Merkwürdige Erfahrungen

E12.

Drei kleine Katzen auf Fahrt

Ich war auf einer Wanderung von Flenzburg nach Hameln schon etwa zwei Wochen unterwegs. Auf dem Rücken hatte ich mein Fahrtengepäck mit allem, was man so im Leben braucht. Allerdings habe ich, wenn ich alleine wandere kein Zelt dabei sondern schlafe auf dem Poncho unter freiem Himmel.

Es war Sonntag abend, kurz vor Sonnenuntergang und ich bog gerade von einem geteertem Feldweg auf einen unbefestigten Nebenweg ab, denn hundert Meter weiter lag am Ufer eines etwa 3m breiten Baches das Wäldchen, in dem ich heute schlafen wollte.

Da hörte ich vor mir: "Miez? ... Miez? ... Miez?"
"Katzen?" dachte ich " - Hier? - Drei Kilometer von nächsten Ort? Das kann doch nicht sein!"
"Miez? ... Miez? ... Miez?"

Tatsächlich, am Feldrand kamen mir drei Katzen entgegen. Sie sahen schon fast aus wie eine erwachsene Katze, hätten aber noch bequem mit allen vier Pfoten auf einer Hand stehen können. Katzen in dem Alter warten zuhause darauf daß Mama ihnen etwas zu fressen bringt oder lebende Mäuse, an denen sie jagen lernen können. Oder sie begleiten Mutter auf Jagdausflüge und lernen, wo in der Welt man was findet. Aber sie laufen nicht freiwillig völlig allein in der Gegend herum.

"Miez? ... Miez? ... Miez?"
Außerdem wußte ich zu genau was dieses Miauen in diesem Tonfall bedeutet:
"Mama? Wo bist Du? Ist da denn niemand, der uns helfen will?"
"Miau!" antwortete ich.
"Miez? ... Miez? ... Miez?" fragten die Kätzchen.
"Miau!" antwortete ich.
Sie machten eine Kurve. Dabei liefen zwei direkt zu mir, während eine schräg zum Wald auf der anderen Seite des Weges weiterlief.
"Miez? ... Miez? ... Miez?" fragten die Kätzchen.
"Miau!" antwortete ich.
"Vielleicht haben sie Hunger." dachte ich. Ich hatte noch eine Scheibe Brot fürs Frühstück, ein klein wenig Butter und ein unangebrochenes, großes Stück Schnittkäse. Das mußte ich wohl extra für die Katzen gekauft haben! Ich holte ihn hervor, brach kleine Stückchen ab und legte sie vor die Katzennäschen. Die Katzen machten einen Buckel, mit nach unten gehaltenem Schwanz und verteidigten fauchend ihr Stückchen Käse, während sie fraßen. Nachdem eines das erste Stück gefressen hatte, rief es mit einem entschiedenen "Miau!" das dritte Geschwisterchen vom Waldrand zurück, damit es sich auch seinen Teil holte.

Die Kätzchen waren wirklich süß: gestreift mit weißen Flecken, aber sie hatten einen eitrigen Schnupfen. Da bei ihnen das Verbindungsröhrchen zwischen Nase und Augen etwas anders gebaut ist als bei Menschen, war der Eiter auch in den Augen und verklebte sie so, daß sie sie kaum sehen konnten. Als ich sie über das Fell streichelte, fühlte es sich rauh und stumpf an. Man konnte deutlich die Rippen spüren. Am Schlimmsten sah es bei dem Kätzchen aus, das zum Waldrand weitergelaufen war. Wahrscheinlich hatte es mich wegen der verklebten Augen nicht richtig gesehen.

Nachdem alle ein wenig Käse gefressen hatten, setzte ich das Gepäck wieder auf und forderte sie mit einem "Miau!" auf, mir zu folgen.
"Miez? ... Miez? ... Miez?" fragten die Kätzchen.
"Miau!" antwortete ich und führte sie mit viel Miauen zu meinem geplanten Lagerplatz.

Ich setzte den Rucksack ab, holte das Poncho hervor und legte es als Unterlage für das Lager auf den Waldboden. Sofort lief ein kleines Kätzchen darüber hinweg, um zu schauen, was das wohl ist. Ich versuchte - von neugierigen kleinen Katzen behindert - das Poncho richtig auszubreiten, aber so ganz perfekt wurde das Ergebnis nicht. Dann setzte ich sie zur Seite und legte die Isomatte schnell drüber, ehe sie wieder drauf laufen konnten. Ich setzte mich. Augenblicklich krabbelten drei kleine Katzen auf meinen Beinen herum und kletterten bis auf die Schultern. Kopfschüttelnd zog ich die Schuhe aus und setzte mich im Schneidersitz. Dann begann ich den Rucksack auszupacken, so weit das ging, ohne lauter kleine Katzen herunterzuwerfen.

Als ich so weit fertig war, schliefen zwei Kätzchen zusammengerollt auf den Beinen, während das dritte es sich in der Höhle zwischen den Beinen bequem gemacht hatte. Ich nahm sie herunter und ging ein Stückchen zur Seite. Sofort folgten mir drei kleine Kätzchen, um zu kontrollieren, was ich da machte. Mit Mühe hinderte ich sie daran, zwischen meinen Beinen herumzulaufen, während ich gerade pinkelte.

Wieder zurückgekommen wollte ich mich umziehen - eine schwierige Übung, wenn drei kleine Kätzchen meinen, sie müßten dabei die ganze Zeit auf meinen Beinen herumkrabbeln. Ich fütterte sie mit Käse, bis sie satt waren.

Ein kleines Kätzchen war fürsorglich zu seinen Geschwisterchen - es leckte die Augen der beiden anderen immer wieder sauber. Da die Geschwister diesen Liebesdienst nicht erwiderten, versuchte ich es bei dem dritten mit Trinkwasser und Klopapier - mit mäßigem Erfolg.

Ich legte mich in den Schlafsack. Drei kleine Kätzchen wußten sofort, daß sie unbedingt mein Gesicht erreichen mußten, womit ich gar nicht einverstanden war, wegen den verschnupften Näschen. Aber man halte mal drei kleine Kätzchen mit nur zwei Händen vom Gesicht ab! Und dann benutzten sie die Augenhöhle als Trittstufe, um auf den Kopf zu klettern. Gelobt sei der Lidschlußreflex, der Augen in solchen Fällen sicher vor jedem Schaden bewahrt!

Als sie damit aufhörten, lud ich sie in den Schlafsack ein, weil ich fand, daß es draußen etwas kalt für sie ist. Sie kletterten überall herum, um den besten Schlafplatz zu finden: Vielleicht auf meinem Bauch oder irgendwo an den Beinen? "Hilfe ich habe vergessen wo der Ausgang ist!" - indem ich den Schlafsack am Kopfende so weit aufhielt daß Licht zum Kätzchen hinfiel, zeigte ich dem plötzlich panisch suchenden Kätzchen den Weg zur Tür. Oder ganz dicht an mich gekuschelt, fast unter mir drunter? Du meine Güte, da muß ich aber aufpassen, wenn ich mich umdrehe! Die meiste Zeit lagen sie dicht an der Kopföffnung und schnurrten zum ersten mal, seit ich sie gefunden hatte behaglich. Unglaublich, daß so kleine Katzen fast so laut schnurren können wie eine Große!

Ich drehe mich im Schlaf alle zehn Minuten um - und diesmal mußte ich jedesmal kontrollieren, wo die drei Kätzchen sind, um sie nicht ausversehen plattzudrücken. Denn sie krabbelten auch nachts immer wieder im Schlafsack herum. Eine ging auch mal raus in den Wald - keine Ahnung, warum sie das tat, aber nach einer Weile fragte sie miauend wo ich eigentlich bin und ich antwortete.

Am nächsten Morgen nach einem ausgiebigen Käsefrühstück für die Kätzchen, war es Zeit weiterzugehen. Und damit stellte sich die Frage: Was mache ich nun mit ihnen? Sie die nächsten beiden Wochen auf der Wanderung mitzunehmen, war wohl nicht machbar. Sie in ein Tierheim geben, nachdem ich sie eine Nacht bemuttert habe, kam für mich gar nicht in Frage. Wer weiß, ob sie dann ein gutes Zuhause finden? Also müßte ich wohl die Fahrt abbrechen und sie mit heim nehmen? Am besten wäre es, hier einen richtig guten Platz für sie zu finden.

Ich brach auf Richtung Bach, den ich überqueren wollte, um dann zum nächsten Dorf einkaufen zu gehen - doch auf mein Miauen hörte nur eines der drei Kätzchen, die anderen beiden rollten sich in der Sonne auf dem Waldboden zusammen und warteten offensichtlich darauf, daß ich mit etwas neuem zu fressen von der Jagd zurückkehre. Ich drehte um, versuchte die Kätzchen wieder zum Folgen zu bewegen, mit dem Ergebnis, daß mir diesmal ein anderes Kätzchen folgte.

Das mit dem Bach überqueren konnte ich wohl vergessen. - Mit meinem Dackel wäre das kein Problem gewesen, obwohl der Bach zu tief war: Ich hätte mir am Ufer Schuhe, lange Hose und Strümpfe ausgezogen, dem Hund gesagt, daß er am Ufer warten soll und dann nach und nach alles über den Bach getragen. Aber wenn sie schon das mit dem Folgen nicht ohne weiteres verstanden, dann würden die Katzen ganz sicher nicht verstehen, daß sie warten sollen, bis ich sie rübertrage. Also mußte ich wohl über das Sträßchen zum nächsten Dorf gehen.

Ich kehrte ein drittes mal zum Lagerplatz zurück und versuchte die Katzen diesmal auf die Guitarrentasche zu setzen, um sie zum nächsten Ort zu tragen. Mit ihren Krallen hätten sie sich da gut festhalten können, aber sie sprangen gleich wieder zu Boden. Als ich dann das nächste mal losging hatten sie aber wenigstens verstanden, daß sie mir alle drei folgen sollten.

Im Weitergehen sah ich mich immer wieder um: Die Katzen folgten jetzt brav und gut gelaunt in einem vernünftigen Abstand. Jedesmal, wenn ich schaute, war eine andere hinten, also hatte keines der Kätzchen Probleme, mir zu folgen. Nach einigen hundert Metern kam das erste Auto. Ich hielt es an, indem ich mich mitten auf den Weg stellte und lockte dann in Ruhe die Kätzchen an den Rand. - Was auch nötig war, denn es dauerte etwas, bis auch das letzte Kätzchen begriffen hatte, was ich von ihnen wollte. Das zweite Auto brauchte ich dann nicht mehr anzuhalten: Jetzt gehorchten die Kätzchen sofort, wenn ich sie an den Rand rief. Und beim dritten Auto war es dann schon Routine. Drei Kilometer folgten mir die Kätzchen und waren dabei offensichtlich guter Dinge.

Dann kam das erste Haus des Dorfes. Ich ging an die Tür und klingelte. Beinahe zur selben Zeit hielt ein Auto am Straßenrand, eine Frau sprach mich an und sagte daß sie die Schwester der Hausbesitzerin sei. Sie hätte aber leider keinen Schlüssel. Ich erzählte ihr die Geschichte mit den Katzen.

"Ein Bekannter von mir sucht händeringend nach jungen Katzen." erzählte sie mir. Der Mann war ein Bauer, der früher zehn Katzen gehabt hatte. Und bei ihm fanden die Katzen ein neues Zuhause und er brachte die Kleinen wegen dem Schnupfen zum Tierarzt.

Kersti


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