erste Version: 8/2019
letzte Bearbeitung: 12/2019

Chronik des Aufstiegs: Inhalt: Wanderung von Holzhausen nach Fröndenberg an der Ruhr (28.7.2019-18.8.2019)

F1410.

Der weinende Heilige und Tiuvals Herzenswunde

Vorgeschichte: A168. Kersti: Erzengel die nicht in den langweiligen Himmel wollen und Menschen die, wie man Akasha-Chronik-Anschluß erkennen kann, Bäume sind

Kersti erzählt:
Nachdem ich beim Edersee oben im Wald übernachtet habe, wandere ich zunächst runter ans Ufer des Edersees, wo im Augenblick vom See nichts zu sehen ist weil der Wasserstand zu niedrig ist. Dort hat ein Mann einen Kleinbus stehen von dem aus er Kaffee und Kuchen verkauft und Unterschriften sammelt, um weiter den Zeltplatz betreiben zu können, der sich angeblich nicht lohnt, weil man ihm verboten hatte Buchungen anzunehmen. Der wirkliche Grund dafür war, daß sie an dieser Stelle gerne ein Baumhaushotel gebaut hätten. Ich bleibe etwas länger da, um mich mit ihm zu unterhalten, wasche meine Wäsche und gehe schließlich nach einer sehr ausgedehnten Pause weiter.

Ich wandere dann vom Ende des Edersees rüber ins Orketal. Während der Wanderung meldete sich immer wieder eine innere Stimme, die wiederholt sagte, sie hätten ihn kastriert. Ich schlafe in der Nacht von Sonntag den 4.8. auf Montag den 5.8. nahe Schloß Reckenberg. Abends widme ich dieser Stimme meine Aufmerksamkeit und bekomme eine Erinnerung herein.

Dabei werde ich abends durch Wildschweine gestört, die mir so nahe kommen, daß ich sie laut anspreche, damit sie wissen, daß ich da bin, bevor sie mir so nahe kommen, daß es sie richtig erschrecken könnte. Sonst könnten sie regelrecht über mich stolpern und mich erst dann bemerken und dann denken sie vielleicht:
"Ein Monster mitten zwischen meinen Kindern! Ich muß sie verteidigen!"
Besonders zu beeindrucken scheint sie meine Worte nicht, so daß ich mich frage, ob sie denn nicht glauben, daß ich ein Mensch bin oder was. Aber sie entfernen sich nach und nach gemütlich wieder.

Wildschweine sind tatsächlich durchaus gefährliche Tiere, von denen in alten Geschichten, wo man noch mit Sauspießen gejagt hatte, die meisten tödlichen Jagsunfälle handeln.

Gefährliche Wildschweine

Ein Bekannter hat mir einmal eine Geschichte erzählt, die er von dem bei ihm im Westerwald örtlichen Förster hatte. Ein Bauer war mit seimem Auto einen Waldweg entlanggefahren und dabei auf Wildschweine gestoßen, die einfach nicht vom Weg runtergingen. Er fuhr bis auf zwei Meter an sie heran und stieg dann, als sie sich nicht rührten aus, um sie wegzujagen. Die Wildschweine griffen an, so daß er zurück ins Auto floh, das sie demolierten. Er rief dann mit dem Händy den Förster zu Hilfe, der die Schweine schließlich mit dem Gewehr verjagte, so daß der Bauer endlich weiterfahren konnte.

Eine andere Geschichte habe ich von Bekannten erfahren und sie spielt bei mir Zuhause im Reinhardswald. Es ist unbekannt, woran das lag. Ich vermute, daß eine der Bachen der Rotte vom Auto überfahren wurde. Jedenfalls haben die Wildschweine ohne erkennbaren Grund Autos angegriffen und demoliert.

Ich kehre wieder zu meinen Thema mit dem Kastrierten zurück, um die Geschichte zu vervollständigen.
Mittelalter und frühe Neuzeit:

Der weinende Heilige

Der weinende Heilige erzählt:
Viele Leute drücken mich zu Boden, fesseln mich, so daß ich alle viere von mir gestreckt auf dem Rücken liege. Ich weiß nicht, was plötzlich in sie gefahren ist. Sie schneiden mir Penis und Hoden ab und lassen mich gefesselt da außerhalb des Ortes zurück. Am nächsten Tag kommen sie wieder, pinkeln auf mich, dasselbe machen sie mindestens eine Woche lang. Ich ekele mich und bin entsetzt daß meine Freunde und Nachbarn aus dem Dorf, in dem ich lebe, sich plötzlich in so etwas verwandelt haben.

Irgendwann des nachts kommt ein kleiner Junge mit einem Messer und schneidet mich los.

Ich stehe auf und frage mich, was ich jetzt tun soll. In diesem Dorf kann ich einfach nicht mehr leben, das wäre mir unerträglich. Diese Leute wiederzusehen, würde mir täglich vor Augen halten, daß scheinbar anständige Menschen sich plötzlich in grausame Monster verwandeln können, die mich ohne jeden verständlichen Grund foltern und erniedrigen wollen. Ich fühle einen unerträglichen Seelenschmerz, wenn ich daran denke.

Ich gehe erst einmal zum Fluß, um mich zu waschen. Schwimme ein Stück flußabwärts, dann wieder an Land und folge den Fußweg zu unserer Hintertür. Dort gehe ich ins Haus, um mir meine Sachen zu holen. Zuerst hole ich mir etwas anzuziehen und das Geld, dann denke ich, ich muß mit meiner Frau reden. Ich wecke also meine Frau und sage ihr, daß ich gehen werde. Dabei fällt mir auf, daß sie einiges von dem Geld braucht, um die Steuern zu zahlen. Ich sage ihr, sie solle tun, als wäre ich tot und sich einen anderen Mann suchen und gut auf meine Tochter aufpassen. Außerdem soll sie das Fohlen vom letzten Jahr behalten um wieder zwei Pferde für die Feldarbeit zzu haben.

Dann sattele ich das Pferd und reite fort. Unterwegs will mich ein Räuber anhalten. Ich sage ihm, daß ich ihm von dem Versuch abraten würde. Ich hätte gerade so viel verloren, daß ich nicht bereit sei, noch einen Zentimeter in was auch immer nachzugeben. Er läßt mich passieren.

Etwas später begegnet mir ein Mann, der ganz erbärmlich hinkt. Ich kann mir das nicht mitansehen, also biete ich ihm an, auf mein Pferd zu steigen. Er scheint damit nicht ganz einverstanden zu sein und fragt mich, was ich denn machen würde, wenn er böse wäre und mir das Pferd klauen würde. Mir kam das absurd vor, denn mein Pferd würde ihm schlicht nicht gehorchen, wenn er das versucht. Es hatte schon ganz andere Reiter abgeworfen und Leuten, die mit ihm un meiner Kutsche hatten wegfahren wollen schlicht nicht gehorcht. Ich bestehe darauf, daß er aufsteigt und gehe neben dem Pferd her. Er erklärt mir daraufhin, daß er wirklich böse wäre. Ich sagte ihm, daß er dann aber zum Kloster gehen sollte, dort beichten und eine neue Orientierung im Leben suchen solle. Während ich ihn dazu zu überreden versuchte, wurde mir bewußt, daß ich auch eine neue Orientierung in meinem Leben suchen mußte und daß es deshalb auch für mich sicherlich ein guter Gedanke wäre, zum Kloster zu gehen.

Wir gehen also dorthin. Ich klopfe an die Klosterpforte, ein Mann öffnet und sagt mit einem Blick auf mich:
"Da ist ja der, der Gretel vergewaltigt und ermordet hat."
Ich erstarre wie vom Blitz getroffen und beginne dann haltlos zu weinen. Ich versuche zu erklären, daß ich so etwas nicht einmal denken, geschweige denn tun würde. Und wie Menschen, die mich ein ganzes Leben lang kennen, dazu kommen könnten, mir etwas so Unfaßliches zu unterstellen und mich zu kastrieren ohne mir überhaupt zuzuhören oder mir zu verraten, was mir vorgeworfen wird, war mir erst recht unverständlich. Inzwischen waren weitere Mönche an der Klosterpforte aufgetaucht. Sie glaubten mir nicht und führten ein regelrechtes Kreuzverhör mit mir.

Der hinkende Mann neben mir, der zuerst nur zugehört hatte, mischt sich, nachdem er zunehmend unruhig geworden ist ein und sagt:
"Ich weiß genau, daß er das nicht war, denn ich bin der Mörder."
Ich sehe ihn wie vom Donner gerührt an.
"Ihr dürft mit mir tun, was ihr wollt, aber ihm dürft ihr nicht bestrafen. Er ist der einzige Mensch in meinem ganzen Leben, der je freundlich zu mir war. Er ist ganz bestimmt ein Heiliger." fuhr der Mörder fort.
Ich konnte es nicht fassen. Was für ein Leben mußte dieser Mensch gelebt haben, daß eine solch alltägliche Freundlichkeit für ihn so einmalig ist, daß er einen Menschen gleich für heilig erklärt? Und außerdem bereit ist die Strafe eines Mörder zu akzeptieren, nur damit mir nichts passiert. Kann man einen solchen Menschen wirklich als Böse sehen, wie er sich selbst sieht?

Mit diesen Worten hat der Mörder die Mönche für geraume Zeit zum Schweigen gebracht. Dann fragten sie zuerst mich und dann den Mörder nach seiner Geschichte, die wir beide erzählen. Ich erfahre, daß er als Kind von einer Hure geboren wurde, die ihn, wenn sie Kunden hatte, immer in einem dunklen Schrank versteckt hatte. Wenn er geweint hatte, bekam er Schläge und wurde als fünfjähriger vor die Tür gesetzt, er sei jetzt alt genug um für sich selbst zu sorgen. Er war nicht nur zu jung, um das wirklich erfolgreich zu tun, im Gegensatz zu einem armen Bauernkind hatte er auch keine Arbeit gelernt, mit der er sich etwas hätte verdienen können. Daher lebe er von da ab als Straßenkind von kleineren und größeren Diebstählen und schloß sich als Jugendlicher einer Räuberbande an. Er hätte dann gemacht, was Räuber gewöhnlich tun, von Diebstählen gelebt und dabei wäre es halt auch zu Auseinandersetzungen gekommen. Weil er nicht immer derjenige sein wollte, der die Schläge bekommt, hätte er sich gewehrt und dabei auch den ein oder anderen Räuber getötet und wenn sich die Opfer der Raubüberfälle zu heftig gewehrt hätten, hätte das eben auch damit enden können, daß sie dann tot wären, das wäre aber nicht weil er etwas gegen sie gehabt hätte, sondern eben weil sie sich gewehrt hätten obwohl er doch nur etwas zu essen und Sex hätte haben wollen.

Ich fragte ihn, ober denn nicht darauf geachtet hat, daß die Frauen mit denen er Sex haben will auch freiwillig mitmachen und Spaß daran haben.
"Wieso? - Sex macht doch immer Spaß."
"Nein. Die meisten Frauen finden es nur ekelig wenn sie dazu gezwungen werden und manche finden es so schlimm, daß sie sich nachher umbringen."
"Mutti hat gesagt, daß Sex Männern Spaß macht und sie hat das mit mir gemacht, obwohl ich es zuerst nicht wollte und es hat wirklich Spaß gemacht."
"Moment, hast du nicht gesagt, daß sie dich weggeschickt hat, als du noch ein kleines Kind warst?"
"Ja, da war ich fünf."
"Wie alt warst du denn, als sie das erste mal Sex mit dir gmacht hat?"
"Weiß ich nicht. Eigentlich hat sie das immer schon gemacht."
Ich sah die Mönche an, die einen genauso fassungslosen Gesichtsausdruck drauf hatten, wie ich mich fühlte.

Nachdem der Mörder einige weitere ebenso gruselige Episoden aus seiner Kindheit erzählt hatte, sagte einer der Mönche zu mir, daß ich jetzt, da klar sei, daß ich das Verbrechen gar nicht begangen hätte ja eigentlich nach Hause zurückkehren könne. Ich hatte sofort das Bild wieder vor Augen von diesen Dörflern, die plötzlich so grausam geworden war und brach erneut in Tränen aus. Der Gedanke war mir unerträglich.
"Nein, nein, ich kann nicht!" brachte ich zuerst nur raus.
Ich erklären ihnen dann, daß ich den Gedanken an diese Grausamkeit nicht ertragen konnte, weil sich dann mein Herz anfühlte, als sei es eine einzige große Wunde. Er fragte mich, was mir denn am ehesten helfen würde und ich meinte, das wäre ein stiller friedlicher Ort. Einer der Mönche sagte, daß durch den Tod eines Einsiedlers ja eina abgelegene Einsiedelei freigeworden sei. Ob ich da leben wolle. Das erschien mir zumindest wie eine Möglichkeit.

Dann sagten sie zu dem Mörder, er wüßte ja, daß Mörder für ihre bösen Taten Sühne leisten müßten. Was er denn machen wolle, um das wieder in Ordnung zu bringen. Er antwortete, er wüßte ja, daß er viel Schlimmeres verdient hätte, aber wenn er sich etwas wünschen dürfe, würde er versuchen wollen, mich wieder glücklich zu machen. Mich rührte diese Antwort. Die Mönche wohl auch, denn sie fragten mich, ob ich damit einverstanden war, ihn bei mir zu haben. Ich sagte "Ja".

Ich sollte mit meinem Pferd und einer Kutsche einen hochrangigen Kirchenmannes für die Gerichtsverhandlung am nächsten Tag abholen. Als ich ihn einstiegen ließ, war der erste Kommentar daß das Pferd aber unangemessen wertvoll für ein kloster wäre. Ich erzählte ihm, was mir in der letzten Zeit passiert war und daß ich das Pferd mitgenommen hatte, weil ich jemanden brauchte, der einfach nur freundlich zu mir ist und daß ich mir nicht vorstellen konnte, ohne einen solche Trost zu sein.

Am nächsten Tag war offizielle Gerichtsverhandlung. Die Dörfler waren verpflichtet zu kommen und ich gab meiner Frau das Pferd mit, damit sie es wieder mit nach Hause nahm.

Zunächst faßten sie zusammen, was über den Mord bekannt gewesen war, bevor ich am Kloster aufgetaucht war. Danach sagte Gretels Vater, den ich einmal für einen Freund gehalten hatte, daß er wüßte, daß ich der Mörder sei, weil sich Gretel mit mir hätte treffen wollen. Ich sagte, daß ich aber nichts von einer solchen Verabredung wußte und außerdem den ganzen Tag auf den Feldern gearbeitet hatte. Ich hatte keine Zeit für solche Sachen und sei außerdem verheiratet. Sie schienen mir nicht glauben zu wollen. Dann sagte mein "böser" daß er ganz genau wüßre daß ich das nicht gewesen sei, denn er hätte Gerta umgebracht. Was die Leute da sagte, was man da tun sollte, ließ mich wieder in Tränen ausbrechen.
"Sie sind ja schon wieder so grausam!" sagte ich.
Wie die Mönche entschieden hatten, bekam ich die Einsiedelei, weil ich den Gedanken nach Hause, zu diesen grausamen Menschen zurückzukehren nicht ertragen konnte und der Böse begleitete mich dorthin.

Ich fand in meinem damaligen Leben meinen Frieden nicht wieder. Früher wenn ich auf den Feldern gearbeitet hatte, hatte ich mich nach einer Weile friedlich und entspannt gefühlt und es genossen zu arbeiten. Jetzt versuchte ich wieder so zu arbeiten, doch schon nach einer kurzen Weile fiel mir ein Unrecht ein, das ich gesehen oder von dem ich auch nur gehört hatte und ich begann zu weinen. Ich hatte dabei jedes mal das Gefühl, mein Herz sei eine einzige offene Wunde.

Sie beteten mich als Heiligen an, den weinenden Heiligen nannten sie mich. Sie kamen zu mir und erzählten mir ihre Sorgen und all ihr Leid. Und wenn ich dann zu weinen begann, weil ich das Leid der Welt nicht ertragen konnte, waren sie befriedigt. Ich fand nichts in mir, mit dem ich dazu hätte nein sagen können. Ich hatte kein Verständnis dafür, warum sie mich so quälten, obwohl doch jeder sehen konnte, daß ich wann immer ich so etwas erzählt bekam, trostlos zu weinen begann und nicht mehr aufhören konnte. Selbst ein kleinen Kind sollte sehen können, daß ich mit dem überfordert war, was ich an Leid bereits zu tragen hatte. Außerdem schrieben sie mir auch noch Wunder zu. Ich weiß nicht, wie sie dazu kamen. Es war mir auch egal, sie sollten mich damit nur in Ruhe lassen. Ich habe auch keinerlei Verständnis dafür, daß sie mich für heilig hielten, denn mein Herz war eine einzige ofene wunde, die niemals aufhörte zu schmerzen - da war nichts heil, geschweige denn heilig! Wie jemand so grausam sein kann, jemandem, der so leidet immer noch mehr fremde Leid aufzupacken ist mir schleierhaft!

Ganz anders war da mein "Böser", der seit er bei mir war, niemandem mehr Unrecht getan hatte. Er bemühte sich rührend, etwas zu finden, was mich auch mal zum lachen oder lächeln bringt. Die meiste Zeit war er der einzige, der freundlich zu mir war.

Beim Erinnern an dieses Leben wurde mir bewußt, daß der Seelenschmerz den ich - beziehungsweise der weinende Heilige - bei diesem Leben empfand nicht zum Anlaß paßte. Während er die Kastration an sich beinahe lässig weggesteckt und für den Rest des Lebens kaum darüber nachgedacht hat, daß er jetzt ein Eunuch war, hat dieses "Mein Herz ist eine einzige offene Wunde"-Gefühl den gesamten Rest jenes Lebens beherrscht.

Kersti

Fortsetzung:
A149. Kersti: Tiuvals Herzenswunde und eine Herde neugieriger Kühe

Quelle

Erinnerung an ein eigenes früheres Leben.
V12. Kersti: Hauptfehlerquellen bei Erinnerungen an frühere Leben