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erste Version zwischen: 16.5.01 und 29.08.01
letzte Überarbeitung: 6/07

V313.

Einserzeugnis als Gefahrenzeichen

Wenn ein Mädchen so lange fastet, bis sie fast verhungert ist, um abzunehmen nennt man das Anorexie - Magersucht und die meisten Menschen kommen auf den Gedanken, daß das Mädchen wohl ein Problem haben könnte. Dabei macht sie doch nur was die meisten Jugendlichen tun um anerkannt zu werden - nur ein wenig extremer.

Wenn ein Kind so lange lernt, bis es im Zeugnis von vorne bis hinten einsen hat, dann beunruhigt das niemanden. Das Kind ist dann fleißig, weiß worauf es im Leben ankommt und es ist ja alle in Ordnung - oder?

Nein. In den meisten Fällen ist gar nichts in Ordnung, wenn ein Kind einen solchen Fleiß an den Tag legt. Einsen an sich sind natürlich nicht schlecht - aber im Endeffekt gibt es keinen triftigen Grund, warum ein Mensch so gute Noten bräuchte. Ein Zeugnis aus zweien, dreien und vieren tut es für die meisten Berufe auch.

Manche Kinder haben so gute Noten, weil die Schule ihnen Spaß macht und sie die genau passende Begabung haben - so war das Beispielsweise mit meiner eins in Kunst. Aber das trifft nur auf einen kleinen Teil der Einser-Schüler zu, denn daß ein Mensch das Glück hat mit Begabungen genau so ausgestattet zu sein, daß ihm die Schule in allen Fächern Spaß macht wie sie ist, dürfte eher selten sein.

Und deshalb habe ich bisher viel häufiger von dem anderen Grund für gute Noten gehört:
Wer nur einsen hat, arbeitet meist deshalb so hart, weil er sich aus irgendeinem Grund bedroht fühlt. Vielleicht wird er von den Klassenkameraden geärgert und sagt sich: "Und ihr macht mir mein Leben nicht kaputt!" - vielleicht hat er Probleme zuhause und versucht sich so die Anerkennung der Eltern zu erkaufen. Vielleicht sieht er sonst keine Chance, jemals über sein Leben zu bestimmen. Aber Kinder, die deshalb so gut in der Schule sind, weil ihnen die Schule so einen Spaß macht dürften die Ausnahme unter den Einserschülern sein. Ich zumindest habe viel häufiger das Andere gehört. Manchmal werden die Noten dann plötzlich schlecht: Nämlich dann, wenn derjenige zu dem Schluß kommt, daß er ganz bestimmt keine Chance im Leben hat, egal wie er sich bemüht. Dann wenn er aufgibt.

Normalerweise haben die Noten nicht direkt mit dem Problem zu tun - wenn man einen bestimmten Beruf lernen will, weiß man meist wie der Numerus Klausus liegt oder in welchen Fächern man gut sein muß - und in dem Bereich pendeln sich dann die Noten ein. Nur wenn das eigentliche Problem überhaupt nicht lösbar erscheint, wird das Lernen zum Zwang. Es scheint nie genug zu sein, denn es kann das eigentliche Problem nicht lösen, weil es nichts damit zu tun hat.

Es handelt sich also um ein Suchtverhalten.

Da man aus inneren Problemen immer nur aus eigener Kraft herausfinden kann, muß man Menschen erwischen, bevor sie aufgegeben haben, wenn man ihnen helfen will. Also solange sie noch ein Einserzeugnis haben. Deshalb sollte man gebau wie bei Magersucht und ähnlichen Problemen auch bei extrem guten Noten noch einmal genauer hinschauen und nachfragen, ob der Betreffende Probleme hat.

Kersti

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Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.