erste Version: 7/2019
letzte Bearbeitung: 7/2019

VB217.

Moral - von der Unterordnung zur Verantwortung

Inhalt

VB217.1 Kersti: Die Bedeutung der Moral
VB217.2 Kersti: Moralentwicklung frei nach Kohlberg
VB217.3 Kersti: Niveau 1 - Prämoralisch
VB217.4 Kersti: Niveau 2 - Moral der Gesetzeswerke und auswendig gelernten Moralsysteme
VB217.4.1 Kersti: Grundlagen der konventionellen Moral
VB217.4.2 Kersti: Stufe 3 - Die Moral des Vertrauens in Autoritäten
VB217.4.3 Kersti: Stufe 4 - Der Kenner von Konventionen und Gesetzen
VB217.4.4 Kersti: Stufe 4 - Der Kenner von Konventionen und Gesetzen
VB217.5 Kersti: Niveau 3 - Ableitung der Moralsysteme von grundlegenden moralsichen Prinzipien
VB217.5.1 Kersti: Die grundlegenden moralischen Prinzipien und das Verständnis was Moral überhaupt ist
VB217.5.2 Kersti: Stufe 5: Moral des Gesellschaftsvertrages
VB217.5.3 Kersti: Stufe 6: Lehrer des moralischen Denkens: Wie lernt man moralische Gesellschaften zu bauen?
VB217.6 Kersti: Text
VB217. Kersti: Text
VB217. Kersti: Quellen

 
Inhalt

1. Die Bedeutung der Moral

Die Fähigkeit zu moralischem Denken ist sozial sehr wesentlich: Handlungen, die als unmoralisch gelten, zerstören, wenn sie überhand nehmen, das soziale System, in das wir eingebunden sind. Sie sind natürlich auch für das Funktionieren aller anderen gesellschaftlichen Systeme unerläßlich: zu viel Diebstahl bringt den Handel zum Erliegen, zu viel wissenschaftlicher Betrug verhindert eine sinnvolle Fortentwicklung der Wissenschaften. Zu viele Kriege zerstören die bestehenden Kulturen auf allen Ebenen.

Unsere Fähigkeit Moral zu verstehen und zu entwickeln beruht auf der Fähigkeit Weltbilder zu verstehen und zu entwickeln. Anders ausgedrückt: Unsere Fähigkeit moralisch zu urteilen, beruht auf der Fähigkeit überhaupt zu denken und zu urteilen.

 
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2. Kohlbergs Moralstufen

Die Moralstufen beruhen auf den Weltbildstufen
VB50. Kersti: Entwicklungspsychologie: Weltbild-Stufen

Wesentliche Übergänge sind nicht die zwischen den Stufen sondern die zwischen den Ebenen oder Niveaus.

Innerhalb dieses Systems ist die jeweils erste Stufe die Schülerstufe des Niveaus - die betroffene Person hat begriffen, was grob die zu lernende Fähigkeit ist und hat ausreichende Kompetenzen, um überhaupt erkennbar auf diesem Niveau zu denken, sie ist aber noch nicht in der Lage, die Inhalte des Niveaus zu lehren, weil ihre Verständnis des Niveaus noch zu überflächlich ist.

Die zweite Stufe des Niveaus ist jeweils die Stufe in der die Person sich ihres Moralverständnisses ausreichend sicher ist, um die Kompetenzen des Niveaus selbst zu lehren.

Zu jeder Moralstufe gibt es eine A- und eine B-Unterstufe. Der A-Unterstufe gehören diejenigen an, die das Instrumentarium dieser Stufe noch nicht sicher beherrschen. Die B-Unterstufe ist erreicht, wenn derjenige sich auf der neuen Stufe stabilisiert hat. (Stufendefinitionen: 1. S.26f, S.51ff, S.364ff

Je höher die Moralstufe einer Person, desto konsequenter hält sie sich an die von ihr selbst befürworteten Regeln. Angehörige der B-Unterstufen halten sich wesentlich konsequenter an die von ihnen befürworteten Regeln als Angehörige der A-Unterstufe.1. S.222f, S.252f, S.418ff

 
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3. - Niveau 1 - Prämoralisch

Auf der ersten Ebene (Stufe 1 und 2) gibt es keine Moral im eigentlichen Sinne. Fairness und Gerechtigkeit, sie hat aber noch keinen Begriff davon, worum es bei Moral geht.

Stufe 1: Orientierung an Lob und Strafe (fraglose Unterwerfung unter Macht)

Stufe 2: Naiver instrumenteller Hedonismus (Moral ist wie ein Handelsgeschäft: wichtig sind Fairneß, Gefälligkeiten erwidern, aber auch Rache für Unrecht. Wie Du mir, so ich dir.)

 
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4. - Niveau 2 - Moral der Gesetzeswerke und auswendig gelernten Moralsysteme

4.1 Grundlagen der konventionellen Moral

Personen, die Auf der Weltbildebene 2 und damit auf Stufe 3 oder 4 stehen, übernehmen Weltbilder als Ganzes, indem sie die darin enthaltenen Fakten und Rechenregeln auswendig lernen. Damit fehlt ihnen ein Bewußtsein dafür, wie das Weltbild von den zugrundeligenden Beobachtungsdaten abgeleitet wurde.

Personen, die auf den zweitene Niveau, dem Niveau der konventionellen Moral (Moralstufe 3 oder 4) stehen, übernehmen Moralvorstellungen im Rahmen eines Weltbildes als ganzes, indem sie die im Weltbild enthaltenen Fakten und Rechenregeln auswendig lernen, statt sie auf wenige grundlegende Prinzipien zurückzuführen. Daher sind sie auch nicht in der Lage, die eigentlich moralischen oder moralisch verwerflichen Teile eines Weltbildes von denen zu trennen, die keinen Bezug zu moralischen Fragen haben. Scherzhaft überspitzt sage ich deshalb oft: "Menschen auf Moralstufe 4 sind nicht in der Lage, eine moralische Regel von einem Kochrezept zu unterscheiden."

Für die Personen dieser zweiten Ebene (Stufe 3 und 4) sind die Gesetze und Konventionen, sowie die Autoritäten, die sie vertreten, die Moral. Sie entscheiden sich daher im Zweifel für die Autorität oder Gesetz und mißverstehen individuelle, von konkreten Gesetzen und Präzedenzfällen unabhänige moralische Entscheidungen als unmoralisch.

 
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4.2 - Stufe 3 - Die Moral des Vertrauens in Autoritäten

4.2.1 Die wohlwollende Autorität und ihr Schüler

 
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4.2.2 Verdrängung und Moralstufe 3 - Wann und warum die Moral des guten Kindes zu Verdrängungen führt

Moral des guten Kindes, das gute Beziehungen aufrechterhält und die Anerkennung der anderen sucht. (Die Konventionen werden auf dieser Stufe durch die geliebte Gemeinschaft und geliebte Autoritätspersonen repräsentiert.)

Ein weitverbreitetes Modell unterscheidet zwischen dem Ich, mit dem man sich identifiziert und das die bewußten Entscheidungen trifft und einem Ego, das für sich selbst im Weg stehen, Selbstsabotage aber auch einfach Gewohnheiten zuständig ist. Andere Autoren nennen das Ego auch "falsches Selbst". Ich habe auch schon mal ein Buch gelesen, wo dann dieses wahre Ich als Ego bezeichnet wurde, wo also die Aufteilung zwischen Ich und Ego gemacht wurde wie oben, aber die Bedeutung beider Wörter ausgetauscht war.

VB156. Kersti: 2. Ich und Ego
Das Ego entsteht aus dem Konflikt zwischen Konventionen, von außen vorgegebenen Regeln und Gesetzen und den eigenen Bedürfnissen und Wünschen, die als unberechtigt und nicht erlaubt erlebt werden.

In ihrem Buch " Buch: Betrayal Trauma" (Wörtlich: Verratstrauma) beschäftigt sich Autor: Jennifer J. Freyd mit der Frage, warum Menschen gewisse traumatische Erfahrungen verdrängen und andere nicht. Sie kommt zu der Schlußfolgerung daß vor Allem Erinnerungen an Verrat durch wichtige Bezugspersonenen verdrängt werden, von denen das Opfer abhängig ist. Freyd beschäftigt sich im größten Teil ihres Buches damit, daß Kinder verdrängen, wenn ihre Eltern sie psychisch oder körperlich mißhandeln oder mißbrauchen, um eine lebensnotwendige Beziehung nicht zu gefährden und zeigt in späteren Kapiteln das Kriegveteranen und durch ihrem Mann mißhandelte Frauen aus sehr ähnlichen Gründen verdrängen und verleugnen7.. So werden Erinnerungen an inzestuösen Kindesmißbrauch häufiger verdrängt als Erinnerungen an Kindesmißbrauch, der nicht inzestuös ist7. S.139ff. Tatsächlich konnte in mehreren Studien auch kein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Gewalt und dem Ausmaß der Verdrängung nachgewiesen werden8.. Außerdem scheint emotionaler Mißbrauch bei Kindern zu mehr Dissoziation zu führen als körperlicher Mißbrauch und körperliche Mißhandlungen7. S.134f. Der Grund für diese Verdrängung ist nicht, daß die Erfahrung so traumatisch ist, sondern er liegt darin, daß es eine tatsächlich oder vermeintlich lebensnotwendige Beziehung gefährden würde, wenn die Erfahrung erinnert würde7.. Daneben hat das Kind aber auch selbst ein Bedürfnis nach einer moralischen autorität, die es akzeptieren kann und ihm fehlt aufgrund seines Entwicklungsstandes noch die Möglichkeit, eine moralische Autorität sinnvoll in Frage zu stellen.
O11.1.3 Kersti: Verdrängung, Kryptomnesie und Wiederauftauchen von Erinnerungen

 
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4.2.3 Vom Umgang mit den unvermeidbaren Alltagsfehlern und Erziehungsfehlern

Kinder machen Fehler, Erwachsene machen Fehler, Menschen die sich mit Erziehung beschäfigen, machen Erziehungsfehler. Es gibt keinen Trick, mit dem man die Fehlerrate in einem der drei Bereiche auf null reduzieren könnte.

Es gibt Familien, in denen die Rate und Art der Fehler, die bei der Erziehung gemacht werden in einem Rahmen liegen, den das Kind ohne weiteres erfolgreich bearbeiten, überwinden und und die ihn nicht daran hindern zu einem gesunden Erwachsenen heranzuwachsen.

Wenn die berechtigten Bedürfnisse des Kindes wahrgenommen als berechtigt bestätigt und entweder mit "tut mir leid, ich kann das Bedürfnis nicht erfüllen" oder mit Erfüllung der Bedürfnisses beantwortet wird, ist eine solche Verdrängung zur Anpassung an die Anforderungen der Autorität nicht nötig. Verdränungen beruhen also letztlich auf der Forderung man dürfe nicht bemerken, daß Eltern manchmal auch gemein oder ungerecht sein können9., 10., 11..

Es gibt aber auch Familien,

 
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4.2.4

Stufe-3-Menschen erziehen indem sie Unterordnung unter die nächste verfügbare Autoritätsperson verlangen. - Beispiel: "Aber man muß doch den Fachleuten vertrauen."

Daneben tritt Amnesie auch bei Kriegsveteranen auf, wenn Vorgesetzte sie in irgendeiner Form mißbrauchen oder wenn Frauen von ihrem Partner vergewaltigt oder mißhandelt werden7. S.188ff. Das bietet den Schlüssel zum Verständnis der Tatsache, daß mir so viele Menschen den Satz "aber wir haben doch nichts gewußt!" gesagt haben, wenn ich nach dritten Reich fragte, obwohl diejenigen die wußten dazu sagen konnten "... aber jeder, der es wissen wollte, konnte es herausfinden." Nach demselben Muster, wie mißbrauchte Kinder, haben im Dritten Reich die meisten Menschen verdrängt und verleugnet, um nicht selber zu den Opfern dieses Staates zu werden, um die lebensnotwendige Beziehung als guter Staatsbürger zum Staat nicht zu gefährden.

Im dritten Reich, war es also regelrecht verboten an bestimmte Dinge zu denken, indem Menschen die so denken zu schlechten Menschen erklärt wurden.
VA50. Kersti: Denken verboten Schilder...
Ein solches Denkverbot, daß mir aus "Mein Kampf" lebhaft im Gedächtnis ist, zieht sich von der ersten bis zur letzten Seite durch den Text von mein Kampf.
Es gab also im dritten Reich nicht nur eine direkte Zensur. Es gab auch eine indirekte Zensur und eine wirksame Gedankenzensur.
VA48. Kersti: Direkte Zensur - indirekte Zensur - Gedankenzensur

 
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4.3 - Stufe 4 - Der Kenner von Konventionen und Gesetzen

Die Konventionen werden hier durch geschriebene und ungeschriebene Gesetze und Regeln konkreter Gruppen repräsentiert. Die bestehenden Gesetze werden nicht infrage gestellt, wohl aber die Autorität von Autoritätspersonen, die gegen diese Regeln verstoßen. Stufe-4-Menschen erziehen, indem sie darauf pochen, daß alles weiter so gehandhabt werden muß, wie das schon immer war. Da sie die Konventionen, auf deren Einhaltung sie bestehen, auswendig lernen und sie nicht an den dahinter stehenden Grundsätzen messen, sind sie nicht fähig moralische Regeln von formalen Regeln zu unterscheiden.

 
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4.3. Über-Ich-Bildung nach Freud und Kohlbergs Moralstufen

Aus " Buch: Das Ich und das Es"6. von Autor: Sigmund Freud stammt die Vorstellung, daß sich die Persönlichkeit des Menschen aus einem ich, das wie in der obigen Aufteilung in Ich und Ego unser bewußtes Handeln repräsentiert, einem Es, das unsere Triebe und Bedürfnisse repräsentiert (da müßten aber auch andere verdrängte Inhalte angesiedelt sein, damit das Bild halbwegs vollständig ist) und einem Über-Ich, das für Moral- und Wertvorstellungen steht zusammensetze.

Damit beschreibt die Über-Ich-Bildung den Übergang von der 3. auf die 4. Moralstufe, indem die dadurch entstehende Aufspaltung in verschiedene Persönlichkeitsanteile mit verschienenen Aufgaben beschrieben wird.

Ich habe als Kind letztlich auch die Regeln meiner Eltern übernnommen und vertreten, es gab aber keinerlei Anlaß, da einen Konflikt zu erleben, der schwerwiegend genug wäre, um anteile abzuspalten, da meine Eltern nicht auf Moralstufe 3 oder 4 gestanden haben. Im Rahmen einer antiautoritären Erziehung - also einer Erziehung durch eine Autorität, die selbst auf Moralstufe 5 oder 6 steht - ist die Über-Ich-Bildung als abgespaltener Anteil nicht gegeben, da moralische Regeln nicht als ein "soll" oder "darf nicht" erklärt werden, sondern als ein "Es ist sinnvoll, das Zusammenleben so zu organisieren, weil wir alle (zunächst die Familie, später die Gesellschaft) damit besser leben können, als wenn wir es anders machen würden." - Regeln sind nicht beliebig, weil nicht alles funktionieren würde, aber sie sind verhandelbar, da sie auf individuelle Bedürfnisse genauso abgestimmt werden müssen, wie auf das Funktionieren der Familie und der Gesellschaft als ganzem. Wenn man den Sinn einer Regel verstanden hat, kann man sie freier interpretieren oder durch Alternativregeln ersetzen, die denselben Zweck erfüllen. Wann immer eine Regel mit Protest beantwortet wird reagiert die Autorität mit einer Erläuterung des Sinnes der Regeln und akzeptiert Widersprüche als Beitrag zur möglichen Verbesserung der Regeln. Zunächst paßt die Autorität Regeln selbst an besondere Bedürfnisse des Kindes an, die ihr vor dem Protest nicht bewußt waren, später werden Regelvorschläge zunehmend vom betroffenen Kind selbst eingebracht. Das Kind wird in dem Instrumentarium der nächsten Stufen trainiert, bevor es emotional wirklich bereit ist, sie zu erklimmen, daher ist der Übergang fließender.

VB156. Kersti: 3. Ich, Über-Ich und Es nach Freud und Kohlbergs Moralstufen

 
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4.4 Der Übergang zum nächsten Niveau

Der Übergang von Niveau 2 auf Niveau 3 oder von Stufe 4 auf Stufe 5 geschieht aus der Erkenntnis heraus, daß es für moralisches Verhalten nicht ausreichend ist, Gesetze und Regeln auswendig zu lernen, sondern daß man diese Gesetze und Regeln selbst daraufhin überprüfen muß, ob sie moralisch tragbar sind.

Ausgelöst werden kann diese Erkenntnis dadurch, daß einem plötzlich bewußt wird, daß da ein Gesetz erlassen oder eine Regel festgelegt wurde, die selbst falsch ist. Sie kann durch einen Kulturschock ausgelöst werden. Hier ist die Erkenntnis: Hier sind die Regeln ganz anders, aber es funktioniert trotzdem etwa so gut wie zuhause. Es kann aber auch durch eine Sektenerfahrung oder die Erfahrung mit einem totalitären Staar aufgelöst werden, also durch die Erkenntnis: Meine Welt wird von zunehmend verwerflichen Regeln und Gesetzen beherrscht.

Zunächst führt das zu Konfusion. Die Regeln von Stufe 4 reichen nicht mehr aus, das Instrumentarium der nächsten Stufe ist noch nicht eingearbeitet. Er fällt deshalb auf frühere Stufen zurück, um die Situation zu bewältigen.

Übergang: Der Jugendliche oder junge Erwachsene kommt in eine Situation, in der die Regeln seines bisherigen sozialen Umfeldes nicht mehr gelten (z.B. aus der Kleinstadt an die Uni) oder für die es in seinem Sozialsystem keine Regeln gibt. Er verhält sich deshalb vorübergehend ähnlich wie ein Kind auf Stufe 2, bis er den Übergang zu Stufe 5 bewältigt hat. 1. S.64ff

 
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5. - Niveau 3 - Ableitung der Moralsysteme von grundlegenden moralsichen Prinzipien

5.1 Die grundlegenden moralischen Prinzipien und das Verständnis was Moral überhaupt ist

 
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5.2 Stufe 5: Moral des Gesellschaftsvertrages

Moral des Vertrages, der individuellen Rechte und des demokratisch anerkannten Gesetzes/Rechtssystems. (Das konkrete einzelne Gesetz wird nicht mehr als absolut richtig und unveränderlich betrachtet sondern an den dahinter stehenden moralischen Prinzipien gemessen. Hier erst bekommt der Begriff "Gesetzeslücken" seine Bedeutung: Gesetzeslücken sind besondere Situationen, wo das konkrete Gesetz nicht mehr dem Prinzip gerecht wird, dessen Einhaltung es garantieren soll oder wo es mit übergeordneten Prinzipien in Konflikt gerät.)

 
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5.3 - Stufe 6: Lehrer des moralischen Denkens: Wie lernt man moralische Gesellschaften zu bauen?

Abweichend von Kohlberg Gesetzgeber: Menschen die sich bewußt sind, daß eine moralische Entwicklung stattfindet, daß Menschen, die auf Stufe 1-4 stehen noch nicht fähig sind die bestehende Moral sinnvoll infrage zu stellen, und daß man ihnen deshalb Rahmenbedingungen vorgeben muß, die 1. einfache Regeln vorgeben, die allgemein anerkennbaren Prinzipien entsprechen und 2. dazu anleiten, eine moralische Entwicklung durchzumachen, so weit es die Intelligenz und die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten ermöglichen, möglichst bis zu Stufe 6 der moralischen Entwicklung führt.
Typisch ist eine Überlegung wie: "In diesem speziellen Fall ist es zwar vielleicht moralisch gerechtfertigt, daß er den Entführer Foltern androhte, um das entführte Kind retten zu können. Aber wenn ich das jetzt nicht bestrafe, könnte sich der nächste schon in einem weniger eindeutigen Fall verpflichtet fühlen, zu foltern. Also wird er bestraft und nachher begnadigt."

Orientierung an universellen ethischen Prinzipien (keine konkreten, ausformulierten Regeln wie die 10 Gebote)

Ich weiche hier bewußt von Kohlbergs Stufendefinition ab, da Kohlberg mit den Jahren immer weniger mit seiner eigenen Stufendefinition anfangen kann, keine Vertreter der 6. Stufe mehr findet, weil er die Stufe strenger definiert 1. S.301ff und weil meine Erfahrungen mit der moralischen Entwicklung mir bekannter Menschen in eine andere Richtung weist.

Außerdem handelt es sich bei Stufen der Entwicklungsbiologie um Verhaltensweisen, die sich in Jäger- und Sammlervölkern bewährt haben müssen, da sie sonst durch die natürliche Auslese aussortiert worden wären 3. , 4. Eine sechste Stufe die Eigenbrödler hervorbringt, die nur noch nach ihren eigenen Grundsätzen handeln, ohne bestehende Gesetze in Betracht zu ziehen, hätte zur Ausgrenzung der Angehörigen der 6. Stufe aus der Jäger- und Sammler-Gemeinschaft geführt und damit diese Gemeinschaft gerade ihrer moralisch kompetentesten Mitglieder beraubt und wäre damit ein Nachteil im Wettbewerb mit Angehörigen anderer Kulturen (=Fortpflanzungsgemeinschaften; Menschen heiraten nahezu ausschließlich innerhalb der eigenen Kultur 5. S.354 gewesen. Notwendig ist dagegen immer wieder einmal jemand, der bestehende gesellschaftliche Regeln modifiziert.

Wer also erreichte in traditionellen Gesellschaften die höchsten Moralstufen? Kohlberg selbst weist nach, daß in traditionellen Gesellschaften nahezu alle Erwachsenen auf Moralstufe 3 oder 4 und darunter stehen 1. S.59, S.31. - Der soziale Schock, daß die altbekannten Regeln plötzlich nicht mehr tragen ist in ihrem Leben selten, so daß bestehende Regeln nahezu nicht in Frage gestellt werden. Was also geschieht mit denen, für die die üblichen Gesetze nicht funktionieren, denen die üblichen Methoden nicht helfen?

Sie werden zum Schamanen gebracht - sowohl die Kranken, bei denen die üblichen Hausmittel nicht helfen, als auch die Behinderten, die die übliche Lebensweise nicht teilen können und schließlich auch die Hochbegabten und die - nach unseren Vorstellungen - Verrückten. Der Schamane ist also der Fachmann für alles, was aus dem Rahmen fällt.

Aufgrund dieser Aufgabenstellung enthält die traditionelle Ausbildung zum Schamanen die künstliche Herbeiführung eines Schocks, der alles für wahr gehaltene in Frage stellt. - Es wird also künstlich der Übergang von Stufe 4 zu Stufe 5 herbeigeführt.

 
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6.

Auf Stufe 3 ist beispielsweise Dies erklärt auch, warum so ein erschreckend hoher Anteil von Autor: Stanley Milgrams Studenten in den Milg2. Zum Inhaltsverzeichnis

3.3.3 Moralisches Lernen läßt sich nachholen

Sofern die zugrundeliegenden kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten zuvor erworben wurden, kann man die moralischen Stufen auch als Erwachsener nachträglich erwerben. 1.

Kersti

 
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Quellen

  1. Autor: Lawrence Kohlberg (Herausgegeben von Wolfgang Althof, Gil Noam und Fritz Oser): Buch: B125.2 Die Psychologie der Moralentwicklung. (1996) Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. ISBN 3-518-28832-6
  2. Autor: Werner Stangl: Die Milgram Experimente. Werner Stangls test & experiment. (2019-07-19). (Welt: Volltext)
  3. Autor: Wolfgang Wickler, Autor: Uta Seibt: Buch: B150.1 Das Prinzip Eigennutz. Zur Evolution sozialen Verhaltens. (1991) München, Zürich: Piper, ISBN: 3492113095
  4. Autor: Stuart Kauffman: Buch: B135. Der Öltropfen im Wasser. Chaos, Komplexität, Selbstorganisation in Natur und Gesellschaft. (1998) München, Zürich: Piper. ISBN 3-492-22654-X
  5. Autor: Beate Marquardt: Buch: B150.2 Die Sprache des Menschen und ihre biologischen Voraussetzungen. (1984) Tübingen: Gunter Narr Verlag, ISBN: 3878082363
  6. Autor: Sigmund Freud: Buch: B126.3.4 Das Ich und das Es. (Welt: Volltext) In: Welt: http://www.textlog.de/, Gesammelte Werke 1893-1939 (Volltext, 1920-1939)
    • 6.3 III. Das Ich und das Über-Ich (Ichideal) (Welt: Volltext)
  7. Autor: Jennifer J. Freyd: Buch: B100.3 Betrayal Trauma. The Logic of Forgetting Childhood Abuse. (1997) Cambridge, Massachusetts, London, England: Harvard University Press, ISBN: 0-674-52553-1
  8. Autor: David S. Holmes: The evidence for repression: An examination of sixty years of research. In: Autor: Jerome L. Singer: Buch: B100.2 Repression and Dissociation: Implications for Personality Theory. (1995) University of Chicago Press, ISBN: 978-0226761060, pp. 85--102 (Welt: Volltext)
  9. Autor: Alice Miller: Buch: B100.1 Das verbannte Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, ISBN 3-518-02227-X

     

  10. Autor: Alice Miller: Buch: B101.1.1 Am Anfang war Erziehung (1992) Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 3-518-37451-6
  11. Autor: Alice Miller: Buch: B101.1.2 Der gemiedene Schlüssel (1988) Frankfurt am Main: Suhrkamp, ISBN: 3518022261
  12.