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erste Version zwischen dem 01.05.2000 und dem 07.06.2000
letzte Überarbeitung: 7/06

V114.

Ich bin zu stolz, um gegen mein Gewissen zu handeln

In dem Jahr, als ich von der zweiten in die dritte Klasse kam, zogen wir um. Die Sommerferien verbrachte ich zusammen mit meinem nächstjüngeren Bruder Volker bei einer Ferienfreizeit auf der Nordseeinsel Wangerooge. Ich hatte mich vorher sehr darauf gefreut, doch es wurde furchtbar. Die anderen Mädchen, die mit mir in einem Zimmer waren, nutzten jede Gelegenheit mich zu ärgern, die sie finden konnten. Dann in der neuen Schule in Veckerhagen, taten meine Klassenkameraden dasselbe. Jede Klasse hat ihren Außenseiter. Na gut, fast jede. Und es ist fast immer nur einer oder eine. Jedenfals so häufig, daß man daraus schließen kann, daß es wohl eine angeborene menschliche Neigung sein muß, sich ein Opfer auszusuchen, an dem jeder seine schlechte Laune ausläßt. Sicher, ich bin wohl nie "normal" oder durchschnittlich gewesen - doch ich habe auch nichts getan, das diese Gemeinheiten wirklich rechtfertigen würde. Dennoch bezog ich das auf mich, redete mir krampfhaft ein, daß ich so wäre, wie alle anderen und versuchte von meinen Freundinnen die Bestätigung zu erhalten, das ich "normal" wäre.

Andererseits, ich bin stolz. Ich bin immer stolz gewesen. Nie wäre ich bereit gewesen mich zu erniedrigen oder gegen mein Gewissen zu handeln, nur um die Anerkennung der anderen zu erhalten. Ich glaubte, daß es möglich gewesen wäre, die Gemeinheiten der anderen von mir abzulenken, indem ich eine meiner Klassenkameradinnen herausgegriffen hätte und die Bosheiten der Klasse auf sie gelenkt hätte, indem ich angefangen hätte, sie zu ärgern. Doch dazu wäre ich um nichts in der Welt bereit gewesen. Dann wäre ich nicht die gewesen, die ich sein wollte, sondern ein gemeiner und fieser Mensch. Das war tief unter meiner Würde. Bitte versteht es nicht falsch. Es liegt mir fern, die anderen für das, was sie taten zu verurteilen. Jeder Mensch auf dieser Welt hat das Recht, selbst zu wählen, wie er handelt und wer er sein will. Es steht mir nicht zu, die Wahl, die ein anderer für sich getroffen hat, zu be- oder verurteilen. Immerhin könnte es ja sein, daß ein anderer triftige Gründe gefunden hätte, ganz anders zu handeln, als ich das für richtig halte.

Da die anderen in einer Form gehandelt haben, die ich beim besten Willen nicht als nachahmenswert empfinden konnte, lernte ich selbstständig zu denken und mir zu jedem Thema eine unabhängige Meinung zu bilden. Und doch - wie sehr habe ich mich immer nach einem Menschen gesehnt, der älter, erfahrener und mir so ähnlich ist, daß ich ihn mir hätte zum Vorbild nehmen können?

Kersti

V15. Kersti: Was ist Toleranz?
V17. Kersti: Brief über angemessenen Umgang mit Verleumdungen
V38. Kersti: Ausgeschlossen!
V39. Kersti: Wie wird man zum Außenseiter?
V59. Kersti: Die Rettung der Welt?
V79. Kersti: Ehre und Treue
V105. Kersti: Das Gute wirkt nach anderen Gesetzen
V111. Kersti: Warum ich "gut" mit "vernünftig" gleichsetzte
V146. Kersti: Wahre Weisheit klingt naiv
V159. Kersti: Warum ich nicht hasse
V167. Kersti: 17-jährige Gruppenführer verhindern Ausgrenzung wirksamer als Lehrer
V168. Kersti: Meckerrunde
V171. Kersti: Außenseiter: Es tut in der Seele weh, das zu beobachten
V173. Kersti: Was ist Gewissen?
V174. Kersti: Warum ich schreibe, wie es war, ausgegrenzt zu sein
V248. Kersti: Spielverderber - oder - Wer sind die Guten?
V277. Kersti: Das Prinzip der Narrenfreiheit
V301. Kersti: Um Außenseiter zu integrieren, muß man die Gemeinschaft ändern, die ausgrenzt
V308. Kersti: Aussenseiterkarrieren - wie sie entstehen, was sie verhindern kann
V309. Kersti: Gibt es Aussenseitereigenschaften?

Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, https://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.