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Zuerst erschienen in Idee und Bewegung Heft 45 (Heft 4/1999)
zuerst auf dieser Internetseite vor: 7.6.2000
letzte vollständige Überarbeitung: 5-6/2017
letzte Bearbeitung: 6/2017

VB29.

Essen als Sucht

Inhalt

Übergeordneter Artikel:
V6. Kersti: Gesunde Ernährung

Dieser Artikel:
VB29.1 Kersti: Was ist Sucht? Die ICD 10-Definition von Abhängigkeit
VB29.2 Kersti: Entgleisungen des Stoffwechsels: Zucker und Weißmehl als Suchtmittel
VB29.2.1 Kersti: Manche Menschen werden von Süßigkeiten und Weißmehlprodukten niemals satt
VB29.2.1 Kersti: Von Brötchen wird man doch nicht satt!
VB29.2.2 Kersti: Glykämischer Index: Nährstoffe, die den Blutzucker zu stark erhöhen
VB29.2.3 Kersti: Der süße Geschmack oder warum Süßstoffe manche Leute dick machen können
VB29.2.3 Kersti: Süßstoff wirkt Appetitanregend
VB29.2.3 Kersti: Robert Deutschs Ratten: Süßer Geschmack führt zu Insulinausschüttung
VB29.2.4 Kersti: Das lernfähige Verdauungssystem
VB29.2.4 Kersti: Ratten die gelernt haben, daß süß nichts mit Zucker zu tun hat und Pawlowsche Hunde
VB29.3 Kersti: Fehlernährung: Sucht ist, wenn man etwas sucht, wo es nicht zu finden ist
VB29.3 Kersti: "Doch, ich hatte Hunger auf was Kräftiges"
VB29.4 Kersti: Psychische Gründe zu essen oder nicht zu essen: Bedürfnisse die das Essen garantiert nicht befriedigen kann
VB29. Kersti: Quellen

 
Inhalt

1. Was ist Sucht? Die ICD 10-Definition von Abhängigkeit

Der ICD 10 verwendet für Sucht das Wort Abhängigkeit, das ich sprachlich für ein unangemessenes Wort für diesen Sachverhalt halte. Wir sind davon abhängig, etwas zu essen zu bekommen, weil wir sonst verhungern. Wir sind davon abhängig, Luft zu bekommen, weil wir sonst ersticken. Wir sind von unserem Gehalt abhängig, weil wir sonst nichts zu essen kaufen können. Im Falle einer Abhängigkeit im Sinne einer Sucht, ist nur in Ausnahmefällen ein sofortiger völliger Entzug des Suchtmittels gefährlich. Ein Beispiel eines Suchtmittels, bei dem ein sofortiger völliger Entzug gefährlich ist ist der Alkohol: Wer also regelmäßig große Mengen Alkohol trinkt, sollte bei einem Krankenhausaufenthalt unbedingt melden, daß er das tut, weil die Entzugserscheinungen tödlich gefährlich sein können. Bei den meisten Suchtmitteln ist ein solcher Enzug jedoch weniger gefährlich bis körperlich völlig ungefährlich. Wenn das Suchtmittel allmählich abgesetzt wird, treten solche Gefahren nicht auf. Ein Suchtmittel ist daher etwas bei dem man das Gefühl hat, von etwas abhängig zu sein, es unbedingt zu brauchen, das man eben in Wirklichkeit nicht braucht. Daher ist die Bezeichnung Abhängigkeit für Sucht sehr schlecht gewählt und mir erschient es weitaus sinnvoller, das umgangssprachlich übliche Wort Sucht stattdessen zu verwenden, da ich Sucht als fehlgeleitete Suche interpretiere, wie ich unten weiter ausführe.

Abhängigkeit (umgangssprachlich: Sucht) nach ICD 10 liegt vor, wenn 3 oder mehr der folgenden Kriterien zutreffen:

Schädlicher Gebrauch nach ICD 10

 
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2. Entgleisungen des Stoffwechsels: Zucker und Weißmehl als Suchtmittel

2.1 Manche Menschen werden von Süßigkeiten und Weißmehlprodukten niemals satt

Unsere kultur und Zivilisation hat die Zusammensetzung unserer Ernährung zunehmend verändert, was ich in folgendem Artikel dargestellt habe. Diese Ernährung führt dazu, daß wir mit Dingen als Nahrungsmiteln konfrontiert werden, die es in der Lebensweise des Jägers und Sammlers nicht gegeben hat und an die wir daher nicht angepaßt sind.
VA71.2 Kersti: Gesundheit und Getreide
Mit einem Aspekt dieses Problems beschäftigt sich der folgende Abschnitt.

Ein Phänomen konnte ich mir lange nicht erklären, denn ich dachte daß Stärke doch eigentlich gleichermaßen satt machen müßte, unabhängig davon in welches Brot sie verbacken war.

Beispielgeschichte, Kersti:

Von Brötchen wird man doch nicht satt!

Wir waren auf Klassenfahrt gefahren. Beim Frühstück hatte ich ein Problem. Es gab ausschließlich Brötchen. zwar konnte ich beliebig viele davon bekommen, weil es Kinder gab, die tatsächlich schon von einem Brötchen satt wurden. Ich konnte mir das gar nicht erklären. Ich konnte nämlich so viele Brötchen essen wie ich wollte, wurde davon aber gar nicht satt!

Dasselbe Problem hatte ich auch später in England. Da gab es nur Weißbrot und kein richtige Graubrot und wann immer es eine Brotmahlzeit gab, war ich fast am verzweifeln, weil ich davon einfach nicht satt wurde.

Auch bei den Besuchen meiner Pfadfindergruppe bei McDonald’s waren zum Verzweifeln. Ich konnte mich dort hunrig aber nicht satt essen.

Neben diesen Erfahrungen gab es auch das Umgekehrte:
Eines Tages buk meine Mutter dicke Pfannkuchen mit Äpfeln nach dem üblichen Rezept das sie benutzte, nur daß sie diesmal statt Weißmehl Vollkornmehl hineintat. Während sie normalerweise mit zwei Pfannen buk und wir immer ungeduldig auf den nächsten Pfannkuchen warteten, weil sie mit dem Backen nicht nachkam, wenn sechs Kinder am Tisch saßen, war es diesmal anders. Niemand von uns aß mehr als zwei Pfannkuchen und danach waren wir alle Pappesatt.

Von Graubrot wurde ich immerhin übrhaupt satt. Aber von Vollkornbrot brauchte ich deutlich weniger als von Graubrot. Ich war jedoch überzeugt, daß ich bei Vollkornprodukten sehen konnte, wie viel Stärke mein Körper wirklich braucht, mir erschien der Hunger, den ich bei Weißbrot hatte ungesund und ich hielt mich deshalb von den ungesunden Produkten aus Auszugsmehlen fern, so gut ich konnte, ohne mich vom rest der Welt zu isolieren.

Auch bei Süßigkeiten stellte ich fest, daß ich davon nicht genug bekommen konnte, wenn ich so leichtsinnig war, mit dem Essen anzufangen.
V9.4 Kersti: Warum ich nur von Bitterschokolade satt wurde

Im oben genannten Beispiel, handelte es sich bei meinem Verhalten nicht um eine Sucht, da ich eben die Maßlosigkeit, die ich beim essen an den Tag legte, zum Grund nahm, die entsprechenden Nahrungsmittel zu meiden, weil sie mir nicht gesund vorkamen. Es ist aber leicht vorzustellen, daß eine Veranlagung wie meine, wenn man nicht auf besser sättigende Nahrungsmittel ausweichen kann, zu suchtartigem essen führen kann.

 
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2.2 Glykämischer Index: Nährstoffe, die den Blutzucker zu stark erhöhen

Den ersten Baustein zu einer Erklärung fand ich, als ich das Buch Buch: Vollwerternährung schützt vor Kinderlähmung und anderen Viruserkrankungen von Autor: Benjamin Sandler las. Sandler schrieb, daß die meisten Menschen, wenn man ihnen 100g Traubenzucker gibt, innerhalb von zwei Stunden einen allmählichen Anstieg der Blutzuckerwerte von ca 90mg pro 100ml auf ca. 135mg pro 100ml zeigen, und daß der Wert innerhalb von vier Stunden nach der Einnahme von Zucker wieder auf den Normalwert zurückfällt. Es gibt aber Menschen, die nicht diese normale Reaktion zeigen, sondern bei denen der Zuckerspiegel stark schwankt. Im gezeigten Beispiel liegt der Nüchternblutwert bei 65mg, er schnellt innerhalb einer halben Stunde auf etwa 150mg hoch, sinkt danach auf ein Minimum von ca. 40mg und steigt dann wieder auf ca. 75mg pro 100ml Blut an. Insgesamt reagiert der Körper also mit einer übertriebenen Gegenregulation auf die Zuckermenge. Daneben erwähnte er noch ein drittes Reaktionsmuster, in dem der Blutzuckerwert wesentlich stärker als normal ansteigt und lange braucht, um wieder auf den Normalwert zurückzufallen.

Ganz so extrem ist es bei mir nicht, denn ich kenne als Reaktion auf zu viel Zucker zwar Hunger aber keine ernsten Unterzuckerungssymptome. Im Gegensatz zu Sandlers Patienten mit diesem Reaktionsmuster, hatten wir aber auch immer Genug Obst, Gemüse und Fleisch in unserer Ernährung und beginnend mit dem Zeitpunkt, als ich etwa elf war, bemühte meine Mutter sich Weißmehl, wo immer wir bereit waren, das zu akzeptieren, durch Vollkornmehl zu ersetzen, so daß wir nie so extrem fehlernährt waren, wie es Sandler von seinen Ratienten mit diesem Reaktionsmuster beschreibt1. S.25.

Mich wunderte allerdings, daß dieser Hunger auch bei Brötchen auftrat, weil ich glaubte, wenn man einen Vielfachzucker wie Stärke erst zerlegen muß, dauere es länger, bis er in die Blutbahn gelangt, daher müsse auch diese Überreaktion geringer sein.

Eine Antwort auf diese Rätsel fand ich in Autor: Marianne Niederers Buch " Buch: Ernährung. Das Software Prinzip" in einer Tabelle, die den Glykämischen Index verschiedener Nahrungsmittel angab. Der Glykämische Index gibt an, wie stark ein Nahrungsmittel den Blutzuckerwert über den Normalwert hinaus erhöht, wenn man 50g Zucker oder Stärke durch dieses Nahrungsmittel zu sich nimmt. Reine Glukose als erhält willkürlich den Wert 100, alle anderen Nährstoffe werden in Prozent der Blutzuckererhöhung die Glukose auslöst angegeben. Das heißt wenn ein Nahrungsmittel den Wert hundert hat ist die Erhöhung genauso groß, wenn er den wert 50 hat halb so groß wie bei Glukose. Werte über 50 gelten als ungünstig, Werte unter 50 als günstig.2. S.118ff

Auf dem ersten Blick befriedigte mich die Tabelle: Glukose hat einen Glykämischen Index von 100, sehr weißes Brot hat einen 85, Baguette von 70, Graubrot von 65, Vollkornbrot einen von 40-50, Schokoladenriegel einen von 70, Bitterschokolade aber nur von 222. S.118ff. Meine Beobachtungen scheinen erklärt.

 
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2.3 Der süße Geschmack oder warum Süßstoffe manche Leute dick machen können

Als ich genauer hinschaue, stelle ich jedoch erstaunt fest, daß so einiges noch nicht erklärt ist. Bratkartoffeln und Pommes haben nämlich einen Glykämischen Index von 95, Chips einen von 902. S.118ff und von beidem bin ich immer satt geworden. Überhaupt, warum haben Bratkartoffeln und Pommes einen höheren Glykämischen Index als Schokoriegel (70), die haben doch auch die Kombination Zucker und Fett? Außerdem stimmte der zeitliche Verlauf der von Sandler genannten Zuckerkurve nicht mit dem zeitlichen Verlauf meines Hungergefühls bei den Nährstoffen, die nicht satt machen überein, ich bekam nämlich während der Malzeit schon wieder Hunger während bei Sandlers Messungen nach einer halben Stunde ein überhöhter Blutzuckerwert bei den Menschen, die zu Hypoglykämie neigen, auftrat2. S.18. Ob der Wert in der Zeit zwischen Malzeit und der Messung nach einer halben Stunden noch höher gewesen war, war nicht gemessen worden. Ich brauchte also, etwas, was erklärt, warum diese Reaktion bei mir schneller auftrat und warum solche salzigen Speisen eine andere Reaktion auslösten als süße wie das Frühstücksbrötchen.

Rogers and Blundell (1989)

Süßstoff wirkt Appetitanregend

Bei einem Experiment wurde Joghurt entweder pur genossen, mit Stärke, mit Zucker oder mit Süßstoff versetzt. Diejenigen die morgens den reinen Joghurt gegessen hatten nahmen im Laufe des Tages 2050 und damit am wenigsten Kilokalorien zu sich, danach kamen die die Joghurt mit Stärke gegessen hatten mit 2100, die mit gezuckerten Joghurt aßen 2150 kCal. Diejenigen die mit Saccharin gesüßten Joghurt gegessen hatten, nahmen dagegen 2350 Kalorien zu sich, also deutlich mehr.3.
Es gibt viele Nachweise, daß süßer Geschmack bei Menschen und Tieren dazu führt, daß sie mehr fressen. Daher werden Süßstoffe in der Tiermast eingesetzt.3. Spätere Versuche ergaben widersprüchliche Ergebnisse zu der Frage ob der süße Geschmack bei gleicher Kalorienmenge den Appetit anregt.

Wenn ich etwas von widersprüchlichen Ergebnissen höre, die bei Experimenten herauskommen, muß ich immer an eine Aussage von Prof. Dr. Albrecht Goldmann denken, die ich an der Uni Kassel in dessen Vorlesung "Einführung in die Experimentalphysik" gehört hatte. Er hatte nämlich sinngemäß gesagt: "Experimente sind unsere Art, Fragen an die Natur zu stellen. Wenn dabei verwirrende Antworten (=Versuchsergebnisse) herauskommen, heißt das: Du hast die falsche Frage gestellt."

In diesem Fall ist die Frage schlicht zu ungenau gestellt. Offensichtlich wirkt Süßstoff bei einigen Leuten unter bestimmten Umständen appetitanregend, aber um zu verstehen, unter welchen Umständen er bei wem warum appetitanregend wirkt, müssen wir doch etwas genauer hinschauen, als nur Kalorien zu zählen und zu sehen, ob Süßstoff verwendet wird.

Robert Deutschs Ratten: Süßer Geschmack führt zu Insulinausschüttung

Autor: Robert Deutsch machte mehrere Experimente, die bei Ratten am Beispiel des Süßstoffes Saccharin den Zusammenhang zwischen dem süßen Geschmack und der körpereigenen Insulinausschüttung untersuchen sollten.

Im ersten Versuch prüfte er, ob seine Ratten ähnlich reagierten wie die eines anderen Forschers, bei dem Ratten, die, nachdem man ihnen Insulin gespritzt hatte, Wasser mit Süßstoff trinken durften so viel sie wollten sowohl schneller als auch häufiger an Unterzuckerung starben, als Ratten die ungesüßtes Wasser bekamen. In Deutschs Versuch starben die Ratten zwar schneller aber es starben nicht mehr der Süßstoff-Ratten als von denen die ungesüßtes Wasser bekommen hatten.

Der Autor verstand diesen Versuch so, daß durch den Konsum von Süßstoffwasser, der süße Geschmack eine Insulinausschüttung bewirkt hatte, die, da kein Zucker im Wasser war, den Blutzuckerspiegel zusammen mit der Insulingabe in lebensgefährliche Bereiche senkte. Dies überprüfte und bestätigte Deutsch, indem er Ratten Süßstoffwasser trinken ließ und dann den Blutzuckerspiegel mit dem von Ratten, die ungesüßtes Wasser erhalten hatten verglich. Der Effekt trat auch auf, wenn die Ratten das gesüßte Wasser gespritzt bekamen, es also nicht bewußt geschmeckt hatten.

Süßer Geschmack wird vom körper also als "Jetzt kommt Zucker!" interpretiert und durch eine vorsorgliche Insulinausschüttung wird sichergestellt, daß es nicht zu zu starken Blutzuckerschwankungen kommt. Kommt dann kein Zucker sondern Süßstoff, fällt der Blutzuckerspiegel unter den Normalwert.

Ob Menschen nach Süßstoffkonsum mehr Nahrung zu sich nehmen hängt also sicherlich davon ab, wann Nahrung zur Verfügung steht. Es ist anzunehmen, daß eine zusätzliche Nahrungsaufnahme durch das Tief des Zuckerspiegels ausgelöst wird, das durch den Süßstoff hervorgerufen wird. Ist die Person, die Süßstoff zu sich genommen hat in dieser Zeit an einer Stelle, wo sie gerade nichts essen kann, gibt das Endokrinsystem Stoffe ab, die die Leber dazu veranlassen, den Zucker im Blut wieder anzuheben, so daß der Körper ausreichend versorgt werden kann. Es findet kein zusätzlicher Nahrungsmittelkonsum statt. Steht zu dem Zeitpunkt, wo der Zuckerspiegels auf dem Tiefpunkt liegt, Nahrung zur Verfügung, ißt der Betroffene mehr, sofern er auf seinen Hunger hört.

Daß ich das Phänomen mit dem maßlosen Hunger eher bei gesüßten Nahrungsmitteln als bei gesalzenen erlebt habe, lag daher ziemlich sicher daran, daß Zuckerkonsum zu einer vorsorglichen Insulinausschüttung führt, die Überreaktion meines Systems auf zu leicht verfügbaren Zucker noch zu verstärken, so daß ich noch früher Hunger bekam.

 
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2.4 Das lernfähige Verdauungssystem

Beispielgeschichte:

Ratten die gelernt haben, daß süß nichts mit Zucker zu tun hat und Pawlowsche Hunde

Bei den nächsten Versuchen prüfte Autor: Robert Deutsch, ob diese Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse als Reaktion auf süßen Geschmack angeboren oder erlernt ist und fand heraus, daß sie bei Ratten, die monatelang nur süßstoffhaltiges Wasser zum erhielten so nicht mehr auftrat.5.

Damit ist die Insulinausschüttung als Reaktion auf süßen Geschmack ein Parallelfall zu einem bekannten Beispiel für die klassische Konditionierung, bei dem Iwan Pawlow einen Hund so trainierte, daß ihm schon nach dem Hören einer Glocke immer das Wasser im Mund zusammenlief, weil er daran gewöhnt worden war, daß es dann immer Futter gab10. S.151ff.

Insgesamt kann man also davon ausgehen, daß unser Körper sämtliche Sinneswahrnehmungen - unabhängig davon, ob wir sie bewußt oder unbewußt registrieren - auswertet, um vorauszusehen, welche Verdauungssäfte und Steuerungsbefehle nötig sind, um auf Nahrungsaufnahme oder das nicht zur Verfügung stehen von Nahrung zu reagieren. Das System, das unsere Verdauung steuert, ist lernfähig und reagiert auch auf beliebige erlernte Stimuli.

Im Fall von Süßstoff bedeutet das: Wenn Menschen hauptsächlich mit Süßstoff süßen, setzten sie damit das Vorwarnsystem außer Betrieb, das dem Körper sagt: Jetzt kommt Zucker. Wenn man dann tatsächlich einmal eine größere Menge Zucker zu sich nimmt, findet die Insulinausschüttung erst dann statt, wenn der Körper im Darm überprüft hat, ob es sich wirklich um Zucker handelt. Der Zuckerspiegel schwankt daher bei Zuckeraufnahme stärker und Zucker gibt einerseits einen stärkeren Kick, andererseits schadet Überzuckerung dem Körper aber auch, wenn sie zu häufig auftritt.

Insgesamt erscheint es daher sinnvoller, Obst zu sich zu nehmen oder mit Zucker oder Honig zu süßen, als mit Süßstoff, weil Süßstoff den Körper nur durcheinander bringt. Dies ist unabhängig davon, welchen Süßstoff man verwendet.

 
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2.5 Zusammenfassung: Entgleisungen des Zuckerstoffwechsels können zu maßlosem Hunger und dies zu suchtartigem essen führen

 
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3. Fehlernährung aus kognitiven Gründen: Sucht ist, wenn man etwas sucht, wo es nicht zu finden ist.

Menschen reagieren generell auf einen unerwarteten Geschmack mit Nahrungsverweigerung, um dann durch vorsichtiges testen zu prüfen, was von dem so schmeckenden Nahrungsmittel zu halten ist.
V36. Kersti: Der "Was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht"-Instinkt
Das so gelernte wendet er dann an um uns über unseren Hunger gezielt Signale zu geben, was wir brauchen.
V9. Kersti: Ernährungsintuition: Auf den eigenen Körper hören

Beispielgeschichte, Kersti:

"Doch, ich hatte Hunger auf was Kräftiges"

Eine Bekannte hatte mit vegetarischer Ernährung aufgehört, da ihr dadurch die Haare ausfielen. Erstaunt fragte ich, ob sie denn keinen Heißhunger auf Fleisch gehabt hätte. Sie verneinte.
"Bist du nicht wie ein hungriger Löwe durch die Wohnung gestrichen und hast nach etwas zu essen gesucht?" beschrieb ich genauer.
"Doch: ich hatte immer Hunger auf was Kräftiges. Dann habe ich Süßigkeiten gegessen."
Wenn man zu wenig gegessen hat, bekommt man Hunger. Nimmt man nun statt gesunder Nahrungsmittel etwas zu sich, das Süßstoff statt Zucker oder unverdauliche chemische Verbindungen statt Fett enthält, scheint es, wenn es in den Magen kommt, zu sättigen. Sobald es den Darm erreicht, zeigt sich, daß es keine echten Nahrungsmittel enthält, man bekommt wieder Hunger. Deshalb wirken alle Süßstoffe nachgewiesenermaßen appetitanregend!

Der tatsächliche Kalorienbedarf von Menschen, liegt zwischen 1000 (Jäger- und Sammlervölker mit 2-4 Stunden Tagesarbeitszeit) und 2200 (bei harter körperlicher Arbeit; Bauern) Kalorien pro Tag. Völker, die nahezu keine Krankheiten kennen, essen NIE mehr 6., 7., 8.. Der durchschnittliche Bundesbürger nimmt 3500 Kalorien zu sich, also doppelt so viel, wie gesund wäre. Ein zu hoher Bundesdurchschnitt von 2200 Kalorien wäre dadurch erklärbar, daß Menschen wie auch Tiere in guten Zeiten etwa ein Drittel mehr essen, als als Dauerernährung gesund wäre. Die Natur plant Hungerzeiten mit ein. 3500 Kalorien sind nur dadurch zu erklären, daß viele Nahrungsmittel suchtmäßig genossen werden.

Es gibt nur einen gesunden Grund zu essen: Hunger - und einen zu trinken: Durst.

Hier handelte es sich beim Süßigkeitenessen um eine Sucht: Zucker hebt kurzzeitig den Blutzuckerspiegel an, putscht dadurch auf. Deshalb wird der wahre Hunger - hier nach Fleisch - nicht richtig wahrgenommen.

 
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4. Psychische Gründe zu essen oder nicht zu essen: Bedürfnisse die das Essen garantiert nicht befriedigen kann

Man ißt, um sich zu beruhigen, abzulenken, aus Gesellschaft oder Wut. Jeder hat eigene Gründe. Ersatzbefriedigungen für Bedürfnisse, die wir nicht wirklich befriedigen konnten, die aber durch Essen garantiert nie befriedigt werden. Deshalb lohnt es, zu fragen:
"Weshalb esse ich das jetzt?"
und dann das wirkliche Bedürfnis zu befriedigen. Merkt ihr, daß ihr nachdem ihr euch diese Frage so gut, wie es euch in jenem Augenblick möglich ist, beantwortet habt, immer noch etwas offensichtlich Ungesundes essen wollt - dann eßt es. Und seid freundlich zu euch, wenn ihr das eßt. Schaut euch liebevoll dabei zu und fühlt nachher in euch hinein: War das jetzt das Richtige? Warum war es für euch richtig - oder falsch? Brauchte der Körper oder die Seele das essen?9.

Stehe ich unter Streß, bekomme ich Süßigkeitenhunger. Wenn ich aufmerksam in mich hineinhorche, nachdem ich eine Süßigkeit gegessen habe, spüre ich, daß ich irgendwie nicht befriedigt bin.

 
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5. Sinnvolle Ernährung heißt auf den Hunger hören und ihn nicht verwirren

Eine sinnvolle Steuerung der eigenen Ernährung muß daher beinhalten, daß wir das System unseres Hungergefühls weder durch Tricks wie Süßstoff noch durch kognitive Beeinflussung aushebeln, sondern gezielt darauf hören.
VA57. Kersti: Macht Kalorienzählen Sinn?

Kersti

 
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Quelle

Ich schildere, wann immer möglich, selbst erlebte Beispiele. Das tue ich nicht, weil es keine anderen gäbe, mit denen man dasselbe belegen kann, sondern weil ich die Literatur mit neuen, zusätzlichen Beispielen bereichern will.
VA272. Kersti: Wenn meine Beispiele alle von mir handeln - heißt das etwa, daß ich selbstbezogen bin?
Selbst erlebte Beispiele sind - da sie aus erster Hand sind - genauer beschrieben als Beispiele aus meiner Praxis, wo ich die Erklärungen meiner Patienten mißverstanden haben könnte und sie deshalb möglicherweise falsch wiedergeben könnte.
V175. Kersti: Kriterien zum Bau eines realistischen Weltbildes: Realitätsnähe
Und diese sind genauer und richtiger als aus der Literatur übernommene Beispiele, da ich bei diesen die betroffene Person nicht einmal persönlich kenne und das Beispiel deshalb möglicherweise in einen falschen Kontext einordne.

Weitere Quellen waren:


Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
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