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O7.B1 Kersti: Totenbettvisionen (Quellen hierzu)

ausgegliedert aus O7.B1: 8/2009
letzte Überarbeitung: 8/2009

O7.D4

Totenbettvisionen aus dem Mittelalter

Frühes Mittelalter

Papst Gregor der Große lebte im frühen Mittelalter und starb im Jahr 604. In seinen Dialogen sammelte er diverse Berichte von Erfahrungen, die seiner Ansicht nach Beweise für die Existenz der Seele darstellten. Darin tauchen auch einige Totenbettvisionen auf.

Papst Gegor schrieb im vierten Buch seiner Dialoge:

Von dem Hinscheiden der Seele eines Priesters von Nursia

Ich will auch den Fall nicht verschweigen, den mir der ehrwürdige Abt Stephanus, der vor nicht langer Zeit hier in Rom gestorben ist und den du selbst noch gut gekannt hast, erzählte; dieser Fall hat sich ebenfalls in der Provinz Nursia zugetragen. Er erzählte mir nämlich, daß dort ein Priester seiner Kirche mit großer Furcht des Herrn vorstand. Vom Zeitpunkt der Priesterweihe an liebte er seine Frau als Schwester, hütete sich aber vor ihr wie vor einem Feinde und ließ sie niemals nahe zu sich herankommen; indem er bei keiner Gelegenheit eine Annäherung gestattete, schnitt er gänzlich allen vertrauten Verkehr mit ihr ab. Denn heiligen Männern ist dies eigen: um immer dem Unerlaubten fern zu bleiben, versagen sie sich häufig auch das Erlaubte. Deshalb weigerte sich dieser Mann, sich von ihr im Notwendigen bedienen zu lassen, damit er nicht durch sie in eine Schuld verfalle. Dieser ehrwürdige Priester also wurde, nachdem er ein langes Leben hinter sich hatte, im vierzigsten Jahre nach der Priesterweihe heftig von einem hitzigen Fieber ergriffen und kam dem Ende nahe. Als nun seine Frau bemerkte, wie die Glieder sich lösten und wie er sich streckte, als ob er tot wäre, da wollte sie sehen, ob noch ein Lebensatem in ihm sei, und hielt das Ohr an seine Nase. Dieses fühlte er, und obwohl er nur noch ganz schwach atmete, nahm er doch erregten Gemütes mit größtmöglicher Anstrengung seine Kraft zusammen, um reden zu können, und stieß die Worte aus: "Frau, gehe weg von mir, noch lebt ein Funke, nimm das Stroh hinweg!" Als sie wegging, nahm seine Kraft zu, und er rief mit großer Freude: "Willkommen, ihr meine Herren! Willkommen, ihr meine Herren! Warum würdigt ihr euch, zu euerm so armseligen Diener zu kommen? Ich komme, ich komme! Dank euch, Dank euch!" Da er diesen Ruf öfters wiederholte, fragten ihn die Bekannten, die um ihn standen, zu wem er das sage. Darauf antwortete er voll Verwunderung: "Sehet ihr denn nicht, daß die heiligen Apostel gekommen sind? Sehet ihr die Apostelfürsten Petrus und Paulus nicht?" Dann wandte er sich wieder diesen zu und sprach: "Ja, ich komme, ja, ich komme!" Und unter diesen Worten verschied er. Daß er wirklich die heiligen Apostel sah, bezeugte er dadurch, daß er ihnen nachfolgte. Häufig geschieht dies bei Gerechten, daß sie bei ihrem Tode die Erscheinung Heiliger sehen, die ihnen vorangehen, damit sie sich nicht vor der Strafe, die im Tode liegt. fürchten, sondern unbehelligt von Schmerz und Furcht von den Banden des Fleisches sich lösen, während ihr Geist selige Mitbürger um sich sieht. 3.4

Papst Gegor schrieb im vierten Buch seiner Dialoge:

Von der Seele des Bischofs Probus von Rieti

Bei diesem Punkt möchte ich nicht verschweigen, was mir Probus, der Diener des allmächtigen Gottes, zur Zeit Abt des Klosters zum heiligen Renatus dahier, von seinem Onkel, dem Bischof Probus1 von Rieti, gar oft erzählte. Dieser wurde am Ende seines Lebens von einer sehr schweren Krankheit befallen. Sein Vater, Maximus mit Namen, schickte überall Diener hin und ließ Ärzte kommen, um, wenn möglich, ihm in seinem Leiden Linderung zu verschaffen. Aber die Ärzte, die aus der Nachbarschaft herbeigeholt waren, erklärten, sobald sie den Puls griffen, daß das Ende nahe bevorstehe. Da es unterdessen Essenszeit und schon spät am Tage geworden war, bat der ehrwürdige Bischof die Anwesenden - mehr auf ihr als auf sein Wohl bedacht -, sie möchten mit seinem Vater sich in das obere Geschoß der bischöflichen Wohnung begeben und sich auf die Anstrengung hin stärken. Sie begaben sich also alle nach oben und nur ein kleiner Knabe blieb zurück, der jetzt noch lebt, wie der erwähnte Probus versichert. Während dieser am Bette des Kranken stand, sah er plötzlich zu dem Manne Gottes weiß gekleidete Männer treten; das Leuchten ihres Angesichtes übertraf noch den Glanz ihrer Gewänder. Durch den Lichtglanz aufgeschreckt, fing er an zu schreien: "Wer sind diese?" Durch diesen Ruf aufmerksam gemacht, sah auch Bischof Probus die Eintretenden und erkannte sie; er tröstete den zitternden und weinenden Knaben: "Fürchte dich nicht, mein Sohn, denn die heiligen Märtyrer Juvenalis und Eleutherius sind zu mir gekommen!" Dieser aber konnte eine so ungewohnte Erscheinung nicht er tragen, lief eilig zur Türe hinaus und erzählte dem Vater des Bischofs und den Ärzten, was er gesehen. Sogleich kamen sie herab, fanden aber den Bischof, den [S. 202] sie krank verlassen, schon tot; denn jene hatten ihn mit sich genommen, deren Erscheinung der Knabe nicht hatte ertragen können. 3.4

Papst Gegor schrieb im vierten Buch seiner Dialoge:

Von dem Hingang der Dienerin Gottes Galla

Hierbei darf ich wohl auch das nicht verschweigen, was mir von ernsten und glaubwürdigen Personen mitgeteilt worden ist. In der Gotenzeit nämlich wurde Galla, ein hochadeliges Mädchen von Rom, eine Tochter des Konsuls und Patriziers Symmachus, noch sehr jung mit einem Manne verehelicht; aber schon nach Ablauf eines Jahres wurde sie durch den Tod des Mannes Witwe. Die Welt stand ihr offen, Reichtum und Jugend luden sie zu einer neuen Ehe ein; sie aber wollte lieber in geistiger Ehe mit Gott verbunden sein, in welcher man zwar mit Trauer anfängt, aber zu ewigen Freuden gelangt, als sich zu einer leiblichen Ehe entschließen, die zwar immer mit Freuden anfängt, aber mit Trauer endigt. Da sie aber eine sehr hitzige Naturanlage hatte, sagten ihr die Ärzte, daß sie wegen zu großer Blutwärme ganz gegen die Natur einen Bart bekommen werde, falls sie sich nicht wieder verheirate; und so geschah es auch später. Aber die heilige Frau fürchtete sich nicht vor äußerer Verunstaltung, da sie die Schönheit des inneren Bräutigams liebte, und scheute sich nicht, das an sich häßlich werden zu lassen, was ja nicht Gegenstand der Liebe für den himmlischen Bräutigam war. Sie legte also alsbald nach dem Tode ihres Gemahls das weltliche Gewand ab und trat im Kloster bei der Kirche des heiligen Apostels Petrus in den Dienst des allmächtigen Gottes. Dort spendete sie, der Herzenseinfalt und dem Gebet ergeben, viele Jahre hindurch den Armen reichliches Almosen. Als der allmächtige Gott beschloß, ihr den ewigen Lohn für ihre Mühen zu geben, wurde [S. 203] sie mit dem Brustkrebs behaftet. Zur Nachtzeit brannten immer zwei Lichter vor ihrem Bette; denn als Freundin des Lichtes haßte sie nicht nur die geistige, sondern auch die irdische Finsternis. Als sie nun einmal in der Nacht von ihrer Krankheit gequält dalag, sah sie zwischen beiden Leuchtern den heiligen Petrus vor ihrem Bette stehen; sie erschrak jedoch nicht und fürchtete sich nicht, sondern da ihr die Liebe Mut gab, frohlockte sie und sprach zu ihm: "Wie, mein Herr, sind mir meine Sünden verziehen?" Mit freundlicher Miene nickte er und sprach: "Sie sind verziehen, komm!" Weil Galla aber eine Schwester jenes Klosters mehr als die übrigen liebte, fügte sie hinzu: "Ich bitte, daß die Schwester Benedikta mit mir kommen darf." Er erwiderte ihr: "Nein, sondern jene andere mag mit dir kommen; die aber, um welche du bittest, wird am dreißigsten Tage nachkommen." Hierauf verschwand die Erscheinung des Apostels, der bei ihr stand und mit ihr redete. Sogleich rief sie die Mutter des ganzen Konventes und erzählte ihr, was sie gesehen und gehört hatte. Sie starb darauf am dritten Tage zugleich mit jener Mitschwester, welche bestimmt worden war; jene, um die sie gebeten hatte, folgte am dreißigsten Tage nach. Dieses Ereignis ist jetzt noch in jenem Kloster in frischer Erinnerung; und wie es von den früheren Vorsteherinnen überliefert wurde, genau so erzählen es die jüngeren, jetzt lebenden Klosterfrauen, gleich als ob sie bei dem großen Wunder damals zugegen gewesen wären. 3.4

Papst Gegor schrieb im vierten Buch seiner Dialoge:

Von dem Hingang des gichtkranken Servulus

Dabei muß man wissen, daß beim Scheiden der Auserwählten oft süße himmlische Lobgesänge erschallen, so daß sie vor Freude daran die Trennung der Seele vom Leibe nicht fühlen. Ich erinnere mich, davon schon in den Evangelien-Homilien erzählt zu haben, daß sich in der Säulenhalle, durch die man zu der Kirche des heiligen Clemens geht, ein gewisser Servulus aufhielt, dessen auch du dich ohne Zweifel erinnerst. Er war zwar arm an Vermögen, aber reich an Verdiensten, und eine langwierige Krankheit hatte ihn ganz hinfällig gemacht. Denn soweit wir uns an ihn erinnern können, lag er bis zum Ende seines Lebens gichtkrank darnieder. Ja, was sage ich, daß er nicht stehen konnte, konnte er doch sich niemals im Bette in die Höhe richten oder aufsitzen, nie die Hand zum Munde führen, nie sich auf die andere Seite legen. Seine Mutter und sein Bruder bedienten ihn und alles Almosen, das er erhielt, ließ er durch sie an die Armen verteilen. Er hatte nie lesen gelernt, kaufte sich aber die Bücher der Heiligen Schrift; und da er häufig fromme Männer beherbergte, ließ er sich von ihnen fleißig daraus vorlesen. Auf diese Art brachte er es dahin, daß er die Heilige Schrift vollständig kennenlernte, obwohl er, wie gesagt, keinen Buchstaben kannte. Bei seinen Schmerzen bemühte er sich immer, Gott Dank zu sagen und sich Tag und Nacht im Lobe Gottes zu üben. Als aber die Zeit kam, da seine große Geduld belohnt werden sollte, schlug sich der Schmerz von den Gliedern auf die inneren Teile. Sein nahes Ende erkennend, bat er die bei ihm weilenden Pilger und Gastfreunde, sie möchten aufstehen und mit ihm Psalmen singen und so sein Ende erwarten. Während er nun sterbend mit ihnen psallierte, unterbrach er plötzlich den Psalmengesang mit dem erschrockenen Ruf: "Seid still! Hört ihr nicht, was für laute Loblieder im Himmel erklingen?" Und während er so mit dem inneren Ohre den Lobgesängen lauschte, schied die heilige Seele vom Leibe. Bei ihrem Hinscheiden verbreitete sich ein so starker Wohlgeruch, daß alle Anwesenden dessen unbeschreibliche Süßigkeit einatmeten und daraus deutlich erkannten, daß dieser Gesang ihn im Himmel empfangen habe. Einer unserer Mönche, der noch lebt, war dabei zugegen und pflegt unter vielen Tränen zu bezeugen, daß jener starke Wohlgeruch bis zum Begräbnis nicht aus der Nase entschwand. 3.4

Papst Gegor schrieb im vierten Buch seiner Dialoge:

Vom Hingang der Dienerin Gottes Romula

Ich erinnere mich an ein Ereignis, das ich gleichfalls in den Homilien erzählt habe.2 Mein Mitpriester Speciosus, der von der Sache wußte, hat mir meine Erzählung bestätigt. Zu der Zeit nämlich, als ich ins Kloster ging, lebte eine alte Frau namens Redempta als Klosterfrau und hielt sich in der Nähe der Kirche der heiligen allezeit jungfräulichen Maria auf. Sie war eine Schülerin jener Herundo, welche, reich an großen Tugenden, in den Pränestinerbergen ein Einsiedlerleben geführt haben soll. Bei dieser Redempta lebten zwei Schülerinnen, gleichfalls im Ordensgewande, eine namens Romula und eine andere, die noch lebt und die ich zwar von Angesicht, nicht aber dem Namen nach kenne. Diese drei hatten eine gemeinsame Wohnung und führten ein Leben reich an Tugenden, aber arm an irdischen Gütern. Die vorgenannte Romula aber übertraf ihre Mitschülerin noch durch ihren höchst verdienstlichen Lebenswandel. Denn sie war wunderbar geduldig, bis ins kleinste gehorsam, beobachtete das Stillschweigen und betete ununterbrochen. Aber für gewöhnlich haben solche Menschen, welche man schon für vollkommen hält, doch noch in den Augen des höchsten Bildners etwas Unvollkommenes an sich; kommt es ja doch oft vor, daß wir bei mangelhaftem Kunstverständnis [S. 206] unfertige Siegelstöcke besichtigen und sie loben, als wären sie schon fertig, während doch der Künstler sie noch immer beschaut und feilt und nicht aufhört, den nachbessernden Meißel anzusetzen, obwohl er schon ihr Lob hört. Geradeso wurde Romula von einer körperlichen Krankheit, die die Ärzte mit einem griechischen Worte Paralysis nennen, heimgesucht; viele Jahre lang war sie bettlägerig und konnte fast gar kein Glied regen. Auch diese Heimsuchung konnte ihre Seele nicht zur Ungeduld verleiten. Gerade der Verlust des Gebrauches ihrer Glieder gereichte ihr zum Wachstum in der Tugend; denn sie wurde um so eifriger in der Übung des Gebetes, je weniger sie irgend etwas anderes zu tun imstande war. Einmal rief sie nachts die erwähnte Redempta, welche die beiden Schülerinnen wie Töchter aufzog, mit den Worten: "Mutter, komm! Mutter, komm!" Diese stand sogleich mit der anderen Mitschülerin auf. Beide haben dann später den Vorgang erzählt; so ist er vielen bekannt geworden und auch ich habe ihn damals erfahren. Während sie also mitten in der Nacht am Bett der Kranken standen, kam plötzlich ein Licht vom Himmel und erleuchtete die ganze Zelle; der Lichtglanz war so groß, daß die Umstehenden innerlich vor Furcht ganz erschauderten und, wie sie nachher erzählten, am ganzen Körper erstarrten und in jähem Schrecken dastanden. Denn man vernahm ein Geräusch, als ob eine große Menge von Leuten eintrete, und die Türe der Zelle ging auf und zu, gleich als ob sie von einer eintretenden Schar benützt würde. Nach ihrer Aussage hatten sie zwar das Gefühl, als ob viele Leute hereinkämen, sehen konnten sie diese aber vor großem Schrecken und wegen des Lichtglanzes nicht; denn wegen des Schreckens schlugen sie die Augen nieder und vom Lichtglanz waren sie ganz geblendet. Auf das Licht folgte auf einmal ein wunderbarer Wohlgeruch, und ihr Herz, das der Lichtstrom in Schrecken versetzt hatte, erfreute sich nun an dem süßen Wohlgeruch. Da sie den hellen Glanz nicht ertragen konnten, tröstete Romula ihre zitternde Tugendlehrerin Redempta mit freundlichen Worten und sprach; "Fürchte dich nicht, Mutter, ich sterbe jetzt nicht!" Während sie dies öfter wiederholte, verschwand allmählig das Licht, das sich verbreitet hatte, aber der später hinzugekommene Wohlgeruch blieb. So verging der zweite und dritte Tag, ohne daß der liebliche Geruch gewichen wäre. In der vierten Nacht rief sie wieder ihre Lehrerin, bat um die heilige Wegzehrung und empfing sie. Noch waren aber Redempta und die andere Schülerin nicht von dem Bette der Kranken weggegangen, siehe, da standen plötzlich auf dem Platz vor ihrer Zellentüre zwei psalmensingende Chöre; man konnte nach ihrer Aussage in den Stimmen verschiedene Geschlechter erkennen; die Männer sangen den Psalmvers vor, während die Frauen respondierten. Während vor der Zellentüre sich diese himmlische Besingnis vollzog, schied die heilige Seele vom Leibe. Die Sängerchöre begleiteten sie gen Himmel, und je höher sie hinaufkamen, desto leiser hörte man den Psalmengesang, bis der Gesang und der Wohlgeruch wegen der Entfernung schließlich ganz aufhörten. 3.4

Papst Gegor schrieb im vierten Buch seiner Dialoge:

Von dem Tode der heiligen Jungfrau Tharsilla

Zuweilen pflegt zum Trost der scheidenden Seele der Urheber und Belohner des Lebens selbst zu erscheinen. Darum will ich wiederholen, was ich, wie ich mich erinnere, in den Homilien über die Evangelien von meiner Tante Tharsilla erzählt habe. Durch die Tugend des beständigen Gebetes, durch Lebensernst und ganz besondere Enthaltsamkeit hatte sie ihre beiden andern Schwestern überflügelt und war zum Gipfel der Heiligkeit gelangt. Ihr erschien mein Urahne, der römische Papst Felix und zeigte ihr ihre Wohnung in der ewigen Herrlichkeit mit den Worten: "Komm, denn ich will dich in dieser leuchtenden Wohnung empfangen!" Tags darauf wurde sie fieberkrank und kam dem Tode nahe. Da bei dem Tode vornehmer Frauen und Männer viele kommen, um die Angehörigen zu trösten, umstanden auch in ihrer Todesstunde viele Männer und Frauen das Bett. Da richtete sie plötzlich den Blick nach oben, sah Jesus kommen und rief laut und befehlend den Umstehenden zu: "Geht weg! Geht weg! Jesus kommt!" Und unverwandt ihn anschauend, schied die heilige Seele vom Leib, Sogleich verbreitete sich ein starker, wunderbarer Wohlgeruch; seine Lieblichkeit zeigte allen, daß der Urheber der Lieblichkeit hier zugegen gewesen. Als man ihren Leichnam, wie es üblich ist, entkleidete, um ihn zu waschen, fand sich, daß die Haut an den Ellenbogen und an den Knien vom vielen Beten hart wie eine Kamelhaut war; so bezeugte der tote Leib noch, was ihr Geist lebend immer geübt. 3.4

Papst Gegor schrieb im vierten Buch seiner Dialoge:

Vom Tode des Mädchens Musa

Ich möchte hier auch anführen, was der erwähnte Diener Gottes Probus1 oftmals von seiner Schwester Musa, einem kleinen Mädchen, erzählte. Es erschien ihr nämlich in der Nacht in einem Gesichte die heilige Gottesgebärerin und immerwährende Jungfrau Maria und zeigte ihr gleichalterige Mädchen, die mit weißen Kleidern angetan waren. Sie hätte sich gerne zu ihnen gesellt, wagte aber doch nicht, zu ihnen hinzugehen; da fragte sie die heilige Jungfrau Maria, ob sie gern bei diesen sein und zu ihrem Gefolge gehören möchte. Das Mädchen sagte: "Ja, ich will", und erhielt von ihr sogleich den Auftrag, sie solle nun nichts Leichtsinniges und Mädchenhaftes mehr tun und sich von allem Lachen und Scherzen fernhalten; denn sie möge nun wissen, daß sie am dreißigsten Tage in ihr Gefolge aufgenommen und den Mädchen, die sie gesehen, beigesellt werde. Auf diese Erscheinung hin änderte das Mädchen ihr ganzes Betragen und streifte mit ernster Hand allen Leichtsinn des Mädchenlebens von sich ab. Als die Eltern mit Verwunderung die Änderung in ihrem Wesen wahrnahmen und sie darüber befragten, erzählte sie, was ihr die Gottesmutter aufgetragen, und offenbarte, an welchem Tage sie in ihre Gefolgschaft eintreten dürfe. Hierauf wurde sie am fünfundzwanzigsten Tage von einem Fieber ergriffen. Als aber am dreißigsten Tage das Ende herannahte, sah sie die heilige Gottesmutter wieder mit den Mädchen, die sie früher in dem Gesichte geschaut hatte, zu sich kommen. Maria rief sie, und das Mädchen antwortete laut darauf mit ehrerbietig niedergeschlagenen Augen: "Siehe, Herrin, ich komme! Siehe, Herrin, ich komme!" Mit diesen Worten hauchte sie ihre Seele aus und verließ den jungfräulichen Leib, um bei den heiligen Jungfrauen zu weilen. 3.4

Papst Gegor schrieb im vierten Buch seiner Dialoge:

Vielen Kleinen verschließen die Eltern die Türe zum Himmelreich, indem sie sie schlecht erziehen. Von einem Knaben, der Gott lästerte

Gregorius. Obwohl man glauben muß, daß alle getauften Kinder, die in ihrer Kindheit sterben, in das Himmelreich eingehen, so gilt dies doch nicht von allen jenen Kindern, die schon reden können. Denn einigen Kindern verschließen die Eltern die Himmelstüre, indem sie sie schlecht erziehen. So hatte vor drei Jahren ein Mann, den hier die ganze Stadt kannte, ein Söhnchen, das nach meiner Schätzung fünf Jahre alt war. Der Vater liebte es fleischlich zu sehr und verzog es dadurch. Dieser Knabe nun hatte - es ist hart, dies zu sagen - die Gewohnheit, gegen Gottes Majestät zu lästern, sobald sich etwas seinem Willen entgegensetzte. Bei dem großen Sterben, das vor drei Jahren hier herrschte, wurde auch er auf den Tod krank. Wie ihn nun sein Vater in den Armen hielt, sah der Knabe nach dem Zeugnis derjenigen, die dabei zugegen waren, mit zuckenden Augenlidern böse Geister auf sich zukommen und fing zu schreien an: "Halte sie ab, Vater! Halte sie ab, Vater!" Laut schreiend wandte er sein Gesicht ab, um sich vor ihnen am Busen des Vaters zu verbergen. Dieser fragte den zitternden Knaben, was er denn sehe, worauf er antwortete: "Mohren sind gekommen und wollen mich forttragen." Kaum hatte er dies gesagt, lästerte er den Namen der göttlichen Majestät und gab seinen Geist auf. Um nämlich die Schuld, um derentwillen er solchen Henkern ausgeliefert wurde, offenbar zu machen, ließ ihn der allmächtige Gott im Augenblick des Todes die Sünde wieder begehen, die sein Vater ihm bei Lebzeiten nicht abstellen wollte, und es sollte der Knabe, der lange mit Gottes Geduld in seinem Leben gelästert hatte, nun noch einmal nach Gottes Gericht fluchen und darauf sterben. Der Vater sollte dadurch auch zur Erkenntnis seiner Schuld gelangen, die darin bestand, daß er sich um die Seele des Kindes nicht kümmerte und einen nicht eben kleinen Sünder für das Feuer der Hölle heranzog. Doch lassen wir jetzt dieses traurige Thema und wenden wir uns wieder froheren Dingen zu, mit deren Erzählung wir begonnen haben. 3.4

Papst Gegor schrieb im vierten Buch seiner Dialoge:

Vom Tode des Abtes Suranus

Als ich noch im Kloster war, habe ich auch von einigen gewissenhaften Männern erfahren, daß zu jener Langobardenzeit in der nahen Provinz Sura ein ehrwürdiger Klosterabt mit Namen Suranus lebte, der den Gefangenen, die dorthin kamen, und jenen, die vor der Plünderung durch die Langobarden sich flüchteten, alles schenkte, was im Kloster zu finden war. Und als er seine Kleider und die Kleider der Brüder verschenkt und die Vorratskammer geleert hatte, spendete er alles, was im Garten zu holen war. Als auf diese Weise alles weggegeben war, kamen auf einmal Langobarden, nahmen ihn fest und verlangten Gold. Als er ihnen sagte, er habe gar nichts mehr, führten sie ihn auf einen nahen Berg, den ein ungeheuer großer Wald bedeckte. Dahin hatte sich ein Gefangener geflüchtet und hielt sich in einem hohlen Baum versteckt. An dieser Stelle zog einer der Langobarden sein Schwert und tötete den genannten ehrwürdigen Mann. Als der Leib zur Erde fiel, erbebte der ganze Berg und der Wald, als ob die Erde durch ihr Beben sagen wollte, sie könne das Gewicht solcher Heiligkeit nicht tragen. 3.4

Papst Gegor schrieb im vierten Buch seiner Dialoge:

XXVI. Kapitel: Auf welche Weise die Sterbenden etwas vorhersagen; von einem Advokaten, von den Mönchen Gerontius und Mellitus und von einem Rinderhirten

Gregorius. Die Kraft der Seele sieht manchmal etwas durch ihre Feinheit voraus, manchmal aber erkennen die Seelen bei ihrem Abscheiden aus dem Leibe etwas Zukünftiges vermöge innerer Offenbarung. Zuweilen aber richten sie, wenn sie dem Abscheiden nahe sind, das unkörperliche Geistesauge durch göttliche Einwirkung auf die Geheimnisse des Himmels. Daß die Kraft der Seele bisweilen durch deren Feinheit Zukünftiges erkennt, erhellt daraus, daß der Advokat Cumquodeus1 von hier, der vor zwei Tagen an Seitenschmerz gestorben ist, kurz vor seinem Tode den Diener rief und ihm befahl, ihm die Kleider zum Ausgehen bereitzurichten. [S. 218] Da der Diener dies für ein Irrereden hielt und dem Befehl nicht nachkam, stand der Kranke auf, kleidete sich an und erklärte, er gehe auf die Via Appia zur Kirche des heiligen Xystus. Kurz darauf verschlimmerte sich die Krankheit und er starb. Es wurde ausgemacht, seinen Leichnam beim heiligen Märtyrer Januarius an der Via Pränestina zu bestatten. Da dies aber den Leichenträgern zu weit war, besannen sie sich eines andern, gingen mit der Leiche zur Via Appia und begruben ihn, ohne zu wissen, was er gesagt hatte, gerade in jener Kirche, die er vorher genannt hatte. Da wir nun wissen, daß dieser Mann in zeitliche Sorgen verstrickt war und irdischem Gewinn nachjagte, wie konnte er dies voraussagen, wenn nicht die Kraft und Feinheit der Seele voraussah, was mit seinem Leibe geschehen werde?

Daß es aber auch oft von Offenbarungen herrührt, wenn Sterbende die Zukunft vorauswissen, können wir aus dem schließen, was sich in unsern Klöstern zugetragen hat. In meinem Kloster lebte nämlich vor zehn Jahren ein Bruder namens Gerontius. Als dieser schwer krank darniederlag, sah er in einem nächtlichen Gesicht weißgekleidete Männer von überaus glänzendem Aussehen von oben her in das Kloster kommen. Sie traten vor das Bett des Kranken und einer von ihnen sprach: "Wir sind gekommen, um aus des Gregorius Kloster einige Brüder dem Heere einzuverleiben." Und er befahl einem andern: "Schreibe den Marzellus, den Valentinian, den Agnellus auf" und noch andere, deren ich mich nicht mehr entsinne. Hierauf fügte er bei: "Schreibe auch diesen hier auf, der uns zusieht." Durch diese Erscheinung vergewissert, teilte der erwähnte Bruder am Morgen seinen Mitbrüdern mit, wer im Kloster in kurzer Zeit sterben würde. Als am andern Tage die erwähnten Brüder starben und in derselben Ordnung sich im Tode folgten, in welcher sie aufgeschrieben worden waren, erklärte er, auch er werde diesen folgen. Zuletzt starb er selbst, der den Tod der Brüder vorausgesehen hatte.

Bei dem großen Sterben ferner, das vor drei Jahren die Stadt ganz verödete, lebte in einem Kloster der Hafenstadt2 ein Mönch namens Mellitus, noch jung an Jahren, aber ein Mann von wunderbarer Einfalt und Demut. Da der Tag seiner Abberufung zu Gott herannahte, wurde er von der Seuche ergriffen und lag im Sterben, Als dies der ehrwürdige Felix, der Bischof der Stadt, von dem ich die Sache erfahren habe, hörte, ging er sogleich zu ihm, sprach ihm zu, er solle das Sterben nicht fürchten, und versprach ihm von Gottes Barmherzigkeit eine noch längere Lebenszeit. Jener aber erwiderte darauf, seine Lebenszeit sei zu Ende, und es sei ihm ein Jüngling erschienen, der habe ihm einen Brief gebracht und gesagt: ?öffne und lies!? Er habe den Brief geöffnet und, so sagte er, gesehen, daß er und alle, welche damals von dem Bischof am Osterfeste waren getauft worden, mit goldenen Buchstaben in dem Brief verzeichnet waren. Und zwar fand er seinen Namen an erster Stelle und darnach die Namen aller damals Getauften. Deshalb hielt er es für gewiß, daß er und diese andern schnell aus dem Leben scheiden würden. Und wirklich starb er an demselben Tag und all seine Mittäuflinge folgten ihm so schnell nach, daß in wenigen Tagen sich keiner mehr am Leben befand. Gewiß sah der erwähnte Diener Gottes sie deshalb mit goldenen Buchstaben geschrieben, weil die ewige Herrlichkeit ihre Namen eingetragen hatte.

Wie nun diese die Zukunft durch Offenbarungen erkennen konnten, so können bisweilen abscheidende Seelen die Geheimnisse des Himmels nicht etwa im Traum, sondern im wachen Zustand vorauskosten. Du kennst ja gut den Ammonius, einen Mönch meines Klosters, der, als er noch in der Welt war, sich mit der leiblichen Tochter des hiesigen Advokaten Valerian vermählte, sich dessen Dienst mit ununterbrochener Emsigkeit hingab und von allem wußte, was im Hause vorging. Später, [S. 220] im Kloster, erzählte er mir, es habe sich während der Krankheit, die zur Zeit des Patriziers Narses3 diese Stadt verheerte, im Hause dieses Valerian ein junger Rinderhirte befunden, voll Einfalt und Demut. Als die Seuche auch im Hause des Advokaten wütete, wurde dieser Diener von ihr ergriffen und es kam mit ihm zum Sterben. Plötzlich wurde er einmal entrückt; als er wieder zu sich kam, ließ er seinen Herrn rufen und sagte zu ihm: ?Ich war im Himmel und habe erfahren, wer aus diesem Hause sterben wird. Der und der und dieser werden sterben; du aber fürchte dich nicht, denn für jetzt wirst du nicht sterben. Damit du aber erkennest, daß ich die Wahrheit sage, wenn ich behaupte, ich sei im Himmel gewesen, sieh, so habe ich dort die Gabe empfangen, in allen Sprachen zu sprechen. Du weißt recht wohl, daß ich die griechische Sprache nicht kann, und doch, sprich griechisch, damit du siehst, daß ich wirklich die Kenntnis aller Sprachen erhalten habe. Darauf redete sein Herr ihn griechisch an und er antwortete in derselben Sprache, so daß alle Anwesenden sich verwunderten. In demselben Hause wohnte ein Bulgar, ein Schwertträger des erwähnten Narses; eilig wurde er zu dem Kranken geführt und er redete ihn in bulgarischer Sprache an; der in Italien geborene und erzogene Diener aber antwortete in jenem fremden Idiom, als ob er bei jenem Volke geboren wäre. Alle, die es hörten, wunderten sich, und nachdem sie an zwei Sprachen, von denen sie wußten, daß er sie früher nicht gekannt hatte, die Probe gemacht hatten, glaubten sie, daß er alle verstehe, auch jene, von denen sie es nicht erproben konnten. Zwei Tage schob sich sein Tod noch hinaus, aber am dritten Tage zerfleischte er - aus welchem verborgenen Urteil Gottes das geschah, das weiß man nicht - die Arme und Hände mit den Zähnen und schied so vom Körper. Nach seinem Tode starben schnell alle dahin, von denen er es vorausgesagt hatte, und niemand starb während jener Heimsuchung aus dem betreffenden Hause, den nicht sein Mund vorausgenannt hatte. 3.4

Papst Gegor schrieb im vierten Buch seiner Dialoge:

XXXIV. Kapitel: Von einem Mönch, der bei seinem Tode Propheten sah

Als einer unserer Mönche, der ein sehr lobwürdiges Leben führte, vor vier Jahren starb, sah er in seiner Todesstunde, wie andere anwesende Mönche bezeugt haben, die Propheten Jonas, Ezechiel und Daniel, rief sie bei ihrem Namen und nannte sie seine Herren. Während er sagte, daß sie zu ihm kämen, und ihnen durch Niederschlagen der Augen die schuldige Ehrfurcht erwies, starb er. Daraus läßt sich deutlich erkennen, welche Kenntnis man in jenem unvergänglichen Leben besitzen wird, wenn jener Mann schon, als er noch im verweslichen Fleische war, die heiligen Propheten erkannte, die er doch nie gesehen hatte. 3.4

Papst Gegor schrieb im vierten Buch seiner Dialoge:

XXXV. Kapitel: Auch einander unbekannte Seelen erkennen sich zu Zeiten bei ihrem Abscheiden, wenn sie für ihre Schuld gleiche Pein oder für ihre guten Werke gleichen Lohn empfangen; und vom Tode des Johannes und Ursus, des Eumorphius und des Stephanus

Häufig kommt es vor, daß die scheidende Seele auch diejenigen erkennt, mit welchen sie wegen Gleichheit der Schuld oder der Belohnung an denselben Ort gewiesen werden soll. So hat der ehrwürdige Greis Eleutherius, von dem ich im vorigen Buch vieles erzählt habe,1 mitgeteilt, er habe in seinem Kloster einen leiblichen Bruder namens Johannes gehabt, der den Brüdern seinen Tod vierzehn Tage vorher ankündigte. Täglich zählte er die immer weniger werdenden Tage und wurde drei Tage vor seiner Abberufung aus diesem Leben fieberkrank. Als die Todesstunde kam, empfing er das Geheimnis des Leibes und Blutes unseres Herrn. Er ließ seine Brüder herbeirufen und bat sie, mit ihm die Psalmen zu singen, wobei er aber selbst die Antiphon angab mit den Worten: ?Tuet mir auf die Pforten der Gerechtigkeit, ich will hineingehen und dem Herrn danken; das ist die Pforte des Herrn: die Gerechten werden da hineingehen.?2 Während die Brüder vor ihm sangen, rief er plötzlich mit lauter und gedehnter Stimme: ?Ursus, komm!? Sobald er dies gesagt hatte, schied er vom Leibe und beschloß sein sterbliches Leben. Die Brüder waren erstaunt; denn sie wußten nicht zu deuten, was der sterbende Mitbruder gerufen hatte. Nach seinem Tode war große Trauer im Kloster. Vier Tage darauf aber war den Brüdern etwas nötig, und sie mußten nach einem weit entfernten Kloster schicken. Die Brüder, die sich dorthin begaben, trafen alle Mönche jenes Klosters gleichfalls in großer Traurigkeit an und [S. 233] sagten zu ihnen: ?Was habt ihr, daß ihr euch in solcher Trauer und Niedergeschlagenheit befindet?? Sie antworteten: ?Wir klagen so, weil dieser Ort nun ganz vereinsamt ist; denn vor vier Tagen ist ein Bruder, dessen Leben uns im Kloster zusammenhielt, aus dieser Welt gegangen.? Voll innerer Erregung fragten die angekommenen Brüder, wie er geheißen habe, und erhielten zur Antwort: Ursus. Hierauf erkundigten sie sich eingehend nach der Stunde seiner Abberufung und erfuhren, er sei in demselben Moment vom Leibe geschieden, in welchem er von Johannes, der bei ihnen starb, war gerufen worden. Daraus sieht man, daß beider Verdienst gleich groß war und daß ihnen beschieden wurde, an demselben Orte gemeinschaftlich zu leben, wie sie auch mitsammen vom Leibe schieden.

Ich will auch nicht verschweigen, was ich, als ich noch als Laie lebte und in dem Hause wohnte, das mir von meinem Vater als rechtmäßiges Erbe zufiel, über einige Nachbarn erfahren habe. Eine Witwe in meiner Nähe hieß Galla. Sie hatte einen Sohn namens Eumorphius; nicht weit von diesem entfernt wohnte ein gewisser Stephanus, der Unterbefehlshaber in einer Kohorte war. Da kam Eumorphius zum Sterben, rief seinen Diener und befahl ihm: ?Gehe geschwind und sage dem Unterbefehlshaber Stephanus, er solle schnell kommen; denn das Schiff ist bereit, mit welchem wir nach Sizilien fahren müssen.? Da der Diener meinte, er rede irr, und nicht gehen wollte, fing er an, heftig in ihn zu dringen, und sprach: ?Geh und richte ihm aus, was ich sage; denn ich rede nicht irre!? Der Diener ging also fort, um den Stephanus aufzusuchen. Auf dem halben Weg begegnete ihm ein anderer Diener, der ihn fragte: ?Wohin gehst du?? Er erwiderte ihm: ?Zum Unterbefehlshaber Stephanus bin ich von meinem Herrn geschickt worden.? Da sagte jener: ?Ich komme eben von ihm, soeben ist er vor meinen Augen gestorben.? Der Diener kehrte zu seinem Herrn Eumorphius zurück, fand ihn [S. 234] aber bereits tot. So konnte man, weil der Diener auf halbem Wege umkehrte und der andere ihm entgegenkam, aus dem zurückgelegten Wege abnehmen, daß beide im gleichen Augenblick abberufen worden waren. 3.4

Übergang zur Neuzeit

Auch aus der Zeit, im Übergang zur Neuzeit sind Totenbettvisionen bekannt.
Aus Theodor Richards Baselischen Geschichten von 1600-1670

Es ist ein Engel by mir gsin

In den Aufzeichnungen des im Toggenburg tätigen Pfarrers Theodor Richard findet sich der Bericht über den Tod eines Mannes, der "uf ein Zeit im bett gelegen" und - wohl in einem Traum - seinen Tod von einem Engel angekündigt bekommen habe. Er habe seine Frau geweckt und zu ihr gesagt: "O frauw was muß ich dir sagen, Ich muß sterben, es ist ein Engel by mir gsin, der hat gsagt im vierten (oder tritten tag) wan die sonnen gieng, das sie eins gleichs hoch an den spitzen der Dannen [Tannen, Anm. S.L.] sey ehe sie gar drüber kern werd [... ] [ich] sterben." Genau so sei es dann auch geschehen. 9.1 S.91

Erst unmittelbar vor ihrem Tod fand sie Ruhe

Als Martha Margaretha von Schönberg im Jahre 1703 im Sterben lag, wurde sie von ungeheuren Anfechtungen heimgesucht. Sie zweifelte an ihrem Heil, fürchtete sich vor der Hölle und klagte. Erst unmittelbar vor ihrem Tod fand sie Ruhe. Francke hielt für sie eine Leichenpredigt, in der er nichts beschönigte. Im Gegenteil: Die enormen Anfechtungen, die die Verstorbene erleiden musste, seien Zeichen eines besonderen göttlichen Gnadenerweises gewesen. Ulrike Witt führt dazu aus: «Während Buss- und Leidenskampf notwendige Schritte auf dem Weg zum Heil markierten, werde der "TodesKampff" [...] nicht allen Gläubigen gewährt. Nur wenige Sterbende seien von Gott auserwählt, diesen letzten und härtesten "Glaubenskampf" zu führen. Francke machte aus der Not der Anfechtung eine Tugend: je härter der Kampf im Vorfeld des Todes, desto strahlender der Sieg dessen, der standhaft geblieben ist. 9.1 S.125-126

Kersti


O7.B1 Kersti: Totenbettvisionen (Quellen hierzu)

Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.
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