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erste Version zwischen: 29.08.01 und 13.1.2002
letzte Bearbeitung: 7/2010

VA30.

Der Unterschied zwischen Meinungsbildung und Pauken

Meinungsbildung und Pauken - Begriffsdefinitionen

Meinungsbildung heißt, daß man sich zu möglichst allen wichtigen Standpunkten zum gewählten Thema möglichst wissenschaftlich fundierte und umfassende Quellen besorgt, sie durchliest, auf ihre logische Schlüssigkeit, auf Widersprüche zu von anderen Forschern beobachteten Fakten und zu eigenen Beobachtungen untersucht.
Pauken heißt, daß man sich von einem Fachmann ein oder mehrere Lehrbücher empfehlen läßt und den Inhalt auswendiglernt. Das kann unter Umständen sinnvoll sein. Beim Lernen einer Fremdsprache hilft es einem wenig, wenn man sich möglichst unterschiedliche Meinungen über diese Sprache besorgt. Wenn man sich in der Sprache unterhalten können will, muß man Vokabeln und Grammatik pauken.

Meinungsbildung ist arbeitsintensiv

Aus unserer Schulzeit lernen wir eine echte Meinungsbildung praktisch nicht kennen und auch jede wissenschaftliche Hausarbeit die sich nur auf zwei oder drei fundierte Quellen zu demselben Thema stützt hat noch nichts mit Meinungsbildung zu tun, sondern ist in die Kategorie pauken einzuordnen. Erst wenn man zu jeder Einzelfrage mehrere WESENTLICH UNTERSCHIEDLICHE Meinungen kennt, sie verglichen und auf ihre Stichhaltigkeit überprüft hat, hat man sich wirklich eine eigene Meinung gebildet.

Wenn man Anerkennung will, kommt eine eigene Meinung zumeist nicht sonderlich gut an. In der Schule sowieso nicht, aber selbst an der Uni kann es noch passieren, daß sich ein Professor darüber beschwert, daß ein Student zu ausgefallene Quellen benutzt hätte, wie es einer Freundin von mir passiert ist.

Tatsächlich hat eine eigene Meinung bilden auch objektive Nachteile: Man muß viel mehr Arbeit leisten, als beim auswendig lernen einer vorgegebenen Lehrmeinung, um die Menge der sachlichen Fehler so weit zu beschränken daß die eigene Meinung genauso fundiert ist wie ein gutes Lehrbuch zum Thema. Deshalb machen viele Menschen sich etwas weniger Arbeit und ihre eigenen Meinungen sind dadurch ziemlich fehlerhaft und leicht widerlegbar.

Eine echte Meinungsbildung ist immer sehr arbeitsintensiv und selbst der beste Wissenschaftler kann sich nicht zu allen in seinem Fachgebiet relevanten Themen eine eigene wissenschaftlich fundierte Meinung bilden. Also muß er sich bei den meisten Spezialthemen auf die Meinungsbildung seiner Forscherkollegen verlassen.

Ein sinnvoller und oft geübter Kompromiß besteht darin, daß Wissenschaftler sich zuerst ein gutes Lehrbuch über ein neues Gebiet besorgen und dann als Ergänzung etwas über konkurrierende Meinungen lesen. Sofern jede konkurrierende Meinung, über die man liest zumindest so gründlich behandelt wird, daß man sie versteht und die zugrundeliegenden Forschungsergebnisse und Fakten kennt, ist das durchaus ein guter Kompromiß.

Die Lehrmeinung pauken führt zu der Illusion des Wissens

Aber auch pauken hat seine Nachteile. Viele Menschen geben sich der Illusion hin, sie wüßten nun über das Thema bescheid. Die Lehrmeinung ist jedoch nicht die Wahrheit zum Thema - sondern nur eine nachweislich gute Modellvorstellung.

Eine konkurrierende Meinung kann eine ebensogute Modellvorstellung zur Erklärung derselben Fakten sein, obwohl sie in manchen Punkten das genaue Gegenteil der Lehrmeinung behauptet.

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