Merkwürdige Erfahrungen

E6.

Gerechtigkeit für Außenseiter?

Ich bringe jetzt ein Beispiel für den Umgang von Lehrern mit Ungerechtigkeiten gegenüber Außenseitern in der Klasse. Dieses Beispiel habe ich ausgewählt, weil es ganz normale, typische Ungerechtigkeiten zeigt, nichts Außergewöhnliches.

Beim Sportunterricht sollten wir Weitspringen üben. Deshalb stellte sich die ganze Klasse in einer langen Reihe auf und kam der Reihe nach dran mit springen.

Ich stand zuerst fast am Ende der Reihe. Als die ersten gesprungen waren, ließ jemand direkt vor mit den anderen "hinter" (nicht "vor", wie normal) und ich akzeptierte es erst einmal, da ich es für sozial wichtig hielt, daß Freunde beim Warten beieinanderstehen und miteinander reden können - und dazu ein wenig die Reihenfolge in einer solchen Schlange abwandeln. Abgesehen davon, hätten sie einen Protest meinerseits, wie ich von früheren Gelgenheiten wußte, sowieso ignoriert.

Doch es blieb nicht bei einem oder zweien - die halbe Klasse wurde auf diese Art und Weise vor mich gelassen. Im Grunde war ich überhaupt nicht erpicht darauf, Weitsprung zu üben. Im Grunde konnte ich Sportunterricht nicht ausstehen. Aber - wenn das so weiterging, würde ich während der Schulstunde überhaupt nicht zum Springen kommen - und das würd am Ende mir als "nicht am Unterricht beteiligen" angelastet. Also mußte ich etwas unternehmen.

Ich stellte mich einfach an die Stelle, wo ich zuerst gestanden hatte - das führte erst einmal zu Streit, wobei ich darauf bestand dort zu bleiben, da das mein Platz in der Reihe sei - wenn sie etwas anders gewollt hätten, hätte nicht die ganze Klasse vordrängeln dürfen. Dann beschwerten sich meine Mitschüler beim Lehrer, daß ich vordrängeln würde.

Nun, wenn ich mich beschwert hätte, dann wäre das petzen gewesen und etwas ganz furchtbar Böses, wenn ich den Reaktionen meiner Mitschüler glauben würde - wenn sie sich beschwerten war das dagegen in ihren Augen vollkommen normal. Als wenn SIE zu wenige gewesen wären, um ihre Interessen durchzusetzen!

Ich glaubte nicht, daß meine Worte irgendjemanden interessieren würden. Dennoch stellte ich die Darstellung meiner Klassenkameraden richtig, indem ich die ganze Geschichte erzählte, so wie sie geschehen war. Zumindest sollte mir niemand vorwerfen können, ich hätte es nicht versucht. Lügen hätte ich dagegen als unter meiner Würde betrachtet.

Der Lehrer sagte zwar ein zwei bedeutungslose Worte zu meiner Richtigstellung. Aber ansonsten verhielt er sich, als hätte er sie gar nicht gehört, sondern gab mir die gesamte Schuld an dem Ärger. Ihm war wohl nicht zu Bewußtsein gekommen, daß ich mir das Verhalten der Anderen gar nicht hätte gefallen lassen dürfen - wenn ich nicht in Zukunft bei allem, wo es in der Schule Schlangen zum Anstellen gibt, abgedrängt werden wollte. Tatsächlich scheint es mir, als wäre ihm von der ganzen Situation eigentlich nur zu Bewußtsein gekommen, daß er durch eine Beschwerde beim Unterricht gestört wurde. Und dann hat er die bequemste Entscheidung getroffen, die dazu führen konnte, daß ER wieder seine Ruhe hat. Ich hatte keinen Schimmer, wie ich das das nächste mal hätte besser machen können - und bekam auch von niemandem einen Ratschlag.

Das war übrigends genau das, was ich erwartet hatte. Ich hatte immer schon den Eindruck, daß Lehrer bei ihren Entscheidungen nach dem Mehrheitsprinzip vorgehen. Sie beachten grundsätzlich nur die Ansichten, die von mindestens drei Schülern vorgebracht werden. In den meisten Fällen mag das sogar funktionieren. Nur für den Außenseiter, das Lieblingsziel aller Bosheiten und kleinen Ärgereien der ganzen Klasse, ist diese Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, vollkommen untragbar. Er mag noch so sehr im Recht sein - niemand wird ihn unterstützen. Also gibt der Lehrer immer den Anderen Recht. Und das ist vollkommen untragbar. Denn der Außenseiter hat sowieso schon die ganze Klasse gegen sich, da wäre er auf eine gelegentliche berechtigte Unterstützung des Lehrers doppelt und dreifach angewiesen. Noch wichtiger und unterstützender wäre allerdings eine gelegentliche differenzierte Kritik, die gut genug ist, daß man es beim nächsten mal besser machen könnte. Dergleichen habe ich aber in der Schule kein einziges mal zu hören bekommen. Weder auf meine Probleme mit meinen Mitschülern bezogen - noch auf den Unterrichtsstoff bezogen. Und da ich weiß, daß diese Lehrer sich zum Teil wirklich bemüht haben, stellt das der bei uns üblichen Lehrerausbildung und unserem Schulsystem ein miserables Zeugnis aus.

Kersti:

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V38. Kersti: Ausgeschlossen!
V39. Kersti: Wie wird man zum Außenseiter?
V40. Kersti: Als käme ich von einem anderen Stern
V41. Kersti: Das Gewicht einer Gabe
V57. Kersti: Wie gehe ich mit Macht um?
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E5: Kersti: Zusammengeschlagen
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