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erste Version zwischen: 15.10.02 und 07.12.02
letzte Bearbeitung: 12/2015

VA65.

Lob, Tadel und - darf man einen Hund schlagen?

Diese Frage hängt ganz eng mit Autorität zusammen - und Fehler, die man hier macht, können gefährlich werden.

Strafe nie, bevor der Hund einen Befehl sicher beherrscht

Damit vermittelst du ihm nur das Gefühl, er könne es Dir sowieso NIE recht machen. Wiederhole einen Befehl so lange und versuche ihn gleichzeitig mit verschiedenen Tricks dazu zu verleiten, daß er zufällig das richtige tut. Sobald er gehorcht sage im lobenden Tonfall "Braver Hund, hat ...(Befehl wiederholen)" - danach so lange loben, bis Du Dir selber schon albern vorkommst. Es ist nicht wichtig, was Du erzählst - es muß nur freundlich und lobend klingen und sollte durch Streicheln begleitet werden. Wenn er einen bekannten und sicher beherrschten Befehl gehorsam ausführt, lobe ihn ebenfalls jedesmal - ein Satz reicht jedoch. Daß Du ihm sagst, wofür er gelobt wird, wird später wichtig, damit du ihm auch sagen kannst, wofür du ihn lobst, wenn er unaufgefordert zur richtigen Zeit das Richtige tut. Tut er etwas falsches oder gefährliches, sage ihm, was er tun soll, statt gleich zu Tadeln oder zu strafen. Ein Hund, der, so weit es ihm möglich ist, mitdenkt, ist tausendmal angenehmer als einer, dem man alles sagen muß. Also lobe ihn jedes mal, wenn er Dir eine Freude macht oder vernünftig handelt.

Daß der Befehl im lobenden Tonfall wiederholt wird, ist etwas, was der Instinkt nicht vorsieht. Die Wiederholung darf vom Tonfall her nicht wie ein Befehl klingen, damit es den Hund nicht verwirrt, sondern muß wie ein integraler Teil einer Lob- und Streichelorgie wirken. So lange man sorgfältig darauf achtet, daß es wie ein Lob klingt, wird der Hund die Wiederholung lange nicht beachten, da seine Instinkte vorsehen, daß das Lob ihm nicht verrät, wofür er gelobt wird. Einen Befehl zu begreifen, dauert für einen Hund deshalb wenige Minuten. Bis er sicher sitzt, braucht es drei Tage Wiederholung. Bis dem Hund auffällt, daß jedes Lob immer noch ein zweites mal den Befehl enthält, für dessen Ausführung er gelobt wird, dauert mindestens ein halbes Jahr. Sobald er das begriffen hat, kann er daraus jedoch viele neue Worte lernen und es trägt zu einer reibungsloseren Verständigung bei.

Strafen sollten zwar wie Strafen aussehen - aber normalerweise nicht wehtun

Als Strafen versteht ein Hund, wenn man ihm am Nackenfell packt und so tut, als wolle man ihn schütteln, wenn man ihm um die Schnauze greift und das Maul zuhält, oder wenn man so tut, als würde man ihn schlagen. Die Behauptung daß der angedeutete Schlag schlimmer wäre als die ersten beiden Strafen, ist falsch. In allen drei Fällen versteht der Hund die Hand als nachgemachtes Maul und bei allen drei Gesten handelt es sich um einen angedeuteten Biß. Auch Wölfe kennen alle drei: den Nackenbiß, der Biß übers Maul und das schnelle Schnappen nach dem Fell des anderen.

In den meisten Fällen reicht es aus, so zu tun, als würde man schlagen, richtig zuschlagen tut man nur in Ausnahmefällen.

Wenn du ihm ständig wehtust, gehorcht der Hund nicht besser - er fühlt sich nur unsicherer in deiner Gegenwart.

Das rechte Maß

Es gibt Befehle, die braucht die Welt nicht wirklich, sondern man erfindet sie nur als gemeinsames Spiel zwischen Herr und Hund. Und es gibt Befehle, da muß ein Hund unbedingt gehorchten, weil er sonst Menschen, sich selbst oder andere Tiere in Lebensgefahr bringt. Und es gibt alle Übergänge zwischen beidem. Für die Befehle, die die Welt nicht wirklich braucht, gibt es nur Lob bei Gehorsam, aber keine Strafen. Für die Befehle, wo ein Hund sich oder andere in Lebensgefahr bringen würde, greift man letztlich so hart wie nötig durch.

Falls ein Hund ohne Strafen, die für ihn zu hart sind, nicht zum Gehorsam zu bewegen ist, wo es nötig ist, sollte man ihn besser in brenzligen Situationen an die Leine nehmen, statt zu viel Gewalt auszuüben. Manche Hunde vergessen eben einfach alles, wenn sie beispielsweise die Spur eines Rehs finden - sie sind sogar regelrecht für alles andere taub. Da hilft dann nur eine Leine und alles andere ist eine sinnlose Quälerei.

Einen Hund den man mit streicheln erziehen kann, erzieht man nicht mit Schlägen. Wenn es eine mißbilligende Geste oder ein tadelndes Wort auch tut, ist eine Strafe immer fehl am Platze. Wenn ein Klaps Wirkung zeigt, verpaßt man einem Hund keine Tracht Prügel.

Auch nach dem was ich "Tracht Prügel" nenne, sollte der Hund sich fünf bis zehn Minuten später wieder normal benehmen und so fröhlich sein wie sonst auch. Wenn der Hund nachher drei Tage lang nicht unter dem Tisch hervorkommt oder sonst eindeutig ständig mit Strafen rechnet war es zu viel. Mein Hund war ein Dackel. Für manchen Hund ist ein einzelner fester Klaps schon wie eine ganze Tracht Prügel für einen Dackel. Bei manchen reicht sogar ein wenig schimpfen. Das ist eine Charakterfrage. Wichtig ist nur, daß er sich merkt, daß unters Auto laufen etwas ganz schlimmes ist.

Beachte Deine eigenen Grenzen

Erziehung dient unter anderem dazu, einen sinnvollen Ausgleich zwischen den Bedürfnissen den Hundes und denen des Herrn zu finden. Die eigenen Bedürfnisse wegen irgendwelcher Erziehungsgrundsätze zu mißachten, ist deshalb ein grober Erziehungsfehler.
Beispielgeschichte aus einem Telefonanruf:
Ein junger Hund war zu faul, um die Menschen zu bitten ihn rauszulassen, wenn er mal mußte. Er hatte schon begriffen, daß draußen machen besser war als drinnen machen, aber er wurde nie bestraft, wenn er in der Wohnung machte. Also dachte er, das wäre nicht so schlimm. Das ging so lange gut, bis die Hausfrau, die die Bescherung immer wegmachen mußte, vor Wut platzte und den jungen Hund gründlich mit der Leine versohlte, so daß er sich drei Tage mit eingezogenem Schwanz vor ihr versteckte.
Für den Hund ist es nur ein wenig unbequem, vor die Tür in den Garten zu gehen und dort zu machen. Für die Besitzerin war es eine unangenehme und verhaßte Arbeit, die Bescherung jedes mal wieder wegzumachen. Hätte die Besitzerin ganz allmählich von leichtem Tadel über allmählich härter werdende Strafen den Druck gesteigert, bis dem Hund klar wurde, das rausgehen doch besser ist, wäre er erstens früher stubenrein gewesen und zweitens wäre ihm dieser üble Schock erpart geblieben.

Schlage niemals einen fremden Hund!!! (Außer er hat Dich vorher so gebissen, daß es blutet.)

In Streits unter Hunden - oder Wölfen - ist es so, daß es zwischen Rudelmitgliedern eine Beißhemmung gibt, Rudelfremde die das Revier verletzen aber fortgejagt oder totgebissen werden.

Das heißt ein Hund der dich kennt und respektiert, wird es vermutlich hinnehmen, ohne zurückzubeißen, wenn du ihn schlägst - ein fremder Hund aber wird sich wehren - auch weil er befürchtet, daß Du ihn umbringen willst.

Wenn Du meinst, daß ein Hund Dich angreifen wird, brüll ihn an und zeige dahin, wohin er Deiner Meinung nach verschwinden soll - vielleicht nach Hause oder zu seinem Herrn oder einfach nur weg. Tatsächlich ist die Richtung nicht so wichtig - der Hund weiß schon, wo er hingehört. Normalerweise wird er sich nicht an Dich heranwagen. Wenn du keine Angst vor Hunden hast, reicht es, wenn Du einfach ruhig stehenbleibst und ihn anschaust, bis er stehenbleibt. Dann wegschauen. Auch wenn Du versuchst, ihn zu Dir herzulocken, wird er dann höchstens bellen. Wer Angst hat zuckt jedoch meist zusammen und das läßt sich durch Gebrüll leichter überspielen und wird von dem Hund so verstanden, wie es wirklich gemeint ist: wenn du mir zu nahe trittst, beiße ich dich! ... denn eigentlich habe ich Angst, aber das gebe ich ja nicht zu.

Das darf so aber nur gemacht werden, wenn der Hund genug Abstand hat - also mehrere Meter.

Wenn Dein Hund dich zur Strafe beißt, weil DU IHM nicht gehorchst, hat er sich eine Tracht Prügel verdient

Dein Hund darf Dich um etwas bitten und es ist auch Deine Aufgabe, seine Körpersprache zu lernen und ihn sorgfältig zu beobachten, damit Du seine Bedürfnisse verstehen lernst, denn sprechen kann er nicht lernen. Aber er darf Dir auf keinen Fall Befehle erteilen.

Mit beißen meine ich, daß es nachher blutet. In dem Fall wäre es sogar gefährlich, ihn nicht zu schlagen. Einerseits kann es sein, daß er irgendwann an einer sehr gefährlichen Stelle richtig zubeißt, wenn man ihm nicht völlig unmißverständlich klar macht, daß er absolut zu weit gegangen ist und daß er nur der Hund und du der Herr bist, dem er zu gehorchen hat. Außerdem kannst Du nicht mit absoluter Sicherheit wissen, ob Du so lange für ihn wirst sorgen können, bis er an Altersschwäche stirbt. Hunde, die ihre Besitzer tyrannisieren, sind im Tierheim nicht vermittelbar und werden nach einer Weile eingeschläfert.

Hat der Hund nur locker seine Zähne um Deine Hand gelegt, ist es meist reine Verzweiflung. - Vermutlich hatte er Dir vorher drei mal in seiner Sprache gesagt, daß du etwas getan hast, was für ihn völlig unerträglich ist - und du hast es nicht einmal bemerkt. In so einem Fall reicht ein tadelndes Wort und daß man ihm so lange ansieht, bis er verlegen wegschaut. Das sollte er normalerweise innerhalb von zwei Sekunden tun. Damit gibt er zu, daß er unangemessen gehandelt hat. Dieser angedeutete Biß ist ihm nicht erlaubt, da er in der Rangordnung unter Dir steht, Du aber darfst das entsprechende bei ihm machen, mit der Hand um die Schnauze greifen, wenn er sich daneben benimmt, weil Du der Herr bist. Merk dir, worauf er damit reagiert hat und wenn es kleinen triftigen Grund gibt, das weiterhin zu tun, nimm Rücksicht auf den Hund.

Gefahren als Grund für Schläge

Ebenfalls angebracht ist eine Tracht Prügel, wenn der Hund sich selbst, ein anderes Tier oder einen Menschen in ernsthafte Gefahr gebracht hat und eigentlich gewußt hat, wie er sich verhalten mußte.

Wenn ein Hund beinahe unters Auto gelaufen ist, weil er einen anderen Hund auf der anderen Straßenseite gesehen hat, sollte man bedenken, daß er tot ist, wenn er das zu oft versucht. Deshalb sollte man ihm so unmißverständlich wie irgend möglich klar machen, daß dieses Verhalten absolut außerhalb jeder Diskussion steht und auch nicht unter harmlose Streiche zählt. Wichtig ist daß man vorher aufs Auto zeigt, Angst zeigt und sagt daß es ums Auto geht, um möglichst klar zu machen, daß nicht der andere Hund sondern das Auto das Problem ist.

Kersti

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