FC: Drachen / Damit Drachen leben k”nnen

 

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Trügerische Ruhe

Ich saß in meinem Zimmer und beantwortete am Computer einen Brief. Es war ein Abschiedsbrief an meinen jüngsten Bruder, der einzige aus meiner Familie, dem ich Vertrauen entgegenbrachte. Ich brachte es nicht fertig, meine Eltern zu hassen für all das, was sie mir in meiner Kindheit angetan hatten - aber ich war heilfroh aus ihrer Macht entronnen zu sein, als ich sechzehn war und die Drachen mich fragten, ob ich nicht Drachenreiter werden wolle. Gleich bei der ersten Gegenüberstellung wurde ich dann von dem frisch geschlüpften Khaer erwählt. Und damit war für mich die Gefahr gebannt, daß mich ihre Schläge einmal statt nur ins Krankenhaus zu führen ins Grab bringen könnten.

Alles schien heute friedlich - und doch wußte ich, daß es ein trügerischer Frieden war. Die menschliche Flotte hatte den Drachenplaneten angegriffen. Und wenn sie siegten, würde höchstwahrscheinlich kein oder fast kein Drache und keiner oder fast keiner von uns Drachenreitern überleben. Es gab zwar eine Verteidigungsflotte - die von zum Drachenreich gehörigen menschlichen Kriegern und teils menschlichen teils löwenartigen Offizieren gebildet wurde - doch sie waren, so tapfer sie auch kämpften, viel zu wenige, um den Angreifern auf Dauer stand zu halten. Der höchste Offizier war ein Mensch. Der erste Mensch, der jemals eine so hohe Position im Drachenreich errungen hatte, wo das Heer früher ausschließlich von den Löwen gebildet und jetzt überwiegend von den Löwen befehligt wurde. Vor ein paar Tagen, hatten wir die Meldung erhalten, daß nicht genug Schiffe in Verteidigungsreichweite waren, um die Invasion zu verhindern.

Die Löwen waren einmal viel mehr gewesen - doch sie hatten zu viele Schlachten verloren und zu viele von ihnen waren in Kämpfen gegen eine Übermacht gefallen. Sie waren bewundernswerte Kämpfer, klug, ehrenhaft und stolz. Aber ihre Feinde aus dem menschlichen Reich waren ihnen mengenmäßig hundert zu eins überlegen. Die menschlichen Kämpfer dagegen waren im Drachenreich großgewordene Enkel von gefangenen Menschen.

Ich tastete mit meinem Geist nach draußen zu meinem Drachen und spürte seinen gelassenen Frieden. Er lag in der Sonne und genoß ihr lebensspendendes Licht.

Dann plötzlich schlug die Stimmung um. Panik lag in der Luft. Ich hörte rennende Schritte. Sofort stürmte ich hinaus und schaute, wer da rannte. Es war Gorith. Sein Gesicht war übel verbrannt. Das Fleisch an seinen Schultern hing in großen Fetzen herunter.
"Was ist geschehen?"
Er reagierte nicht rannte nur einfach weiter... aber so, als wolle er vor irgendetwas davonlaufen, nicht so, als hätte er ein Ziel. Ich packte ihn an der gesunden Seite - er wehrte sich heftig - ich gab ihm eine Ohrfeige, um ihn zur Besinnung zu bringen.
"Was ist geschehen?"
Er starrte mich nur mit großen, leeren Augen an. Ich winkte ein Mädchen herbei, das fassungslos herumstand und befahl ihr barsch, sich um die Wunden zu kümmern. Sie starrte mich immer noch an. Ich gab ihr ebenfalls eine Ohrfeige, wiederholte meinen Befehl, ging an den Verbandskasten und reichte ihr das Zeug. Sie nahm es entgegen und sah mich immer noch nur an.
"Geh!" befahl ich scharf "Du weißt wie man sich um Wunden kümmert. Tu deine Arbeit."
Sie würde es besser machen, als ich es konnte. Sie war in der Ausbildung als Krankenschwester gewesen, bevor sie hierherkam. Sie gehorchte. Endlich konnte ich raus und fragen, was los war.

Vor der Tür unseres Hauses stand ein zehn Meter großer Drache. Nicht meiner, Goriths. Er versperrte mir mit vor Zorn rotglühenden Augen drohend den Weg und befahl mir, mich um Gorith zu kümmern.
"Das tut Dania. Und du nimmst dich jetzt zusammen und beherrscht deine Gefühle. Gorith ist im Augenblick nicht einmal ansprechbar wegen deines Zorns." befahl ich mit der Autorität eines Menschen, der es gewohnt ist, Drachen die Meinung zu sagen.
Der Zorn schlug in ein jämmerliches Weinen um, was natürlich um keinen Deut hilfreicher war.
"Gor. Beherrsche deine Gefühle." ich ging in mich und schuf ein Feld von Ruhe und Frieden in mir.
"Gor." wiederholte ich beschwörend und blickte ihm in seine riesigen Augen.
Gor wimmerte.
"Gor."
Irgendwie bekam er sich weit genug unter Kontrolle, um seinen Geist mir zu öffnen und mich zu fragen, was ich von ihm wolle.
*Einen Bericht.* dachte ich ihm zu.
Er übergab meinem Geist ein strukturiertes Etwas, das die Ereignisse zusammenfaßte. Ein Gedankenkristall.

Eines der feindlichen Raumschiffe war gelandet. Menschen waren ausgestiegen, hatten wild in die Menschenmenge im Theater geschossen, wo Gorith eine Vorstellung besucht hatte und die meisten Menschen dort getötet. Gor hatte sämtliche Sicherheitsvorschriften außer Acht gelassen, war dicht über den Angreifern hinweggeflogen und hatte Gorith aus der Menge gefischt und hierhergebracht. Drachen durften nach ihren eigenen Gesetzen nicht so nahe an Menschenmengen, damit sie niemanden verletzten - und es ist mir ein absolutes Rätsel, warum das Raumschiff ihn nicht mit seinen Geschützen abgeschossen hat. Er hätte gebrannt wie eine Fackel, wenn sie ihn getroffen hätten. Mehr Informationen enthielt der Kristall nicht - und das war extrem ungewöhnlich für den Gedanken eines Drachen. Gor mußte vollständig den Kopf verloren haben. Aber was sollte man auch erwarten, er war ja noch ein Kind. Ich dachte ihm beruhigend zu, daß Gorith seine Verletzungen überleben würde. Dann ging ich an den Rand des Abhanges. Unten lag Khaer. Mein Drache. Er war schon etwa 50 Meter lang.

Khaer schaute zu mir auf. Seine grünen Augen glitzerten in der warmen Mittagssonne und er machte keine Anstalten sein Sonnenbad zu beenden. Ich fragte ihn, was geschehen sei.

*Ein einzelner Ausreißer. Die Verteidigungslinie steht noch.*

Der ergänzende Gedankenkristall war so kompliziert, daß ich nicht einmal die Hälfte verstand. Telepathie mit Drachen ist manchmal frustrierend. Man muß sie ständig bitten, alles einfacher zu formulieren, damit man weiß, was sie meinen. Diesmal ließ ich es bleiben, denn gottseidank war ich nur ein Drachenreiter und nicht der Oberbefehlshaber der Verteidigungsflotte. An den grundlegenden Tatsachen dürfte sich kaum etwas geändert haben:
Die Situation war hoffnungslos und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Planet durch die menschliche Flotte erobert würde. Dann fangen sie die Drachen, ziehen ihnen bei lebendigen Leibe die Haut ab und verkaufen sie als Fluggeräte, denn Drachenhaut ist leichter als Luft. Und die sterbenden hautlosen Drachen werden gefoltert, um Informationen aus ihnen herauszuquetschen.

Und Drachenreiter ... als Reiter kann man es überleben, aber man wird für den Rest seines Lebens nur als halber Mensch betrachtet. Jemand der die Menschheit an die Drachen verrät - also vollkommener Schwachsinn. Wir haben niemanden verraten.

Ein riesiger Drache kam mit ausgebreiteten Flügeln auf uns zu - seine Augen loderten rot vor Zorn. Es war die Mutter unserer Drachen.
*Wo ist Gorith?* schlug sie mich mit einem zornigen Gedanken beinahe zu Boden.
Ich schloß meinen Geist und befahl ihr, sich zu fassen. Mit Daumen und Zeigefinger faßte sie mich in der Mitte und hob ich hoch - ich war kleiner als ihr Finger. Sie betrachtete mich wie ein lästiges kleines Insekt, und schien sich ernstlich zu überlegen, ob sie mich nicht zerquetschen wollte. Ehrlich gesagt, war ich überrascht, daß sie es in ihrem Zorn nicht längst getan hatte. Immerhin hatte ihr Kind sich für einen Menschen, den sie nicht höher achtete als ein Insekt, in Lebensgefahr begeben.

Von der Art her war sie ein Insekt - fast jedenfalls - und ich ein Säugetier... Kalt erwiderte ich ihren Blick und befahl ihr erneut, sich zu fassen, bevor sie mit ihrem verstörten Sohn rede.
*Außerdem solltest du ihn am Leben lassen. Wenn jemand Gor retten kann, dann ihr Reiter.*
Ihre Reaktion - ein geistiges Zusammenzucken - verriet mir, daß ich ihre Absichten richtig erraten hatte. Ich ließ ihr einen Gedankenkristall zukommen, in dem ein Drachenreiter im Menschenreich als Wärter seines Drachen auftrat und er als Reittier vermietet wurde.
In ihr erwachte ein wilder hilfloser Zorn und Kummer. Und die Frage, ob ein solches Leben es wert sei, gelebt zu werden.
*Kannst du ihm ein besseres bieten?* fragte ich.
Noch mehr Kummer. Der Wunsch, nicht über die aussichtslose Zukunft nachdenken zu müssen.
*Es ist es wert, gelebt zu werden. Wir Menschen sind hier doch auch nur Sklaven und dennoch wiegt die Liebe zu einem Drachen so schwer, daß es all das aufwiegt.* dachte ich ihr sanft zu.
Zum ersten mal in meinem Leben spürte ich das Gedankenweinen eines ausgewachsenen Drachen. Ich versuchte ihr Trost zukommen zu lassen.

Ich mußte noch eine Weile warten, bis sie mich schließlich u nverrichteter Dinge heile absetzte und voller Niedergeschlagenheit ging. Mit einer sehr menschlich wirkenden Geste beugte sie sich über ihren Sohn Khaer und berührte sacht seinen Kopf. Ich fragte mich, warum Khaer als einziger der Drachenfamilie so ruhig und gelassen blieb. Warum er so ruhig wie immer in der Sonne liegen und seine Energien wieder aufladen konnte, während alle anderen Drachen gereizt bis zum Gehtnichtmehr waren, seit sie begriffen hatten, daß es für sie keine Chance gibt. Alle Drachenreiter kannten den Plan, den ich eben der Drachenmutter mitgeteilt hatte. Der erste Drachenreiter schon hatte ihn gefaßt und ihm jeden, der einen Drachen ritt, ans Herz gelegt. Doch hätten die Drachen davon erfahren - die Erwachsenen - wären sie wütend geworden. In normalen Zeiten jedenfalls.

Jetzt wo ihnen die Aussichtslosigkeit der Lage bewußt wurde, konnte man es erzählen, ohne gleich wegen Meuterei erschlagen zu werden. Ich würde meinem Drachen ja wirklich nicht gerade ein Leben als Zootier wünschen - aber es ist schon so, daß ich das lieber erleben will, als zusehen zu müssen, wie er bei lebendigem Leibe gehäutet wird.

Kersti


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