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erste Version zwischen: 16.5.01 und 29.08.01
letzte Überarbeitung: 3/2008

VA1.

Sekteneigenschaften als Folge von Ausgrenzung

Jede von Menschen Gegründete Organisation auch ohne von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden irgendwelche Besonderheiten und auch den ein oder anderen Fehler. Wen eine Gemeinschaft in der Gesamtgesellschaft akzeptiert ist, sind die Fehler sehr individuell und hängen von den persönlichen Stärken und Schwächen ihrer Mitglieder ab.

Wenn eine Gemeinschaft von der Gesamtgesellschaft ausgegrenzt wird, entwickeln die Mitglieder eine Reihe von Verhaltensweisen, die ich als Sekteneigenschaften bezeichnet habe.
V100. Kersti: Sekteneigenschaften - Was sind Sekten?
Diese Sekteneigenschaften entsprechen jeweils typischen Reaktionen von einzelnen Menschen die durch ihre Gemeinschaft ausgegrenzt werden, also typischen Reaktionen auf Mobbing.

Das heißt, genauso wie ein einzelner Mensch, wenn er durch eine Gruppe - Arbeitskollegen, eine Schulklasse oder Ähnliches - ausgegrenzt wird eine Reihe an krankhaften Reaktionen darauf entwickelt, weil ihn diese Situation ängstigt und überfordert, entwickelt eine Gemeinschaft, wie eine Religionsgemeinschaft oder ein Verein, krankhafte kollektive Verhaltensmuster, wenn diese Gemeinschaft durch die Gesamtgesellschaft ausgegrenzt wird.

Die folgende Tabelle stellt jeweils das kollektive Verhaltensmuster einer Sekte dem entsprechendem persönlichen Verhaltensmuster von ausgegrenzten Menschen gegenüber.

Kersti

V22. Kersti: Sektenstrukturen in der normalen Gesellschaft
V25. Kersti: Sekten, Sucht und Suche
V39. Kersti: Wie wird man zum Außenseiter?
V60. Kersti: Wie gefährlich sind Sekten?
V61. Kersti: Sektenstrukturen abbauen
V147. Kersti: Erst ihr Gutes macht Sekten gefährlich
V168. Kersti: Meckerrunde
V177. Kersti: Sekteneigenschaften: Der Bruno- Gröning- Freundeskreis von Grete Häusler ist keine Sekte.
V195. Kersti: Sekteneigenschaften: Die Scientology-Church ist eine Sekte.
V281. Kersti: Wie man Menschen von außen in eine Sekte sperren kann...
V282. Kersti: Ratschläge für Angehörige von Sektenmitgliedern
V301. Kersti: Um Außenseiter zu integrieren, muß man die Gemeinschaft ändern, die ausgrenzt
V308. Kersti: Aussenseiterkarrieren - wie sie entstehen, was sie verhindern kann
Nr. SekteWieso ist das eine Reaktion auf AusgrenzungAußenseiter
1 Eine Ideologie, die als absolute Wahrheit verbreitet wird. Jede glaubhafte Lüge besteht zu 90% aus Wahrheit. Das trifft auch auf die Ideologien der Sekten zu. Durch den Druck von Außen und die ständige Kritik an ungewöhnlichen Aspekten der Weltbilder der Sektenangehörigen entsteht das Gefühl, das eigene Weltbild zwanghaft verteidigen zu müssen. Dadurch wird ein Nachdenken über das sekteneigene Weltbild von Sektenmitgliedern oft als Angriff auf die Sekte mißverstanden, was es aber nicht immer ist.
VA61. Kersti: Kritikfähigkeit hat zwei Seiten
Ein starrerwerden des eigenen Weltbildes
2 Der häufig erfolgreiche Versuch, den Mitgliedern vorzuschreiben, was sie denken sollen. (sprich: Gehirnwäsche) Argumente dienen wechselseitig als Begründung füreinander, so daß der Wahrheitsgehalt der Argumentation nicht an der Realität überprüft wird. Diese Verhaltensweise taucht immer dann auf, wenn ein Mensch sich an das besprochene Thema nicht herantraut. Im Falle von Sektenweltbildern trauen sich die Mitglieder nicht, das Welbild zu hinterfragen, weil sie sonst von den anderen Mitgliedern der Sekte ausgegrenzt werden könnten. Das ist dann doppelt schmerzhaft, da sie ja für ihre Mitgliedschaft schon von Außenstehenden viel Kritik bekommen. Die Ausgrenzung wird oft als so schmerzhaft empfunden, daß der Betreffende nicht darüber sprechen mag, wie schmerzhaft es für ihn ist. Deshalb weicht er dem Kernpunkt aus, indem er im Kreis diskutiert.
3 "Weiterbildung" Sekten veranstalten Kurse, mit denen sie neue Mitglieder einzubinden versuchen oder alte Mitglieder noch enger an die Sekte ketten wollen. (Solche Kurse haben aus Sicht der Sekte den "Vorteil", daß niemand in der Nähe ist, der der Indoktrinierung entgegenwirken könnte.) Weiterbildung an sich ist natürlich kein Fehler. Wie verkrampft das in Sekten häufig abläuft, zeigt sich aber darin, daß in Kursen für Neueinsteiger Sektenmitglieder gelegentlich in der Überzahl sind und sorgfältig aber unauffälig darauf achten, daß die Neuen nicht miteinander sprechen sondern mit den schon vorhandenen Sektenmitgliedern. Sekten haben oft das Gefühl, nicht "genug" Mitglieder zu haben. Außenseiter gehen ebenso verkrampft an das Suchen neuer Freunde heran.
4 Viele Sekten geben Bücher heraus, gründen Schulen oder Kindergärten. Das geht auf das Gefühl zurück, in der Gesellschaft nicht genug gehört zu werden. Kinder glauben Erwachsenen eher unhinterfragt deren Aussagen als Erwachsene. Wer ein Buch schreibt, erhält eher von denen Zuschriften, die das Buch gut finden, als von denen, denen es nicht gefällt. Dasselbe gilt auch für Internetseiten. Seit ich diese Internetseite ins Netz gesetzt habe, habe ich darauf nur sehr wenige unfreundliche Mails bekommen - obwohl sie zu Widerspruch herausfordert, wie ich in öffentlichen Diskussionen im Usenet regelmäßig feststellte. Auch Außenseiter verlegen sich gerne auf Kommunikations- formen, wo im Allgemeinen mehr Lob als Tadel zu erwarten ist.
5 Der Anspruch, nur die jeweilige Sekte könne die Welt retten. Dieser Anspruch hat zwei Ursachen: Zum einen fühlen die Angehörigen der Sekte sich durch die Ausgrenzung bedroht, zum Anderen ist durch den unter 1. beschriebenen Mechanismus das Weltbild der Sektenangehörigen so starr geworden, daß sie meinen, Menschen mit einem anderen Weltbild wären unfähig die Probleme der Gesellschaft zu erkennen - da sie aus ihren anderen Weltbildern heraus selbstverständlich andere Probleme sehen. Auch Außenseiter sehen die Welt und die jeweilige konkrete ausgrenzende Gemeinschaft negativer als sie ist.
6 Aufgeben persönlicher Interessen, um der Sekte besser dienen zu können. (Besitz, Geld, Hobbys) Es ist einen ganz normale menschliche Tätigkeit, daß man einen Teil seiner Interessen zurücksteckt, um anderen Interessen besser nachgehen zu können. Gesundheitsschädliche, die Persönlichkeit untergrabende oder gar lebensgefährliche Ausmaße nimmt das aber nur an, wenn ein Mensch sich aus irgendeinem Grunde so bedoht fühlt, daß er dieses Opfer für gerechtfertigt hält. Da Menschen von ihren Instinkten her soziale Wesen sind wird Ausgrenzung als lebensbedrohlich empfunden - was sie in Einzelfällen auch werden kann. Z. B. wenn ein Brandanschlag auf ein Zentrum einer Sekte verübt würde. Auch Außenseiter verzichten, um den Bosheiten der Ausgrenzenden Gruppe zu entgehen oft darauf, Hobbys nachzugehen, die sie mit den Betreffenden in Kontakt bringen würden. Sie wagen es oft nicht, Meinungen zu äußern, für die sie ausgelacht werden könnten...
7 Forderung, daß Mitglieder eine große Anzahl neuer Mitglieder werben sollen. Eine agressive Mitgliederwerbung wird immer dann nötig, wenn die Gruppe von Außenstehenden entweder totgeschwiegen oder schlechtgemacht wird. Für Außenseiter gestaltet sich das Finden von Freunden schwierig.
8 Viele Sekten betätigen sich als Wirtschafts- unternehmen. Wobei sie ihre Mitglieder oft ziemlich ausnehmen. Die übermäßige Fixierung auf Geld ist ein Suchtverhalten. Da Geld im Allgemeinen mit Unabhängigkeit und Sicherheit in Verbindung gebracht wird, versuchen die Sekten, die sich durch Angriffe von Außen bedroht fühlen, über die Geldschiene das Gefühl von Sicherheit zu finden.

V144. Kersti: Geld als Sucht

Diese Fixierung tritt nur bei einem Teil der Außenseiter auf, weil auch nur ein Teil von vorneherein die Neigung dazu mitbringt. In einer Sekte dürften sich dagegen immer ausreichend Mitglieder finden, die diese Neigung in sich tragen, um es sehr wahrscheinlich zu machen, daß in nahezu jeder Sekte mehr aufs Geld geschaut wird, als sinnvoll ist.
9 Unterdrückung der Persönlichkeit der Mitglieder und Gehirnwäsche. Obwohl viele Sekten auch mit Schlägen und Ähnlichem arbeiten, sind psychologische Methoden weitaus wichtiger. Auch dieser Punkt ist auf den unter 1. genannten Mechanismus zurückzuführen. Wenn die Sektenangehörigen sich durch jede abweichende Meinungsäußerung angegriffen fühlen, wagen Sektenmitglieder irgendwann einmal nichts mehr zu denken, was nicht ins Weltbild paßt. Auch Außenseiter wagen oft nichts mehr zu denken, was sie für Anormal halten.
10 Straffe Organisation mit genau festgelegtem Rang der Mitglieder. Die höheren Rangstufen werden als Vorbilder hingestellt und als der Erlösung näher, clear etc. bezeichnet. Sektenführer gelten bei ihren Anhängern als so gut wie unfehlbar. Durch das immer wiederkehrende Erlebnis der Angriffe von außen, ordnen Sektenmitglieder Außenstehende als potentielle Angreifer und deshalb "böse" ein. Nun gibt es in einer Sekte wie in jeder anderen Gemeinschaft aber neben Vollmitgliedern auch Menschen die gerade erst eingetreten sind oder auch nur vorsichtiges Interesse bekunden. Es gibt auch Leute die eigentlich nicht dazugehören aber bisher immer im freundlichen Kontakt mit der Sekte standen.
Um einzuordnen wie gefährlich diese Leute sind, sortiert man inwieweit sie "dazugehören" der Sektenführer gehört hundertprozentig dazu, ohne ihn ist die Sekte nicht vorstellbar. Seine ältesten Schüler gehören schon ein bißchen weniger dazu, ... Neueingetretene auch noch, aber nicht so ganz, der freundliche Milchmann ein bißchen aber eigentlich schon nicht mehr... In "Konfliktmanagement" schreibt Glaßl über die Anführer von Konfliktparteien (also keine Sekten): "Für die weitere Eskalationsstufen [von Konflikten] ist jedoch übermäßig hohes Idealisieren die Regel: Sie werden zu Helden und unerreichbaren Göttern und treten dann als Instrumente der Vorsehung auf." - diese Sekteneigenschaft ist also gleichzeitig ein Symptom eines Eskalierenden Konfliktes zwischen Gruppen.

Das andere Extrem - die kollektive Selbstabwertung - gibt es bei Sekten deshalb nicht, weil Sekten ja Gruppen sind, denen man freiwillig beitritt. - Und wer würde freiwillig den "Schlechten, Schwachen, Minderwertigen" beitreten? Allerdings ist bei Schwarzen die unrealistische Vorstellung weit verbreitet, daß Schwarze von Natur aus schlechter seien. So ist das auch mit allen anderen gesellschaftlichen Gruppen, die ausgegrenzt werden und bei denen man sich die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe nicht aussuchen kann (Drogensüchtige, Behinderte, kulturelle Minderheiten). Diese Selbstabwertung ist dann oft so extrem, daß sie keinerlei Bezug zur Realität hat.

Aussenseiter haben oft recht unrealistische Vorstellungen davon, wie gut oder schlecht sie in bestimmten Bereichen sind - wobei es zwei Extreme gibt - einerseits gibt es Menschen die, wenn sie ausgegrenzt werden, die Vorstellung entwickeln sie wären die einzig Guten und der Rest der Welt wären alles Arschlöcher. Das ist die gesundere Variante, da es zeigt, daß derjenige nicht bereit ist, sich durch die Ausgrenzung unterkriegen zu lassen. Die zweite Gruppe sieht sich selber als der schlechte, minderwertige und die anderen als durchweg besser an.
11 Viele Sekten haben einzelne, prominete Mitglieder, die als Aushängeschild dienen. Selten werden an diese dieselben Forderungen gestellt, wie an die anderen. Man will sie nicht vergraulen. Auch das ist ein Versuch, gegen Ausgrenzung anzukämpfen - ein - "Seht her wie toll wir sind". Außenseiter versuchen oft in bestimmten bereichen besonders gut zu sein. Das mag zu einem Einserzeugnis führen - oder aber dazu, daß jemand sich als Klassenkaspar betätigt.
12 Wer öffentlich berechtigte Kritik an einer Sekte übt, wird oft Repressalien ausgesetzt. (Gerichts- verhandlungen, tätliche Angriffe, Verleumdungs- kampagnen) Übertriebene Aggressivität ist ein Zeichen daß jemand an seine Toleranzgrenzen gestoßen ist siehe auch: V15. Kersti: Was ist Toleranz?
Aussenseiter reagieren auf Ablehnung aus denselben Gründen oft - aber nicht immer ungewöhnlich aggressiv.
13 Aggressives Vorgehen gegen Personen, die die Sekte verlassen wollen, ist sehr häufig. Aus dem Gefühl heraus von der "bösen" Außenwelt bedroht und allein auf der Welt zu sein, wird ein Austrittsversuch als ein dem Bösen zuwenden und als Androhung eines Angriffes verstanden. - Selbst dann, wenn vielleicht rein persönliche Gründe der Grund für den Austritt sind, die mit der Einstellung zur Sekte nichts zu tun haben. Diese Einstellung ist aus vorhergegangene Angriffe auf die Sekte zurückzuführen. Auch Außenseiter reagieren zutiefst verletzt auf Dinge, die andere nicht einmal als Ablehnung verstehen würden. Auch das ist auf vorangegangene schlechte Erfahrungen zurückzuführen.
14 Die meisten Sekten haben Decknamen und Unter- organisationen, so daß man es nicht sofort erkennt, wenn man es mit einer Sekte zu tun bekommt. Mit Sektennamen auswendiglernen kommt man nicht weit. Da die Sekte oft angegriffen und verleumdet wird, wenn sie unter ihrem wahren Namen auftritt, wagen sie bald nicht mehr ihren wirklichen Namen zu benutzen. Leider hat das den Nebeneffekt daß oft Leute oder Organisationen als Teile einer Sekte verschrien werden, die mit der betreffenden Organisation nichts zu tun haben. Außenseiter bekommen oft von anderen Spitznamen aufgedrückt - andererseits entwickeln sie aber auch oft Probleme zu sich selbst zu stehen.
15 Beinahe jede Sekte behauptet, sie wäre keine Sekte... Die Ausgrenzung wird als so verletzend empfunden, daß man nicht darüber reden und nachdenken mag. Außenseiter reden höchst ungern über ihre Außenseiterrolle
16 Der Glaube, die Rettung der Welt rechtfertige jedes Mittel, das Mitglieder anwenden könnten. (Hexen- verbrennungen ...) Eine allgemein menschliche Reaktion auf das Gefühl bedroht zu werden besteht darin zwanghaft nach jedem denkbaren Strohhalm zu greifen - selbst wenn die entsprechende Methode an sich gefährlich sein sollte. Vergleiche dazu:
V23. Kersti: Sucht - seelische Ursachen
Außenseiter greifen in ihrer Verzweiflung oft auch zu Mitteln, die ihre Probleme nicht nur nicht lösen, sondern auch zusätzlichen Schaden anrichten.

Quellen

Die Angaben zu Mobbing stammen im Wesentlichen aus folgendem Buch:

Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.
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