zu streng wären, dabei fand ich den Unterricht bei ihnen viel interessanter und spannender und sie meinten das doch gar nicht so.

Die Schule war für mich so zum abgewöhnen, daß ich nach dem Abitur zehn Jahre brauchte, um auf den Gedanken zu kommen, daß ein Studium möglicherweise die Lösung meiner zwischenmenschlichen Probleme sein könnte, weil es mich dann in eine Gesellschaftsschicht bringt, in der Menschen sind, mit denen ich mehr anfangen kann, weil sie intelligenter sind.

 
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Das Problem mit den unpräzisen Fragen, wenn es auf encyklopädisches Wissen trifft

Dann gingen mir aber einige Kronleuchter bezüglich der Lehrer auf. Im Studium war es nämlich so, daß es Dozenten gab, die in der ganzen Arbeit vielleicht eine Frage stellten, die so unklar war, daß man nachfragen mußte, was sie eigentlich hören wollten. Wenn man diese Dozenten fragte, stellten sie die Frage sofort präziser und man wußte, was gefragt war. Es gab aber auch einzelne Dozenten, wo die Hälfte ihrer Fragen so war, daß man nachfragen mußte. Diese Dozenten weigerten sich die Fragen zu präzisieren und sagten, man solle einfach hinschreiben, was man denkt. Ich war angepißt, weil ich mir dachte daß ich in einer solchen Klausur nun wirklich kein ganzes Buch schreiben kann.

Die, die ihre Fragen sofort präziser stellten waren schlichtweg die intelligenteren Menschen. Diejenigen die meinten man solle einfach durch Hellsehen herausfinden, was sie mit ihrer Frage meinten, waren diejenigen, die sagten, sie würden sich große Mühe geben um es den Studenten möglichst einfach zu machen. Daher nehme ich an, daß sie Verständnis für eher dumme Studenten hatten, weil sie selber zwar ausreichend intelligent für ihren Beruf waren, aber eher die Sorte, die hart arbeiten muß, um die Mindestanforderungen zu erfüllen. Daß jemand so viel über ihren Unterricht hinausgehendes Wissen haben könnte, daß unpräzise Fragen bedeuten, daß man das gesuchte Wissensbruchstück überhaupt nicht mehr wiederfindet, weil einem einfach zu viel anderes einfällt, was auch eine Antwort auf die Frage sein könnte, das können sie sich gar nicht vorstellen. Sie wissen aber auch nicht, wie man eine Frage präzise stellt - also den Bereich aus dem die Antwort stammen darf ausreichend eingrenzt, ohne das Gefragte gleich mit zu verraten. Da fehlt es an der Exaktheit des Denkens.

Beispielgeschichte, Kersti:

Was wissen sie über Porifera?

In einer mündlichen Prüfung fragte mich die Dozentin:
"Was wissen sie über Porifera"
Ich hatte augenblicklich eine unübersehbare Menge an Bildern vor Augen, welche
Wenn man eine Frage, die zunächst klar schien, aber durchaus richtig b V42.6.1 Kersti: "Du sollst den Satz gar nicht interpretieren!"
V109. Kersti: Das Allwissenheitssyndrom

 
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Beispielgeschichte, Kersti:

Lies gefälligst wie alle anderen Kinder

Eine Freundin von mir erzählte, daß sie bereits fließend lesen konnte, als sie in die Schule kam. Irgendwann sollte sie dann im Unterricht der ersten Klasse etwas vorlesen. Das tat sie auch - fließend, so wie man eben normalerweise spricht. Daraufhin sagte ihr der Lehrer, sie solle gefälligst lesen wie jeder andere...
Das ist eine ganz gute Methode, den Deutschunterricht für das betroffene Kind zu einer Art Folter zu machen... Zum einen ist der Unterricht weil das Kind ja längst lesen kann, sowieso so langweilig, daß es sich sehr beherrschen muß, um nicht durch eine ungünstig gewählte Nebenbeschäftigung unangenehm aufzufallen. Und dann wird es zusätzlich auch noch bestraft, wenn es zeigt, daß es etwas kann. Ganz bestimmt wird ein Kind, das so behandelt wird in der Schule keine guten Noten haben. Und tatsächlich ist es so, daß viele Hochbegabte - also Kinder mit weit überdurchschnittlichen IQ an der Schule so gründlich verzweifeln, daß sie schließlich auf der Hauptschule oder sogar auf der Sonderschule landen.

Sinnvolle Reaktionen wären gewesen: Das Kind von diesem Unterricht zu befreien oder eine Klasse springen zu lassen, ihm zu sagen, daß es sich in die Ecke setzen und ein Buch lesen soll, weil der Unterricht ja nicht zu ihm paßt. - Oder vielleicht - es ist ja öfters so, daß der Lehrer im Unterricht mal eine Geschichte vorliest - und in dem Fall könnte man in der ersten Klasse dieses Kind die Geschichte vorlesen lassen. Wenn das Kind die passende Persönlichkeit hat, kann man es auch bitten, einem anderen Kind im Unterricht zu helfen.

Kersti

 
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