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7/2008

VB56.

Verschiedene Formen des Ahnung habens

1. Beispiel: Sie haben keine Ahnung von Usability...

Vor nicht allzulanger Zeit schrieb jemand in mein Gästebuch, ich hätte ja keine Ahnung von Usability - eine überraschende Behauptung, denn auf meiner Internetseite gibt es zwar ein paar Artikel, wo ich meine persönlichen Erfahrungen mit der Usability mancher Webseiten beschrieben habe: daß man mit meinem damals recht altmodischen Computer und dem langsamen Internetzugang über Modem am liebsten so manchen Webseitenbetreiber ermorden würde...

Abgesehen davon habe ich tatsächlich das ein oder andere über dieses Thema gelesen, allerdings stand das gut verlinkbar im Internet - und ich wüßte nicht, warum ich auch nur einen Satz über ein Thema schreiben sollte, wenn das ganze viel besser als ich es könnte schon längst im Netz steht und ich nur einen Link hinsetzen brauche, damit jeder es von meiner Internetseite aus finden kann.

Wieso ein Mensch glaubt, aus einer Beschreibung persönlicher Erfahrungen Rückschlüsse über mein Wissen über Usability ziehen zu können oder zu müssen ist mir rätselhaft. - Eigene Erfahrungen sind per Definition keine wissenschaftliche Abhandlung. Sollen sie auch gar nicht sein. Aber im Gegensatz zu besagten wissenschaftlichen Abhandlungen stehen meine persönlichen Erfahrungen bisher nirgendwo fertig im Netz und es kann deshalb Sinn machen, sie aufzuschreiben.

Besonders weil viele Leute ähnliche Probleme haben und sie nicht auszusprechen wagen, weil sich garantiert jemand findet, der ihnen ins Gesicht sagt, sie müßten sich bitte den neuesten Computer anschaffen und die neueste Software installieren - ohne zu bedenken, daß viele Menschen sich das beim besten Willen nicht leisten können, und daß man, wenn man es denn tut trotzdem Internetseiten findet, wo man fünf verschiedene Browser und zwei verschiedene Computer ausprobieren muß, damit einer funktioniert ... eine Mühe, die man sich nur in Ausnahmefällen macht.

Unabhängig davon gibt es aber verschiedene Formen des Ahnung habens. - Und jede hat durchaus ihre Bedeutung.

2. Drei Arten der Ahnung

2.1 Persönliche Erfahrung: Man weiß, wie es sich anfühlt, etwas zu erleben

Es gibt zwei Arten von eigener Erfahrung, die für die Wissenschaft bedeutsam sein können.

Die eine ist, daß man selbst erlebt hat, wie wissenschaftliche Forschung in dem Bereich funktioniert. Dadurch erhält man ein besseres Verständnis dafür, was alles schief gehen kann, wenn man eine Forschungsarbeit ausführt - von technischen Pannen, über inhaltliche Flüchtigkeitsfehler bis hin zu den kleinen Verfälschungen die nicht so wirklich Wissenschaftbetrug sind aber doch beabsichtigt oder unbeabsichtigt dazu führen können, daß sich das Ergebnis anders anhört, als es tatsächlich war. Und eindeutigen Wissenschaftbetrug gibt es natürlich auch, wenn auch seltener.

Wenn der Forschungsgegenstand mit dem subjektiven Erleben von Menschen zu tun hat, sind eigene Erfahrungen mit dem Forschungsgegenstand sehr wesentlich: Das subjektive Erleben eines Menschen läßt sich immer nur unvollständig in Worten ausdrücken und oft ist keine Formulierung völlig eindeutig. Wer selber Erfahrungen mit dem Forschungsgegenstand hat, hat die Fehlerquelle durch Mißverständnisse damit verringert.

Darüberhinaus sind differenzierte und ausführliche Berichte von eigenen subjektiven Erfahrungen relativ selten und deshalb wichtig für all diejenigen Forscher, die die untersuchten Erfahrungen nur aus zweiter Hand kennen. Gute Berichte sind aber schwierig zu erstellen, da die wenigsten Menschen gelernt haben, sich selbst so genau zu beobachten, daß sie ihr eigenes Denken und Fühlen einigermaßen korrekt beschreiben können. Ein solcher guter Bericht über subjektive Erfahrungen der ein ganzes Buch umfaßt, läßt sich in vielerlei Hinsicht schlecht statistisch auswerten. Aber er liefert erst das geistige Material, das der Forscher braucht, um kluge Fragen stellen zu können oder Experimente zu ersinnen, auf denen man statistisch auswertbare Forschung aufbauen könnte.

2.2 Eine Sammlung sämtlicher Verrücktheiten

Es gibt eine regelrechte Scene an Menschen, die jede Art von Wissen sammeln, das in der Wissenschaft aus irgendwelchen Gründen unter den Tisch gefallen ist. Bei diesen Gründen handelt es sich manchmal nur um Vorurteile, manchmal gibt es aber auch eine stichhaltigen Widerlegung, die sich nur nicht bis in diese Scene herumgesprochen hat.
V94. Kersti: Eine Sammlung sämtlicher denkbarer Verrücktheiten

Wenn man das tut kann man dadurch flexibles und genaues Denken lernen - weil man sehr viel Kritik erhalten wird, die, wenn man sie beherzigt, eine sehr gute Anleitung zum Wissenschaftlichen Denken darstellen kann. Außerdem wird das Wissen dadurch umfassender, als wenn man nur die etablierten Theorien betrachtet.

Bei allen Vorteilen das Anlegen einer Sammlung sämtlicher denkbarer Verrücktheiten hat, muß man sich über eines im Klaren sein:
Wenn man NUR diese Methode bei einem Thema anwendet, dann schafft man es regelmäßig, einige gut belegte Tatsachen zu übersehen, die - samt Beweisen - in jedem Lehrbuch für Studenten des jeweiligen Faches stehen, und die jeder Student im Grundstudium in der Vorlesung "Einführung in die ..." für den jeweiligen Bereich zu hören bekommt.

2.3 Wissenschaftliche Fachbildung zum Thema

Den Beginn einer Wissenschaftlichen Fachbildung stellt gewöhnlich ein Universitätsstudium dar. Man diesen Beginn aber aber auch autodidaktisch machen, indem man die entsprechenden Lehrbücher für Studenten liest. Sowohl Lehrbücher als auch Universitätsvorlesungen sind in weiten Bereichen sehr konservativ. Zwar wird sich um Aktualität bemüht, aber Forschungsergebnisse, die allzuweit vom bisher geglaubten abweichen und nicht extrem gut belegt und gleichzeitig einfach beschrieben sind, gehen leicht unter.

Andererseits ist das Wissen in Einführungsvorlesungen und Lehrbüchern für Studenten besser abgesichert als nahezu jedes andere irgendwo auffindbare Wissen.

Wissenschaftliche Fachzeitschriften sind nicht ganz so konservativ - aber an revolutionäre Forschungsergebnisse oder Forschungsergebnisse, die unkonventionelle Meinungen belegen, werden dennoch höhere Ansprüche an die Beweisführung und Verständlichkeit gestellt, als bei Ergebnissen, die fast so sind, wie man es erwartet hätte und wo man deshalb froh ist es endlich genau zu wissen.

3. Wer hat schon umfassende Ahnung?

Selbstverständlich haben die meisten Menschen zu den meisten Wissensgebieten keine Ahnung: sie haben weder eigene Erfahrungen, noch wissenschaftliche Fachbildung, noch sich eine Sammlung der ungewöhnlichen Meinungen zum Thema angelegt. Menschen die sowohl eigene Erfahrungen jeder möglichen Art zu einem Thema gemacht haben, als auch die wissenschaftlichen Lehrbücher und Fachpublikationen kennen und zusätzlich noch einen umfassenden Überblick zu sämtlichen Außenseitermeinungen haben, gibt es nur für sehr eingeschränkte Wissensgebiete. Bei allem, was umfassender ist, ist es nicht menschenmöglich, sich wirklich umfassend zu informieren.

Wenn ein Mensch viele einschlägige persönliche Erfahrungen gemacht hat, sich eine Sammlung sämtlicher denkbaren Verrücktheiten angelegt hat oder aber sich wissenschaftliche Fachbildung zum Thema angeeignet hat, ist es unredlich, ihm vorzuwerfen, er hätte keine Ahnung, ohne genau zu sagen, in welchem der drei Bereiche des "Ahnung habens" das sein soll.

Gewöhnlich hat dann derjenige, der den Vorwurf macht, nicht etwa mehr Ahnung vom Thema sondern eine andere Art von Ahnung. Denn der Vorwurf "Du hast keine Ahnung von... !!!" wird meist gemacht, wenn eine Diskussion zum Streit ausartet, weil JEDER Beteiligte in einem der drei Bereiche des "Ahnung habens" keine Ahnung hat.

Kersti

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Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im Voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.
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