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erste Version: 1/2004
letzte Bearbeitung: 6/2012

VA163.

Die Wirkung indirekter Kritik

Beispielgeschichte, Kersti:

Ich hoffe du nimmst es mir nicht übel wenn ich sage, daß du ziemlich unglaubwürdig auf mich wirkst?

In einem Mailontakt beantwortete ein Mailpartner eine Aussage zu einem einzelnen Erlebnis von mir mit
"Hallo Kerstin, ich hoffe du nimmst es mir nicht übel wenn ich sage, daß du ziemlich unglaubwürdig auf mich wirkst?"
Tatsächlich war er mit diesem Satz bei mir durch den Charaktertest gefallen.

Er hat eine sachbezogene Aussage mit einem persönlichen Angriff beantwortet. "..., daß du ziemlich unglaubwürdig auf mich wirkst?" ist keine Aussage über die mögliche Richtigkeit eines Ereignisses sondern eine Aussage über meine Persönlichkeit, bei der er zudem noch nicht einmal begründet hat, wie er zu dem Schluß kommt. Daher ist es als direkte Antwort auf eine einzelne Aussage zu was auch immer schon ein Unding. Wenn er es dann noch bringt, einen solchen Satz mir "... ich hoffe du nimmst es mir nicht übel wenn ich sage, ..." einzuleiten, dann ist er endgültig durchgefallen, denn damit fordert er, daß ich zu wenig Selbstachtung habe, um solche Beleidigungen übel zu nehmen.

Daneben gibt es natürlich einen anderen Grund, warum man es möglicherweise nicht übel nimmt: Man hält den Sprecher für jemanden, dessen Urteil nicht beachtenswert, weil sein Verhalten moralisch indiskutabel ist und nimmt ihm deshalb nichts übel. Aber das kann er wohl kaum gemeint haben. Da er gerade durch meinen Charaktertest gefallen war, war er mir solch heftige Gefühle wie "übel nehmen" tatsächlich nicht wert.

"Hallo Kerstin, ich hoffe du nimmst es mir nicht übel wenn ich sage, daß du ziemlich unglaubwürdig auf mich wirkst?"
hätte für mich in meiner Schulzeit völlig ausgereicht, daß ich mich nicht traue auch nur ein weiteres Wort zu sagen, und ich wollte diese Formulierungen deshalb nicht unwidersprochen hinnehmen.

Ein Sachdiskussion darf nicht mit einer Abwertung der Person beantwortet werden.

Der Satz: "Hallo Kerstin, ich hoffe du nimmst es mir nicht übel wenn ich sage, daß du ziemlich unglaubwürdig auf mich wirkst?" ist eine Aussage über die Person, die zudem im Folgenden in keiner Hinsicht begründet wird. Das heißt mein Gesprächspartner teilt mir mit, daß er mich für einen Lügner hält, verrät mit keinem Wort wie er auf den Gedanken kommt. Da ich eine persönliche Erfahrung so geschildert hatte, wie sie tatsächlich war, bleiben mir dann nur folgende Möglichkeiten solchen Situationen auszuweichen:
  • Ich rede überhaupt nicht mehr über persönliche Erlebnisse
  • Ich fange an zu lügen, um seinen Ansprüchen an "wahre" Geschichten zu genügen
  • Ich lasse es zu daß er mich ständig wegen meiner Erlebnisse als Lügner beschimpft
  • Ich entferne mich von derartig asozialen Elementen

Die anderen möglichen Reaktionen, mit denen man seinen Unglauben hätte ausdrücken können, wie:
"Ich kann das nicht glauben."
"Das erscheint mir unlogisch/unglaubwürdig."
"Das paßt nicht zu dem, was ich bisher darüber weiß."
oder unfreundlicher
"Hör endlich damit auf so einen Blödsinn zu reden."
"Verschon mich mit diesen Fantastereinen."

sind keine Aussage über die Person sondern beziehen sich ausschließlich auf das diskutierte Erlebnis. Sie wären deshalb weitaus angemessener.

"Hör endlich damit auf so einen Blödsinn zu reden."
"Verschon mich mit diesen Fantastereinen."
sind ein direktes Redeverbot, zwar nicht sehr freundlich, aber so eindeutig, daß man sich wehren darf - und kann - ohne daß irgendjemand dann nachher behauptet, man hätte keinen Grund sich zu wehren. Das heißt, man fühlt sich nicht so hilflos ausgeliefert.

"Ich kann das nicht glauben."
"Das erscheint mir unlogisch/unglaubwürdig."
"Das paßt nicht zu dem, was ich bisher darüber weiß."
drücken zwar auch Unglauben aus - werten das Gegenüber aber nicht ab und halten von der Formulierung her die Möglichkeit offen, daß die Ursache des Unglaubens vielleicht auch bei dem liegen könnte, der es nicht glauben kann.

Das "ich hoffe du nimmst es mir nicht übel" macht es noch schlimmer. Da gibt jemand Gemeinheiten und Unverschämtheiten von sich und fordert dann noch von dem, den er so beleidigt hat, daß er es nicht übel nehmen solle. Es gibt nur zwei mögliche Gründe warum jemand so etwas nicht übel nehmen könnte.

  • Ich verachte ihn so sehr, daß er mir solch heftige Gefühle nicht wert ist
  • Ich habe so wenig Selbstbewußtsein, daß ich nicht in der Lage bin, mich zu verteidigen
Ersteres wird er wohl kaum gemeint haben, letzteres ist ein ernstaft bösartiger Wunsch.

Die Grenzen der Realität und die Grenzen des menschlichen Vorstellungsvermögens

Egal ob ein Mensch eine ungewöhnliche Krankheit oder Behinderung hat, ob er einen Nobelpreis für etwas bekommt, was nicht gleich nachgebaut werden kann - all diese Leute machen die Erfahrung, daß ihnen ihre Erfahrungen von einigen Leuten einfach nicht geglaubt werden - und was viel schlimmer ist, Ärzte sind, wenn sie sich die Gefahren, die ihnen ein Patient schildert, nicht vorstellen können, oft nicht bereit einen Handschlag anders zu machen, als gewohnt, mit manchmal lebendgefährlichen Konsequenzen. Wenn jemand wegen Albinismus sehbehindert ist, ohne gleich blind zu sein, nehmen es ihnen andere übel, wennn sie auf der Straße nicht erkannt werden. Und besagte Physiker mit Nobelpreis erhielten von ungläubigen Kollegen Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen.

Jedes beliebige Weltbild enthält nur einen Teil von dem, was in der Realität tatsächlich existiert, weil unser geistiges Fassungsvermögen begrenzt ist. Doch viele Menschen sind nicht einmal bereit, in Betracht zu ziehen, daß nicht die Auskunft ihres Gegenübers falsch sein könnte, sondern ihr Weltbild. Und sie sind nicht einmal bereit, Arbeit zu sparen, wenn sie dazu in Betracht ziehen müßten, daß derjenige, der ihnen etwas aus ihrer Sicht unvorstellbares erzählt, recht haben könnte.

Das bringt absolut jeden Menschen, der aus dem üblichen Rahmen fällt, immer wieder in wirklich prekäre Situationen.

Kersti

V4. Kersti: Merkwürdige Erfahrungen
V15. Kersti: Was ist Toleranz?
V17. Kersti: Brief über angemessenen Umgang mit Verleumdungen
V33. Kersti: Wie wird man zum Verschwörungstheoretiker?
V82. Kersti: Meinungsfreiheit - Wer könnte Zensur üben?
V92. Kersti: ...als hätte ihnen jemand das Denken verboten!
V93. Kersti: Fantasyersatz und die Scheißwahrheit...
V94. Kersti: Eine Sammlung sämtlicher denkbarer Verrücktheiten
V107. Kersti: Der Unterschied zwischen konstruktiver und freundlicher Kritik
V140. Kersti: Die zerstörerische Arroganz der herrschenden Meinung
V146. Kersti: Wahre Weisheit klingt naiv
V153. Kersti: Seelischer Schutz vor Konflikten
V154. Kersti: Prinzipien der kollektiven Entscheidungsfindung
V159. Kersti: Warum ich nicht hasse
V230. Kersti: Kriterien zum Bau eines realistischen Weltbildes: Repräsentative Ergebnisse und Ausnahmen
V234. Kersti: Fantasy und Wahrheit
V243. Kersti: Ist die Schulmedizin wirklich so schlecht, wie das hier auf meiner Internetseite erscheint?
V244. Kersti: Warum Vertreter von Außenseitermeinungen besser informiert sind, als Vertreter weit verbreiteter Meinungen
V248. Kersti: Spielverderber - oder - Wer sind die Guten?
V277. Kersti: Das Prinzip der Narrenfreiheit
V285. Kersti: Keine Liebe ohne "Nein"
V294. Kersti: Warum Außenseitermeinungen für Fachleute schwerer zu verstehen sind als für Laien
V299. Kersti: Der Unterschied zwischen Elitebewußtsein und Standesdünkel
V300. Kersti: Ohne eigene Erfahrungen keine zutreffende Theorie
V301. Kersti: Um Außenseiter zu integrieren, muß man die Gemeinschaft ändern, die ausgrenzt
V302. Kersti: Strafe dafür, daß man etwas schon vor den anderen kann
V308. Kersti: Aussenseiterkarrieren - wie sie entstehen, was sie verhindern kann
V309. Kersti: Gibt es Aussenseitereigenschaften?
V312. Kersti: Manchmal wünschte ich mir, ich hätte wenigstens in irgendeinem Bereich eine durchschnittliche Begabung
VA1. Kersti: Sekteneigenschaften als Folge von Ausgrenzung
VA2. Kersti: Hoffnungslosigkeit und doch nicht aufgeben
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VA18. Kersti: Der Unterschied zwischen gleich und gleich
VA31. Kersti: Warum es unmöglich ist, bei vorurteilsgeladenen Themen auf Wörter zu verzichten, die als abwertend gelten
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VA316. Kersti: Warum reden manchmal die angemessenste Handlung zur Lösung eines Problems ist
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Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im Voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.
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