Zuerst veröffentlicht in Zeitschrift: Idee und Bewegung: 2/1996
erste Version hier vor dem 15.02.2000

Merkwürdige Erfahrungen

E4.

Nächtliche Begegnung

Es war Nacht. Ein kühler Wind wehte in den durch Straßenlampen erhellten Straßen Hamburgs. Die Älteren hatten mich gewarnt, daß es gefährlich sei, nachts alleine durch die Großstadt zu gehen. Ich aber hatte nur daran gedacht, daß ich alleine sein wollte. Ich ging durch eine kleine Seitenstraße, in der kein anderer Mensch zu sehen war.

Plötzlich traten vier dunkle Gestalten aus dem Dunkel hervor und versperrten die Straße. Ich wurde hellwach und innerlich ruhig, ließ Friede in mich einziehen, konzentrierte meine ganze Aufmerksamkeit auf die Fremden. Das war eine Situation, in der ich mir keine Fehler erlauben konnte. Ich überlegte, ob ich mich unauffällig an ihnen vorbeidrücken oder ihnen davonlaufen könnte, sah aber, daß mir das nicht gelingen würde. Sie hatten darauf geachtet, mir keinen Fluchtweg offenzulassen.

Der Mann, der mir direkt gegenüberstand und mich ansah, hatte schwarze Haare. Ich spürte seine Unentschlossenheit und traf meine Entscheidung. Mit einem von Herzen kommenden Lächeln sagte ich:
"Guten Tag. Kann ich euch irgendwie dienen?"
Der Mann war jetzt vollkommen verwirrt, wunderte sich über meine naiv erscheinende Freundlichkeit und fragte verlegen:
"Hätten Sie vielleicht etwas Geld für uns, zehn Mark oder so?"
"Tut mir ehrlich leid. Ich habe im Augenblick nichts dabei, was ich euch geben könnte." antwortete ich bedauernd.
Ich fing noch ein kurzes Gespräch an - ich weiß nicht mehr, worum es ging, doch es war ein herzliches Gespräch in dem echte Sympathie mitschwang. Dann verabschiedete ich mich fröhlich und ging unbehelligt weiter.
"Ich begegne immer nur netten Menschen." sagte ich mir im Weitergehen.

Diese Formulierung ist wohl nicht ganz korrekt. Ihrem Verhalten und Worten nach zu urteilen, scheinen diese Männer eher vorgehebt haben, mich auszurauben, als daß sie eine nette Unterhaltung gesucht hätten. Mir war es gelungen, ihre positive Seite anzusprechen und sie im Vordergrund ihres Bewußtseins zu halten. Schauspielerei alleine, hätte dieses Ergebnis wohl nicht hervorrufen können.

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