F24.

Sepuku

Da der Herr mich hatte rufen lassen, betrat ich den Raum, in dem er mich erwartete.
"Schön daß du kommst, Gariko. Diesmal habe ich einen besonders hübschen Auftrag für dich." sagte der Herr in einem süffisanten, schmierigen Tonfall zu mir.
Das ließ bei mir sämtliche Alarmglocken schrillen.
"Womit kann ich euch dienen, Herr?" fragte ich freundlich.
Hätte ich gezeigt, daß ich beunruhigt war, hätte er seine Antwort ewig herausgezögert.
"Diesmal wirst du Selbstmord begehen."
Einige Sekunden starrte ich ihn schockiert an. Im Grunde hatte ich damit gerechnet. Er hatte es nie ausstehen können, daß ich ihm jede seiner Grausamkeiten ausreden wollte. Gelegentlich war mir das gelungen, indem ich es ihm befohlen habe, als wäre ich immer noch sein Lehrer wie früher als er noch ein Junge war. Deshalb war ich am Hof geblieben. Niemand sonst hatte den Mut und die Autorität dazu. Leider gab es jetzt keine Möglichkeit mehr zu fliehen. Zu viele Männer des Königs waren im Raum - und sie hätten mich nie gehen lassen. Gewaltsam brachte ich meine Gefühle unter Kontrolle und sagte:
"Sehr wohl, Herr. Wann wünscht ihr, daß ich das tue?"

Der König fühlte sich betrogen, als er diese so selbstverständlich dahingesprochene Antwort bekam. *Es ist ihm egal!* glaubte er empört. Dabei hatte er so lange überlegt, bis ihm endlich etwas einfiel, was den alten Krieger garantiert von seinem völlig unangebrachten Hochmut abbringen würde. Er hatte immer widersprochen - und das durfte er doch nicht! *Ich bin der König und er muß mir doch gehorchen! Und er tut, als wäre er immer noch mein Lehrer wie früher.* Der König überlegte, wie er seinen alten Lehrer für diese Unverschämtheit bestrafen könnte.

"Jetzt sofort." antwortete der König.
"Wie ihr wünscht." antwortete ich höflich.
Ich drehte mich zu meinem alten Vater um, lächelte ihm zu und sagte:
"Auf wiedersehen. Und grüß die Familie schön von mir."
Er war leichenblaß geworden.
"Ich habe dir gesagt, daß es so enden wird." sagte er.
"Ja. Ich weiß. Aber ich hätte nicht tatenlos zusehen mögen."
Immer noch lächelte ich ihm zu. Mir tat das Herz weh, bei dem Schmerz, den ich in seinen Augen sah. Wenn ich ihm nicht sagte, daß ich meine Entscheidung selbst im Angesicht des Todes noch für richtig hielt, würde er sich für den Rest seines Lebens Vorwürfe machen. Da meine Frau nicht hier war, konnte ich sie nicht trösten.

Meinem besten Freund lächelte ich nur zu. Hätte ich mit ihm geredet, hätte der König ihm auch den Todesbefehl gegeben.

Dann drehte ich mich zu meinem Herrn um und sagte:
"Ich bin bereit."
"Wer soll dein Sekundant sein?" fragte er.
"Du." antwortete ich.
Keiner meiner Freunde sollte mit dem Gefühl leben, mein Blut an seinen Händen zu haben.
"Gut." antwortete er.
"Knie nieder."
Ich gehorchte. Ein Diener reichte mir ein Tablett mit Schreibutensilien. Ich finde dieses Zeremoniell albern. Wozu soll es gut sein, daß ich als letztes in meinem Leben ein Gedicht schreibe? Protest dagegen hätte zu einen Streit führen können, der meine Selbstbeherrschung ins Wanken gebracht hätte. Also nahm ich das Material, rührte die Farbe an und schrieb nach einem Augenblick der Versenkung:
"Die Friedensblume blüht,
wo niemand sie zertritt."
Ich malte die Blume, die mein Zeichen ist, daneben, streute Sand darüber, um die überflüssige Tinte abzusaugen, blies es trocken, rollte das Blatt zusammen und schaute dann auf. Dabei sah ich direkt in die Augen meines besten Freundes. Ich lächelte ihm zu, gab ihm das Papier in die Hand und befahl:
"Bring das meiner Frau."
Der Diener brachte das Schreibzeug wieder weg.

Still beobachtete ich, wie der König aufstand und das Schwert über den Kopf hob. Dann zog ich das Messer aus dem Schwertgriff, machte mich auf die Schmerzen gefaßt und setzte seitlich am Bauch an. Ich mußte tief schneiden, um die großen Adern hinten im Bauchraum mit zu erwischen. Sonst kann es Stunden dauern, bis man tot ist. Ich stach zu und zog das Messer quer durch. Zuerst spürte ich nichts. Ich atmete erleichtert ein. Dann erst setzte der Schmerz ein. Eine Flüssigkeit spritze von innen gegen die Wunde - also hatte ich es geschafft.

Sorgfältig putzte ich das Messer ab und steckte es weg. Das war die beste Ablenkung von den Schmerzen, die ich zu Hand hatte. Dann erst fragte ich mich, warum der Herr mich noch nicht getötet hatte, um mir unnötige Schmerzen zu ersparen. Neugierig schaute ich auf. Ich erstarrte in fassungsloser Wut, als ich sah, daß er das Schwert einfach wieder weggesteckt hatte und mich nun mit boshaftem Grinsen beobachtete. Da setzte es bei mir aus. Ich hob den Kopf, sah ihm gerade in die Augen und dachte zornig:
*DU SOLLST WISSEN, WAS DU GETAN HAST.*

Der König konnte sich nicht abwenden. Er erwiderte meinen zornigen Blick, wie ein Kaninchen, das eine Schlange sieht, zitterte wie Espenlaub unter meiner Wut, den Schmerzen, die ich in seinen Geist übertrug und wurde schneeweiß vor Angst. Erst als mein Körper tot in sich zusammensank und der Blick meiner Augen brach, drehte er sich um und rannte wie von tausend Dämonen gehetzt zu Tamao dem Hofmagier.
"Rette mich! Gariko hat mich verhext!" flehte er das durch seine Foltern verkrüppelte Männchen an und setzte dann eine etwas verunglückte Drohung hinterher: "oder ich bringe dich um."
Die Drohung allerdings verfehlte ihre Wirkung nicht.

Tamao war sehr hochmütiger Mensch, der auf Befehl des Königs einmal versuchte, mich zu verhexen. Er wußte nicht, wie mächtig ich in der geistigen Welt bin. Ich hatte mich in jenem Leben nie für Magie interessiert. Er war immerhin gut genug als Magier, daß es mir nicht vollständig gelungen ist, ihm vor dem Rückschlag seines Zaubers zu bewahren. Das hätte ihn beinahe umgebracht - Mordzauber sind gefährlich, BESONDERS für ihre Urheber. Daß der König ihn für seinen Mißerfolg auch noch monatelang foltern ließ, brach den Willen des Magiers endgültig.

Jetzt wagte er sich nur deshalb in die geistige Welt, weil er vor den Foltern des Königs noch mehr Angst hatte, als davor, mir wieder in der geistigen Welt zu begegnen.

Nachdem ich meinen toten Körper verlassen hatte, war ich dem König erschrocken über die Wirkung meines wütenden Gedanken gefolgt. Mir wurde im Augenblick meines Todes bewußt: ich hätte ihm nie meine Schmerzen aufzwingen dürfen.

Als Tamao die geistige Welt betrat sprach ich ihn sofort an.
"Grüß dich Tamao. Womit kann ich dir dienen?"
Meine Freundlichkeit überraschte ihn.
"Aber der Herr hat dich gerade umgebracht..." meinte er.
"Ja."
Ich gab ihm die Erinnerungen an die letzten Minuten meines Lebens. Er schaute es an und meinte niedergeschlagen:
"Du mußt ihn hassen."
"Nein. Ich hätte nicht gedacht, daß er so empfindlich ist. Schließlich habe ich ihn nur die Schmerzen miterleben lassen, die ich durch seinen Befehl in echt erleiden mußte." erklärte ich.
"Bitte - du mußt mir helfen. Wenn ich ihn nicht heile, bringt er mich um!"
"Gut - ich helfe dir. Du kannst ihm ja erzählen, du hättest mich dazu gezwungen." antwortete ich lächelnd.
Ich wußte, die Wahrheit, daß ich ihm freiwillig half, hätte er nie zugegeben.

Mein Herr war ein grausamer König gewesen - aber altes Unrecht kann man nicht aus der Welt schaffen, indem man neues Unrecht tut. Aus der Welt schaffen kann man die Neigung Unrecht zu tun nur, indem man bereit ist, Unrecht zu erdulden ohne Rache zu üben.

Kersti

Quelle: Erinnerungen an eigene frühere Leben


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