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VA90.

Über Briefträger und Hunde

Briefträger sind diejenigen Menschen, die am häufigsten durch Hunde gebissen werden. Die meisten Hundebesitzer mit denen ich mich über Briefträger und Hunde unterhalten habe erzählten mir, daß ihr Hund Briefträger haßt. Es gibt nur wenige Ausnahmen - die aber fand ich in ganz unterschiedlichen Städten und jedesmal hatte der Briefträger dem Hund beigebracht, daß er seinem Herrn die Post bringen sollte und fortan mochte der Hund Briefträger. Was geht da im Hundekopf vor?

Beispielgeschichte, Kersti:

"Werft gefälligst nicht euren Abfall auf Kerstis Sachen, knurr!"

Auf einer mehrwöchigen Wanderung machte ich in einer Kleinstadt halt und beschloß, dort zu singen. Also packte ich die Guitarre aus, legte die Guitarrenhülle gut sichtbar auf den Boden warf ein paar Pfennige darauf, damit die Leute wußten, wo sie ihr Geld hinwerfen sollen. Widu, mein Dackel legte sich neben meinen Rucksack und rollte sich zum Schlafen zusammen, als ich zu singen begann.
Eine Weile passierte gar nichts. Das ist völlig normal in Kleinstädten - wenn man bei mehreren Stunden singen fünf Mark zusammenbekommt ist das viel.
Deshalb sieht man auch nur zu besonderen Gelegenheiten einzelne Leute die sich in Kleinstädten mit dergleichen Geld zu verdienen suchen. In Großstädten ist das anders. - Aber mir ging es ja auch gar nicht ums Geld, mir ging es ums Singen, darum das auch mal gemacht zu haben. - Und in eine Großstadt wäre ich dazu nicht gegangen.
Plötzlich warf der erste ein Geldstück auf die Tasche. Der Hund guckte irritiert, warum die Leute ihren Abfall auf meine Guitarrentasche warfen, sprang auf und bellte den Übeltäter an. Ich rief den Hund zurück und sang weiter. Als der nächste wieder etwas hinwarf, wurde der Hund schon ärgerlicher und tat, als wolle er wirklich beißen. Ich entschuldigte mich und nahm ihn zur Sicherheit an die Leine.
Kurz darauf warf jemand wieder etwas hin. Diesmal war der Hund wirklich wütend und versuchte den Übeltäter zu erwischen. Die Jugendlichen, die das sahen, faszinierte das und sie übten Zielwerfen mit Pfennigen auf die Guitarrentasche.
Erst einige Tage später, als ich in einer anderen Stadt so viel einnahm, daß ich mehrfach das Kleingeld einsammelte, begriff Widu, daß ich das Geld haben wollte, das mir die Leute hinwarfen und rollte sich danach immer hinter mir zum Schlafen zusammen, wenn ich sang.

Diese Geschichte zeigt, daß Hunde durchaus einen Begriff davon haben, was Besitz ist, daß sie aber manches mißverstehen, was wir tun. Ein ähnliches Problem tritt oft zwischen Briefträgern und Hunden auf.

Wo die Grundstücksgrenze ist, weiß der normale Hund ganz genau: er beobachtet uns Menschen dabei, wie wir unser Grundstück abgehen, Löcher im Zaun flicken oder die Hecke schneiden oder auch nur, welche Grenze wir nicht überschreiten oder wo wir durch ein beinahe unbewußtes Zeichen zu verstehen geben, daß wir fremden Grund und Boden vertreten. Auch die Straße versteht der Hund sehr gut, denn auch Wölfe haben zwischen den einzelnen Revieren Gebiete, die neutrales Land sind und wo wenn möglich keines der Rudel jagt.

Der Briefträger ist der unverschämte Kerl, der einfach die Reviergrenze überschreitet, als wäre das ganz normal und irgendetwas, was er nicht mehr haben will, in Herrchens Briefkasten schmeißt. Und Herrchen merkt das nicht mal. Klar, daß der Hund ihn bestrafen muß.

Der Briefträger, der dem Hund die Post ins Maul gibt und ihm sagt, er soll sie zu Herrchen bringen (dem dann ja gar nichts anderes übrig bleibt als den braven Hund zu loben), erklärt dem Hund damit gleichzeitig, was die Aufgabe eines Briefträgers ist: er ist ein Bote der etwas bringt was Herrchen haben will. Dann muß der Hund natürlich höflich zum Briefträger sein, wenn der kommt.

Eigentlich ist es natürlich nicht richtig, daß wir es dem Briefträgern überlassen, unseren Hunden zu erklären, was die Aufgabe eines Briefträgers ist. Das ist die Aufgabe des Besitzers, denn nicht jeder Briefträger und nicht jede Briefträgerin hat einen Draht zu Hunden.

Mindestens aber sollte sich der Briefkasten außen an der Grundstücksgrenze außer Reichweite des Hundes befinden. Schließlich weiß der Hund genau, wo die Grundstücksgrenze ist.

Kersti

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VA8. Kersti: Was tun, wenn ein Hund angreift?
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Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de