erste Version: 1/2017
letzte Bearbeitung: 1/2017

Industrialisierung, Weimarer Republik und Drittes Reich: Thakars faszinierendes Abenteuer

F871.

Das zweite Problem war, daß er mir ziemlich schnell klar machte, daß er gar kein Kindermädchen sondern eine Gouvernante haben wollte

Vorgeschichte: F870. Kersti: D

Paisley, das englische Mädchen erzählt:
Als ich mit der Familie, die mich als Hausmädchen angestellt hatte, nach Indien zog, dachte ich, daß das bestimmt ein großes Abenteuer wird, weil ich mir immer gewünscht hatte fremde Länder kennenzulernen. Und wenn ich mit einem Jungen spielen und mit ihm zusammen die Hausaufgaben machen soll, so dachte ich mir, dann wäre das sicherlich nicht zu schwierig.

Ich kannte es ja, daß Jungen manchmal etwas rauher sind als Mädchen, doch mit den Straßenjungen, die mir als Kind begegnet waren, war immer ein Auskommen gewesen, auch wenn sie manchmal uns Mädchen ärgerten. Der Sohn meiner Herrschaft war zwar vier Jahre jünger als ich, so daß ich eigentlich stärker war, aber er war unerträglich. Er machte alles kaputt und dann wurde ich dafür bestraft. Wenn ich ihm das verbot, fing er erst richtig an. Wenn ich ihn zu erziehen versuchte, indem ich ihm dann eben keine Gefallen tat, befahlen mir die Herrschaften, doch zu tun, was er wollte. Außerdem kniff und trat er mich bei jeder Gelegenheit, zog mir an den Haaren und die Herrschaften erzählten mir nur, daran sei ich schuld, weil ich ihn nicht richtig erzogen hätte. Als wenn sie mich erziehen ließen! Ich begann das Kind zusehens zu hassen und sah mich bei den anderen Engländern nach einer neuen Stelle um. Irgendwann klaute der Junge ein langes scharfes Küchenmesser aus der Küche und wollte mit mir damit spielen er wäre ein indischer Räuber, der mich entführt. Ich sagte ihm, daß er das Messer wegtun soll, weil das zu gefährlich ist. Er weigerte sich. Ich packte ihn am Handgelenk und versuchte ihm das Messer aus der Hand zu winden, was mir nach einem Tritt zwischen seine Beine auch gelang. Dann warf ich das Messer zum Fenster heraus, verprügelte ihn nach Strich und Faden und erklärte ihm, daß ich das ganz bestimmt wieder tun würde, sollte er je wieder mit dem Messer auf mich losgehen. Außerdem drohte ich ihm noch viel mehr Prügel an, wenn er das seinen Eltern erzählt. Leider kam ich mit der Geschichte nicht durch, der Junge erzählte, ich hätte ihn mit dem Messer angefallen und ihn verprügelt und er hätte das Messer aus dem Fenster geschmissen und mich besiegt. Die Eltern glaubten ihm das, obwohl er dazu ganz offensichtlich nicht stark genug war, so verweichlicht wie er war. Kinder von reichen Leuten lernen nämlich nie, wie man richtig kämpft, während das bei armen Leuten durchaus auch die Mädchen lernen. Dummerweise hatte ich danach ein richtiges Problem, weil die Leute den Herrschaften glaubten und nicht mir. Sie jagten mich selbst in der Armenküche der Kirche weg. Eine ältere Hauslehrerin - eine der wenigen Bediensteten, die wie ich mit aus Europa gekommen waren, gab mir den Rat, in den Sikh-Tempel zu gehen, weil sie dort auch Essen für Arme anbieten.

Am zweiten oder dritten Tag sprach mich ein Mann, der seiner Kleidung nach eine Art Sikh-Soldat sein mußte, an und fragte mich was ich in dem Tempel suche. Er sprach ein eher schlechtes Englisch mit starkem Akzent aber man konnte ihn verstehen. Ich dachte zuerst, er ist die Polizei oder so und ich hätte irgendetwas Verbotenes getan, aber das war nicht der Fall. Tatsächlich war er der Leibwächter eines örtlichen Prinzen und suchte nach einem englischen Kindermädchen für seinen Schützling. Da ich ganz bestimmt keine besseren Möglichkeiten hatte und da er sehr verständnisvoll und freundlich wirkte, ließ ich mich darauf ein. Die Geschichte mit dem Messer habe ich so nicht erzählt, sondern zu einer einfachen Prügelei gemacht, weil ich mir dachte, daß ich das besser verharmlose, wenn ich mir nicht unnötige Probleme schaffen will.

Es war viel schwieriger, als ich mir das vorgestellt hatte, aber da konnte ich den Sikh-Herrschern, für die ich arbeitete und den Bediensteten, mit denen ich zusammenarbeitete, wirklich keinen Vorwurf machen. Im Gegenteil. Es war nur, daß wirklich alles bei ihnen anders gemacht wurde. Das Essen, was sie mir anboten, bekam ich anfangs einfach nicht herunter, weil es nicht wie Essen schmeckte. Sie bemühten sich sehr, etwas zu finden, was ich mag, aber es war einfach alles viel zu fremdartig und ich brauchte Jahre, um mich daran zu gewöhnen. Selbst wenn es um so einfache Dinge ging wie Haare kämmen und ein Kleid anziehen, machten sie alles anders. Die Räume rochen anders, ein Bett war kein richtiges Bett, man tat vor dem Frühstück andere Dinge, als ich sie aus Europa gewöhnt war, man frühstückte anders, man machte jeden Handgriff anders, niemand verstand mich, wenn ich mit den Leuten zu reden versuchte und irgendwann war ich regelmäßig so genervt, daß ich entweder in Tränen ausbrach oder jemanden anbrüllte, der überhaupt nichts Schlimmes gemacht hatte, nichts jedenfalls, außer ein ganz normaler Einheimischer zu sein, der sich für seinesgleichen sehr verständnisvoll und freundlich verhielt. Die Leute hatten Geduld mit mir, sie verstanden, daß es schwierig ist, plötzlich in eine fremde Kultur geworfen zu werden und statt zurückzubrüllen, trösteten sie mich und bestanden darauf, daß ich mir weiter Mühe gebe. Der alte Leibwächter, der einen steifen Arm hatte, sorgte dafür daß ich die Kammer, die mir zugewiesen worden war, näherungsweise europäisch einrichten konnte, weil er meinte, ich bräuchte einen vertraut aussehenden Ort, in den ich mich zurückziehen konnte.

Das zweite Problem war, daß er mir ziemlich schnell klar machte, daß er gar kein Kindermädchen sondern eine Gouvernante haben wollte, die die Kinder der herrschaftlichen Familie in Englisch, christlicher Religion, europäischer Geschichte, europäischen Sitten und überhaupt in allem unterrichtete, was Europa ausmacht. Ich hatte gerade vier Jahre Grundschule, aber das beeindruckte ihn nicht.
"Du bist ein kluges Mädchen. Besorg dir Bücher, bilde dich fort und bring den Kindern das bei." erklärte er mir.
Ich fühlte mich ziemlich überfordert, während ich Kinder, von denen die ältesten etwa in meinem Alter waren, täglich zwei Stunden unterrichtete, aber er bestand darauf, daß ich weitermachte. Obwohl sie mich anfangs nicht so recht ernst nahmen, weil ich ja nicht älter war als die Prinzen, Prinzessinnen und deren Freunde und Freundinnen war, lief es ganz gut, weil die Leibwächter die Jungen und Mädchen zurechtwiesen, wenn sie nicht mitmachten und jemand, der so etwas wie ein Lehrer für Etikette war, darauf achtete, daß sie sich mir gegenüber benahmen. Er erklärte mir auch, wie ich mich geschickter durchsetzen konnte und mit welchen Tricks man unwillige Schüler zur Mitarbeit animiert. Dieser Lehrer bestand aber auch darauf, daß ich lernte, mich wie eine indische Lady zu benehmen. Schließlich müßte ich das für offizielle Gelegenheiten können.

Ich sollte auch europäische Bücher für die Bibliothek des Hofes kaufen. Es sollten sowohl die nötigen Schulbücher sein, als auch Bücher, die Kindern und Jugendlichen in meinem Alter einfach gefallen würden und von dem Alltag europäischer Menschen handeln. Abends sollte ich immer eine Geschichte vorlesen. Und natürlich mußte ich mehr solche Bücher lesen als meine Schüler, sonst hätte ich nicht genug gewußt, um ihnen einen sinnvollen Unterricht geben zu können. Und als wär das nicht genug, bestand mein Herr darauf, daß ich, wenn mein kleiner Schützling, der zehn Jahre jünger war als ich, darin Unterricht erhielt, auch die hiesige Schrift und Sprache lernte. Ehrlich gesagt, war ich manchmal auch eine unwillige Schülerin, die sich genauso zickig benehmen konnte, wie die Prinzen und Prinzessinnen. Der Privaltlehrer des Prinzen ließ mir nichts durchgehen, erwartete aber nicht von mir, daß ich vernünftiger war, als gleichaltrige Prinzessinnen, sondern nahm meinen jugendlichen Übermut als das, was er war.

Ich hörte irgendwann mal ein Gespräch mit, in dem der Bruder des Königs sich mit dem Leibwächter des Prinzen darüber unterhielt, daß man von einem Mädchen, dem man die Pflichten einer Erwachsenen überträgt, nicht erwarten könne, daß sie das dann genauso gut schaffen kann, wie ein Erwachsener und daß es ja nur natürlich wäre, wenn sie sich manchmal eben so verhält, wie das Jugendliche nun einmal tun. Das sagten sie natürlich nicht zu mir, sondern mir erklärten sie, ich würde als Gouvernante bezahlt, also müßte ich auch diese Pflichten erfüllen. Insgesamt dachte ich mir, daß ich es ganz gut getroffen hatte, weil sie mich, so lange ich kein Verbrechen begehe, nicht vor die Tür setzen und auch nichts Unmögliches von mir verlangen würden.

Außerdem lese ich gerne und sollte ich mir jemals eine andere Stelle suchen wollen, hätte ich dann jahrelang als Gouvernante für einen König gearbeitet und diverse verschiedene indische Sprachen gelernt. Man muß so etwas nur richtig darstellen, dann findet man jemanden, der das gut findet.

Kersti

Fortsetzung:
F813. Kersti: Aber ich brauchte doch auch einen Platz wo es Frieden gab und nicht lauter fremde Schmerzen

Quelle

Erinnerung an ein eigenes früheres Leben.
V12. Kersti: Hauptfehlerquellen bei Erinnerungen an frühere Leben

EGI. Kersti: Erinnerungen aus diesem Leben, aus früheren Leben und aus feinstofflichen Welten
V231. Kersti: Frühere Leben von mir
FI23. Kersti: Inhalt: Thakars faszinierendes Abenteuer

Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, https://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
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